Kreativität und Systematik – ein Widerspruch?

Regelmäßige Leser dieses Blogs haben den Namen Günter Faltin bereits einige Male hier gelesen. Faltin ist Gründer der Teekampagne, Autor des wunderbaren Buches „Kopf schlägt Kapital“ (das ich auf diesem Blog besprochen habe) und Professor für Entrepreneurship in Berlin. In dieser Funktion organisiert er interessante Veranstaltungen wie den Entrepreneurship Summit in Berlin und das Labor für Entrepreneurship, zu dem er regelmäßig Gründer und Berater einlädt, die er dort interviewt. Diese Interviews werden auf dem Blog des Labors für Entrepreneurship für alle zugänglich gemacht.
Ich habe kürzlich das bereits etwas zurückliegende Gespräch mit Eugen Muchowski zum Thema Geschäftsmodell-Innovation gesehen. Muchowski stellte dort sein Vorgehen vor, das als Komponente das systematische Hinterfragen von Annahmen und Parametern von Businessmodellen beinhaltet. Während Muchowski dies tat sagte Faltin zweimal einen Satz der mich zusammenzucken lies und der mich nun zu dieser Klarstellung bewegt: „Es klingt nach Kreativitätstraining, aber eigentlich hat es mehr mit Systematik zu tun.“

Meine Interpretation – und vielleicht verstehe ich Herrn Faltin ja falsch – ist, dass er Kreativität und Systematik zu trennen versucht bzw. die beiden als nicht zusammen gehörend betrachtet.

Kreativität als Neues, das Nutzen bringt

In diesem Artikel argumentiere ich, dass Systematik ein elementarer Bestandteil von Kreativität ist. Wie systematisch ein kreativer Denkprozess ist, hängt vom Feld der Anwendung ab.
Kreativität definiere ich kurz als „Neues, das Nutzen bringt“. Für wen dieser Nutzen ist, ist Gegenstand einer langjährigen wissenschaftlichen Debatte in der Kreativitätsforschung, darauf werde ich hier nicht eingehen.
Systematik kommt in der Kreativität gleich in mehrfacher Hinsicht vor:

Kreativität als Prozess

Übereinstimmung in der Kreativitätsforschung und Praxis herrscht darüber, dass Kreativität ein Prozess ist und nur in den seltensten Fällen durch plötzliche und zufällige Einsicht entsteht. Dieser Prozess ist nicht streng linear, dennoch lässt sich dieser Prozess explizieren und in konkrete Schritte unterteilen. Auch hier gibt es unterschiedliche Modelle wie Creative Problem Solving, Design Thinking, TRIZ etc. Allen gemeinsam ist die Unterteilung in drei große Komponenten:

  • Klärung: Hier geht es darum herauszufinden, was genau die Frage ist auf die ich Ideen und Lösungen entwickeln möchte. Auch Faltin und Muchowski haben in Ihren Beispielen erst einmal definiert in welchem Prozess der Kunde sich befindet, bevor sie überlegt haben, wie ein neues Businessmodell dazu aussehen könnte.
  • Transformation: Hier geht es darum auf eine Frage Ideen zu entwickeln, die dann schrittweise zu Lösungen weiterentwickelt werden.
  • Implementation: Von Kreativität spricht man nur dann, wenn es ein Ergebnis des Denkens gibt, wenn etwas getan wird. Jemand der viele Ideen hat, aber keine davon zur Umsetzung bringt bleibt auf halben Wege stecken.

Viele Menschen folgen intuitiv einem solchen Prozess. Der Vorteile von Prozessmodellen ist, dass der Kreativitätsprozess explizit wird und effektiver gestaltet werden kann.

Kreativitätstechniken zur Unterstützung des kreativen Prozesses

Innerhalb des Kreativitätsprozesses können nun – müssen aber nicht – Kreativitätstechniken zum Einsatz kommen. Diese sind „strukturierte Strategien, die das Denken eines Individuums oder eine Gruppe organisiere und leiten.“ Die bekannteste dieser Kreativitätstechniken ist Brainstorming. Brainstorming ist eine sehr wenig systematische Technik, die lediglich versucht durch das Anhäufen von Ideen neuen Lösungen zu finden. Ich habe den Eindruck, als Faltin den Gegensatz von Kreativitätstraining und Systematik konstruierte, dass er dabei an ein Vorgehen wie Brainstorming dachte. Sehr viele Kreativitätstechniken sind jedoch äußerst systematisch, wie zum Beispiel das von Muchowski angesprochene Vorgehen, Annahmen zu hinterfragen. Als Kreativitätstechnik ist dieses Vorgehen bekannt als „assumption smashing“, Edward deBono nennt es Fluchtmethode.
Es gibt über hundert Kreativitätstechniken, die sich zur Entwicklung neuer Ideen eignen. In der Kreativitätsforschung gibt es immer wieder Versuche, diese sinnvoll zu kategorisieren.
Eine Kategorisierungsart ist die Unterscheidung zwischen analytischen / linearen und intuitiven Kreativitätstechniken (Michalko, Couger, Grube & Schmid, Geschka).

Der Grad der Systematik hängt vom Einsatzgebiet der Kreativität ab

Der Forscher Dean Simonton hat sich in seinen Forschungsarbeiten mit wissenschaftlicher Kreativität beschäftigt und hat dabei argumentiert, dass wissenschaftliche Kreativität wesentlich mehr Beschränkungen unterworfen ist, als andere Bereiche der Kreativität wie zum Beispiel die künstlerische Kreativität. Ideen in der Wissenschaft können nicht ohne Logik und wissenschaftliche Fakten entwickelt werden. Ganz ähnlich verhält es sich mit Ideen zur Geschäftsmodellentwicklung. Auch diese müssen sich an Parametern und wirtschaftlichen Fakten orientieren bzw. bestand haben.

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