Manchmal kommen Organisationen an einen Punkt, wo den Mitarbeitenden nicht (mehr) klar ist, wo die Reise hingeht, wo Teams gefühlt nicht mehr an einem Strang ziehen und es regelmäßig Grundsatz-Diskussionen über die Richtung und die nächsten Schritte gibt. Darunter leiden dann auch die Effektivität und Produktivität, weil es kein klares Verständnis davon gibt, woran wir die Sinnhaftigkeit unserer Handlungen messen. Im besten Fall wurschteln wir vor uns hin, im schlimmsten Fall stecken wir Energie in Dinge, die sich im Nachhinein als überflüssig herausstellen. Wonach sich alle sehnen, ist ein klareres Verständnis davon, warum Dinge getan werden und was die Organisation damit erreichen möchte.

Eine klare und von den Menschen mitgetragene Mission und Vision der Organisation kann genau diese Lücke schließen! Sinnvoll formuliert, handelt es sich dabei nicht um nette (also nichtssagende und austauschbare) Worthülsen, die dann in irgendeiner Schublade verschwinden. Ganz im Gegenteil: Ein klares Verständnis des Unternehmenszwecks, der Mission und der Vision sorgen für Klarheit, Orientierung und bilden die Grundlage für eine wirkungsvolle Strategie. Diese Klarheit kann große Energie in den Menschen freisetzen, bewusst und fokussiert in die gewünschte Richtung zu gehen. Sie können auch als Orientierung für Externe dienen, die sich dann entscheiden können, mit der Organisation zusammen zu arbeiten.

Wir von creaffective unterstützen unsere Kunden immer wieder im Rahmen von Prozessen der Strategiearbeit, Zweck (neudeutsch Purpose), Mission und Vision neu zu justieren und darauf aufbauend eine Strategie und Ziele abzuleiten.

2021 haben wir diesen Prozess, den wir sonst als Facilitator bei unseren Kunden begleiten für uns selbst durchgeführt. Das wir nicht unser erster Prozess dieser Art, aber es war wieder notwendig geworden. Auch wir waren an einen Punkt gekommen, an dem wir regelmäßig die oben erwähnten Grundsatz- und Richtungsdiskussionen geführt haben.

Mit unseren Kunden lief der Prozess oft mit sehr vielen Beteiligten ab – wir hatten auch schon digitale und physische Großworkshops mit bis zu 120 Personen im Rahmen solcher Begleitungsprogramme. In unserem Fall haben wir den Prozess im gesamten Team zu siebt in einem virtuellen Format durchlaufen.

Es gibt dabei nicht die eine Best Practice, die vorgibt, wie diese Arbeit ablaufen muss – dafür ist das jeweilige Umfeld zu komplex. Es gibt aber ein grundlegendes Schema, dem wir bisher in der Arbeit mit unseren Kunden und auch in unserem eigenen Anliegen gefolgt sind. Dieses möchte ich in diesem Artikel schildern.

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Begriffe klären: Purpose, Mission und Vision

Aus der Erfahrung mit Kunden weiß ich, dass es teilweise ziemlich unterschiedliche Definitionen gibt, was genau eine Mission oder eine Vision ausdrückt. Besonders bei Mission und Vision stehen die unterschiedlichen Definitionen teils im Gegensatz zueinander. Wichtig ist aus unserer Erfahrung, dass die Gruppe, die sich am Prozess beteiligt ein gemeinsames Verständnis hat. Ob dies dann der Lehrmeinung (die es in verbindlicher Form sowieso nicht gibt) entspricht, ist dabei nicht zentral.

Wir haben es für unseren Prozess wie folgt festgelegt:

  • Der Zweck oder Purpose beantwortet die Frage, wozu es uns gibt, was unser Seinszweck ist. Es ist auch unser Antreiber, den Status Quo zu verändern.
  • Die Mission beschreibt was wir konkret tun, um das, was uns antreibt, zu verändern / zu erfüllen. Es ist unsere Antwort auf unseren Zweck.
  • Die Vision ist ein idealisiertes Bild der Zukunft und beschreibt, was wir durch unser Handeln in Zukunft erreichen möchten, oder wozu wir beitragen möchten.

Mit diesen Definitionen sind wir in den Prozess gestartet.

Einige unserer Kunden definieren lediglich Mission und Vision und nicht den Zweck. Entweder, weil dieser bereits klar ist oder weil dieser nicht für notwendig erachtet wird und als Teil der Mission gesehen wird. Wir haben bewusst mit der Unterteilung in Zweck und Mission gearbeitet, weil wir in unserer Beschäftigung mit Soziokratie 3.0 mit dem Konzept von „Treibern“ arbeiten und diese Unterteilung für uns Mehrwert bringt.

Schritt 1: Erste Ideensammlung

Sobald wir eine ausreichend gute Definition der Begriffe haben, können wir loslegen.

In einem ersten Schritt geht es nun darum, erste Formulierungen zu generieren. Das machen wir idealerweise alleine, ohne sich mit anderen abzusprechen. Mit einer Gruppe von Koreanern habe ich kürzlich ein Vorgehen in Zweierteams gewählt, weil das deren Arbeitsweise besser entsprochen hat. Es gibt also schon hier Varianten im Vorgehen.

Diese erste individuelle Ideensammlung kann auf einen der Bausteine (also Purpose, Mission oder Vision) bezogen sein, oder auf alle parallel. Auch hier hängt es wenig vom konkreten Setting up, ob wir sequenziell oder parallel arbeiten.

