Wir alle sind Metriken (auch Kennzahlen genannt) in vielen Aspekten unseres täglichen Lebens gewohnt:
- Social Media Apps messen die Anzahl an Likes und die Anzahl an Kommentaren zu jedem Post.
- Das Fitness Armband motiviert mich dazu, meine „Rekord-Serie“ nicht abbrechen zu lassen.
- In vielen Ländern gibt es einen Wert für die Kreditwürdigkeit eines Menschen. In Deutschland zum Beispiel den Schufa Score.
- In (Brett-)Spielen geht es immer darum eine gewisse Anzahl an Punkten zu erreichen, um zu gewinnen.
Und natürlich kennen wir alle Metriken aus dem Unternehmenskontext, wo es Zielvorgaben gibt oder Methodiken wie OKRs (Objectives and Key Results) oder „Story Points“ im Rahmen der Scrum Methodik zur Softwareentwicklung.
Für Entscheider in Unternehmen: Kennzahlen können als Werkzeug natürlich nützlich sein. Metriken sind sogar wichtige Koordinationsmaßnahmen in größeren Organisationen und daher sinnvoll. Im Autopilot eingesetzt erzeugen sie jedoch fast zwangsläufig Fehlanreize und Umgehungsverhalten. Die eigentliche Führungsleistung liegt darin, Metriken bewusst und reflektiert zu gestalten und mit Verfallsdatum zu entscheiden. Hinweise, wie das gehen könnte, werde ich im Artikel geben.
Metriken als neues Phänomen
Für jemanden aus dem Mittelalter wäre unsere Kennzahlen-Welt und die damit einhergehenden Optimierungsaktivitäten völlig fremd. Im wahrsten Sinne des Wortes eine andere Welt.
Weil wir alle bereits an die Verbreitung von Metriken gewohnt sind, reflektieren die meisten von uns nur noch wenig darüber. Kennzahlen gehören einfach zum Leben dazu. Das wunderbare Buch „The Score“ des amerikanischen Philosophieprofessors C. Thi Nguyen hat mein Bewusstsein noch einmal dafür geschärft, welche Konsequenzen der verbreitete Einsatz von Kennzahlen in einer Gesellschaft und in Organisationen hat. Es zeigt auch auf, warum Metriken zwar in Spielen dafür sorgen, dass die Spieler Spaß am Spiel haben, aber auf der Ebene von Gesellschaften und Organisationen zu allerlei Dysfunktionalitäten und Ärger führen.
Es lohnt daher besonders für Menschen in Entscheiderrollen in Unternehmen sich mit dem Wesen von Metriken genauer zu befassen, um bessere Entscheidungen für die eigene Organisation treffen zu können.
Metriken als „Technologie“
Nguyen definiert Metriken als „eine Technologie, die den Prozess der Herstellung von Bedeutung zentralisiert. Metriken entqualifizieren uns also für den Prozess, unser eigenes Gespür für Bedeutung zu entwickeln.“
Anders gesagt: Die Metriken und nicht wir selbst legen fest, was wichtig ist! Um diese Festlegung zu machen, braucht es eine Gruppe von Menschen, die die Macht hat, für alle anderen über Bedeutung zu entscheiden.
Diese Technologie der Metriken führt dazu, dass sich die „Tiefenstruktur unseres sozialen Lebens verändert“. So kann man beobachten, dass manche Menschen nur noch in ein bestimmtes Café gehen, weil sich dort gute Bilder für Instagram schießen lassen, die dann wiederum zu vielen Likes führen werden.
Diese Veränderungen betreffen sowohl die Gesellschaft als Ganzes als auch Organisationen.
Auf eine Kennzahl reduziert
Bei Metriken wird ein ursprünglich meist qualitativer Wert, z.B. wie gut eine Universität ist, oder wie gut zwei Menschen miteinander harmonieren könnten auf eine Zahl verdichtet. Die Universität bekommt einen Score im Universitätsranking. Dating-Apps oder Agenturen rechnen für zwei Menschen einen Matching-Score aus. Es reicht nach dieser Denke dann, sich einfach auf die Personen mit den höchsten Werten zu konzentrieren.
Was diese Logik mit einer Gesellschaft machen kann, kann man in einer empfehlenswerten Doku über Partnervermittlungs-Agenturen in Korea sehen.
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Mehr InformationenDie Konsequenzen von Metriken
Die weite Verbreitung von Kennzahlen führt zu einer Reihe an Konsequenzen:
- Metriken steuern unsere Aufmerksamkeit.
Was die Metrik misst, wird von uns beachtet. Auch Aspekte, die wir früher als unwichtig abgetan hätten, werden nun relevant, einfach nur deshalb, weil die Kennzahl sie misst. - Metriken simplifizieren und reduzieren Komplexität.
Ein Innovationsvorhaben mit noch hoher Ungewissheit wird auf eine Nummer in einer Portfolio-Betrachtung reduziert.
