Die Rolle der Inkubationszeit im Kreativprozess

Viele Menschen würden unterschreiben, dass sie zum kreativ sein Zeit und Ruhe brauchen. Auch Forschungen zu einem Organisationklima, das Kreativität unterstützt, hat Ideenzeit als einen wichtigen Faktor identifiziert. Das bedeutet, Menschen brauchen Zeit, um kreativ zu sein und Kreativität braucht seine Zeit.
Wenn wir in unseren Kreativitätstrainings die Leute fragen, wann und in welchen Situation sie oft gute Ideen bekommen, dann hören wir häufig Antworten wie „beim Sport“, „beim spazieren gehen“, „auf der Toilette“ und „unter der Dusche“. All dies sind Situationen, in welchen die Menschen nicht unter Druck stehen, ihre Gedanken schweifen lassen können und in denen viele Einfälle bekommen.

Gleichzeitig kann es so etwas wie Kreativität auf Knopfdruck geben. Hier wartet man nicht bis einen die Muße küsst, sondern versucht zu einer bestimmten Zeit bewusst kreativ zu sein. Diese Situation herrscht zum Beispiel bei unseren Innovationsworkshops und Innovationsprojekten vor. Dabei kommt auch Zeitdruck zum Einsatz, d.h. wir haben nicht alle Zeit der Welt und können nicht warten, bis die Inspiration zu uns kommt, sondern müssen diese zu uns holen.
Es gibt sogar spezielle Kreativitätstechniken wie die von Horst Geschka entwickelte 6-3-5 Methode (die Amerikaner sagen Brainwriting dazu), die explizit mit einem Zeitlimit arbeiten. 6-3-5 steht hierbei für 6 Personen, 3 Mal wechseln und 5 Minuten Zeit. Hintergrund ist hierbei, dass verhindert werden soll, dass die Menschen zu lange grübeln und damit zu schnell Ideen wieder verwerfen. Das Zeitlimit soll die Menschen zwingen, möglichst schnell auch weniger durchdachte Ideen aufzuschreiben.

Diese beiden Phänomene beschreiben ein Kontinuum der Förderung von Kreativität, das in der Forschung als die let-it-happen und make-it-happen Ansätze beschrieben wird.

Zeitdruck und Inkubationszeit kombinieren

Diese beiden Enden des Kontinuums müssen sich auch nicht wiedersprechen, sondern können gut miteinander kombiniert werden.
Man kann zu einer festen Zeit und in einem bestimmten Zeitrahmen sich bemühen kreativ zu sein. Dazu ist es natürlich trotzdem notwendig eine Stimmung und ein Klima zu schaffen, das Kreativität unterstützt. Ganz ähnlich gehen viele Künstler und Schriftsteller vor: Diese warten nicht ab und hoffen, dass die Inspiration irgendwann kommt, sondern setzen sich jeden Tag diszipliniert hin und beginnen ihren Schaffensprozess. Ob, und was genau dabei herauskommt lässt sich vorher nicht sagen, wichtig ist die Disziplin es zu versuchen.

Nach einer Phase der bewussten Kreativität auf Knopfdruck lässt sich eine Phase absichtlicher Inkubationszeit einschieben. Während der Inkubationszeit versucht man nicht bewusst und „erzwungen“ an einem Thema weiter zu arbeiten, sondern lässt Dusch- oder Toilettensituationen zu und mit etwas Glück und Zufall, kommen weitere Ideen. Die vorangegangene Phase der bewussten Anstrengung ist dafür allerdings sehr hilfreich. Louis Pasteur sagte so schön: „Der Zufall begünstigt den vorbereiteten Geist.“

In unserer Arbeit mit Kunden nutzen wir diesen Effekt auf verschiedene Art und Weise.
In einem Innovationworkshop, der normalerweise nur 1 – 3 Tage dauert, versuchen wir nach der Ideenentwicklung einen Abend Pause einzulegen, bevor wir am nächsten Morgen in die Bewertung und Auswahl der Ideen gehen. Oft kommt es dabei vor, dass den Teilnehmern über Nacht oder während des Abendessens noch weitere Ideen gekommen sind, die wir dann am nächsten Morgen noch in die Sammlung mit aufnehmen können.

In unseren Innovationsprojekten, die wir gemeinsam mit Kunden durchlaufen, können zwischen zwei Schritten im Innovationsprozess mehrere Tage und Wochen liegen, die wir zur Inkubation nutzen können. So kann nach der genauen Definition der Innovationsstoßrichtungen und des Schrittes der Ideenentwicklung eine Woche Zeit liegen, die wir dann nutzen können, um schon einmal Ideen fest zu halten, die uns während dessen einfallen.

Wichtig ist dabei nur, dass alle Teilnehmer die Gewohnheit entwickeln, die Einfälle, die während der Inkubationszeit entstehen auch wirklich festzuhalten und nicht darauf zu vertrauen, dass diese einem zur rechten Zeit schon wieder einfallen werden.

Diese Kombination der Ansätze veranlasste einen Teilnehmer eines Innovationsworkshops einmal so schön zu der Feststellung, dass duschen zwar hilfreich ist, alleine aber nicht ausreicht.

2 Kommentare auf “Die Rolle der Inkubationszeit im Kreativprozess
  1. Stefan sagt:

    Hey Florian!

    Ist dir schon mal aufgefallen, dass beim Autofahren der Fahrer mit einem kurzen Seitenblick zumeist schneller das Ziel in der Straßenkarte erblickt als der Beifahrer? So zumindest meine Beobachtung! In dem äußerst geringen Zeitfenster von höchstens einer Sekunden und in dem Dilemma eigentlich nach vorne zu schauen, sind die Sinne des Fahrers geschärfter. Entweder hat er das Ziel gleich erkannt oder leitet den Beifahrer durch wenige Fragen höchst effizient zur Orientierung an.
    6-3-5 fällt für mich in diese Kategorie, -besser gesagt: 6-1-5. Bei 6-2,3-5 könnte ja auch ein bisschen Synektik, ein bisschen Analogie im Spiel sein. Ich muss unter Zeitdruck mit den Ideen meine Vorgänger etwas anfangen – sie in der kurzen Zeit verstehen oder interpretieren. Dies über Schlussfolgerungen oder Analogien! Oder?

    Gruß Stefan

    • Hi Stefan,

      eine interessante Beobachtung.
      Ich denke der 6-3-5 Methode ist es egal, wie der Anwender zu seinen Idee kommt. Solange er diese überhaupt bekommt und die in einem bestimmten Zeitfenster.
      Ich denke Analogie etc. können da sicher helfen.

      Gruß

      Florian

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