Schritt 2: Besprechung der Erstideen

Nach einer Phase der Eigenarbeit werden die Gedanken kurz vorgestellt und besprochen. In unserem Fall mit lediglich sieben Personen haben wir das für alle Ideen gemacht. Im Fall des erwähnten digitalen Großworkshops – ich erinnere an die 120 Teilnehmenden – mussten wir das Vorgehen anpassen.

Schritt 3: Überarbeite Version erstellen

Nachdem alle die Ideen und Gedanken der anderen gehört haben, haben alle noch einmal die Chance, eine zweite Version zu erstellen. Dabei können Elemente und Inspirationen von anderen mit aufgenommen und eingearbeitet werden.

Schritt 4: Identifizieren der Favoriten

Nun wird die zweite Version der Formulierungen vorgestellt und erklärt. Dann werden mittels einer Punktebewertung einige wenige Formulierungen identifiziert, für die die meisten in der Gruppe Energie und ein gutes Gefühl haben. Diese überschaubare Anzahl an Formulierungen dient nun als Basis für den nächsten Schritt.

Schritt 5: Vorschläge in Kleingruppen erstellen

Bis inklusive Schritt 4 kann man gut in Form eines Workshops arbeiten, der in einem Rutsch durchgeführt wird. Für diesen fünften Schritt kann es hilfreich sein, mehr Zeit zu geben (z.B. einige Tage oder Wochen), damit eine Kleingruppe nun konkrete Vorschläge erarbeiten kann. Erst dann kommt die Gesamtgruppe wieder workshopartig zusammen.

Eine Kleingruppe von zwei bis vier Leuten entwickelt nun, basierend auf den priorisierten Formulierungen, konkrete Vorschläge für Zweck, Mission und Vision, die dann beim nächsten Treffen beschlossen werden sollen. Idealerweise handelt es sich dann um eine Formulierung pro Baustein. Manchmal ist das aber auch noch nicht möglich und es wird mehrere Optionen geben.

Schritt 6 – x: Verabschieden einer Formulierung

Je nach Situation kann es nun noch einen letzten Schritt geben, oder es bedarf noch weiterer Zwischenschritte.

Es kommt vor, dass die Kleingruppe nun für jeden Baustein eine konkrete Formulierung entwickelt hat, die nun der Gruppe vorgestellt wird. Möglicherweise hatten die Beteiligten vorher schon die Möglichkeit, diese Version zu sehen und Kommentare abzugeben. Dann kann man dieses Feedback auch vorher schon einarbeiten.

So oder so geht es jetzt darum, die Formulierungen zu finalisieren und zu verabschieden. Das kann in Kleingruppen per Konsens passieren, also alle stimmen zu und sagen aktiv ja zu den Formulierungen. Oder aber per Konsent (anbei ein Video, in dem ich das Konsent erkläre), d.h. wir prüfen, ob es Einwände gegen die Formulierungen gibt. Falls nicht, werden die Formulierungen beschlossen. Falls es Einwände gibt, müssen wir diese integrieren und die Formulierungen anpassen.

Der letzte Aspekt kann möglicherweise mehrere Schleifen erforderlich machen.

In unserem eigenen Prozess sind wir von creaffective mit mehr als einer Formulierung in den sechsten Schritt gestartet. Wir haben die verschiedenen Optionen dann mithilfe des systemischen Konsensierens (eine Art Widerstandsabfrage) auf eine kleinere Anzahl reduziert und dann daraus eine Formulierung gemacht, die wir dann am Ende per Konsent beschlossen haben.

Je nach Situation braucht es hier am Ende ein leicht angepasstes Vorgehen, das sich im Vorfeld nur bedingt planen lässt.

Unser Ergebnis

Wie die Abbildung unseres Miro-Boards erahnen lässt, haben sich bei uns im Prozess viele Varianten und Optionen ergeben. Am Ende waren wir dann jedoch sehr nahe beieinander und haben uns nur noch in Nuancen der Formulierung unterschieden.

Die Formulierungen für unsere drei Bausteine lauten nun wie folgt (falls jemand bis hier gelesen hat und nun neugierig ist):

  • Unser Purpose: „Weg von fremdbestimmten Prozessen und sinnentleerten Vorgaben – hin zu zukunftsfähigen Arbeitsweisen.“
  • Unsere Mission: „Wirkungsvolle Zusammenarbeit ko-kreativ gestalten – ohne Dogma und Bullshit-Bingo.“
  • Unsere Vision: „Eine Arbeitswelt, in der Menschen in Organisationen wirklich etwas bewegen können!“

Dazu gibt es auch eine Reihe von Begleittexten, die unsere Gedanken noch einmal ausführlicher festgehalten haben, die wir nun in unterschiedlicher Form weiter nutzen können.

Diese drei Formulierungen bildeten nun die Grundlage für einen Prozess der Ableitung unserer neuen Strategie und Ziele, welchen wir dann Ende 2021 ebenfalls durchgeführt haben. Dieser Prozess konnte dann sehr fokussiert und klar verlaufen, jetzt da wir durch die obigen Formulierungen für uns Klarheit hatten, warum es uns gibt, was wir tun und wo wir hinwollen. (Den Strategieprozess werde ich in einem weiteren Post schildern)

Es war spannend selbst zu erleben, wie viel sich verändern kann, wenn eine Gruppe erst einmal Antworten auf diese Fragen hat.

Sie brauchen Unterstützung für den Strategie-Prozess in Ihrer Organisation? Nehmen Sie Kontakt mit uns auf! Wir unterstützen Sie gerne.