Nguyen erklärt das am Beispiel der Bildschirmzeit als Kennzahl auf Smartphones: „Die Kategorie «Bildschirmzeit» wirft nun aber all diese Dinge in einen Topf. Sie spiegelt eine schon vorab getroffene Entscheidung wider, die Unterschiede zwischen dem Anschauen von YouTube-Clickbait und der Herstellung von Kunst zu ignorieren. Dahinter steckt die Annahme, dass die Übertragungsmethode – das Gerät – wesentlich wichtiger ist als das, was man auf dem Gerät tut.“ - Metriken sind gleichmachend, alles wird auf den selben Wert reduziert.
„Die Metrik von Twitter fängt den Unterschied zwischen jemandem, der eine Sekunde lang über einen Tweet gelacht hat, und jemandem, der davon bis ins Mark erschüttert worden ist, nicht ein. Wenn beide einfach nur auf Like klicken, dann gelten sie für die Plattform gleich viel.“ - Metriken steuern, was gut/ richtig und was weniger gut ist.
„Wenn wir es institutionellen Metriken erlauben, unsere Werte festzulegen und unsere Leben zu bestimmen, dann führt dies dazu, dass wir dem nachjagen, was leicht zu zählen ist, und nicht dem, was wirklich wichtig ist.“ - Metriken führen zu Standardisierung.
Da eine Eigenschaft von Kennzahlen ist, alles in einem nummerischen Wert auszudrücken, führt dies dazu, dass Dinge so standardisiert werden müssen, dass es möglich ist, einen solchen Wert abzuleiten. So wird aus „form follows function“ „function follows form“!
Damit beeinflussen Metriken auch das Verhalten von Menschen. Menschen versuchen eine Kennzahl in die richtige Richtung zu treiben, weil sie daran gemessen werden.
Metriken haben außerdem die Tendenz von einem bloßen Indikator (z.B. Vitamin-D-Gehalt im Blut) zu einem Ziel zu werden, bei dem es dann darum geht die Zahl zu beeinflussen, also nach oben oder unten zu treiben.
Sind Menschen erst einmal daran gewohnt, dass alles was wichtig zu sein scheint in einer Zahl ausgedrückt werden kann, dann übernehmen sie diese Logik schnell in ihrem Denken.
Nebenwirkungen von Kennzahlen
Metriken haben meist auch nicht intendierte Nebenwirkungen. (Hierzu empfehle ich das Buch „sinnlose Wettbewerbe“). Diese resultieren meist daraus, dass Metriken zu einer Simplifizierung und Verengung der Wahrnehmung führen und eben die wahre Komplexität auf Kosten der Realität ausblenden.
Zwei Beispiele:
Wer als Privatpatient im November in ein Krankenhaus kommt, das die jährliche OP-Kennzahl noch nicht erreicht hat, der hat eine besonders hohe Wahrscheinlichkeit eine nicht notwendige Operation zu erfahren. Schließlich hängt die Bezahlung des Personals zum Teil vom Erreichen der OP-Ziele ab.
Viele Unternehmen haben im Zuge des KI-Hypes Kennzahlen ausgerufen, die die „Qualität“ von Programmieren unter anderem daran messen, wie viele KI-Tokens (die Recheneinheit der KI-Modelle) diese verbrauchen. NVIDIA CEO Jensen Huang sagte in einem Interview in 2026, dass er „deeply alarmed“ wäre, wenn ein amerikanischer Programmierer mit einem Gehalt von 500.000 Dollar nicht mindestens 250.000 Dollar an Token-Kosten produzieren würde. Die entsprechende Kennzahl führte zu einem Verhalten namens „Tokenmaxxing“. Dabei werden der KI Bullshit-Aufgaben gegeben, die möglichst viele Tokens verbrauchen. Jetzt, da die KI-Anbieter auf eine token-basierte Abrechnung umgestellt haben, führt dieses erlernte Verhalten dazu, dass die KI-Kosten der Unternehmen explodieren ohne dass Mehrwert entsteht! Jetzt werden – Sie ahnen es schon – weitere Kennzahlen eingeführt, um die Effizienz der KI-Nutzung zu messen und zu steuern.
Metriken betreiben „Objektivitätswäsche“
Ähnlich wie das Greenwashing funktioniert die Objektivitätswäsche. Dadurch, dass etwas in einer messbaren Zahl ausgedrückt wird, wirkt es objektiv. Dass das dahinter liegende Konstrukt Quatsch sein kann (wie der Matching-Score der koreanischen Vermittlungsagenturen), wird dann schnell ausgeblendet. Besonders, wenn viele Kennzahlen nebeneinander gelegt werden.
Metriken haben die Tendenz, das zu erfassen, was leicht zu messen ist, also oft Trivialitäten.
Erst kürzlich habe ich mit einigen Vertretern eines Kunden einen Innovationsworkshop vorbereitet. Teil der Vorbereitung war es, konkrete Fragen zur Ideen- und Lösungsentwicklung zu definieren. Auf diese Fragen werden wir dann im Workshop Ideen entwickeln. Es gab eine Diskussion darüber, wie man Wohlbefinden in Innenräumen steigern könne, also ein noch recht qualitatives Ansinnen, das ein reales Kundenbedürfnis adressiert. Einer der Teilnehmer plädierte dafür, sich lieber auf die Konzentration bestimmter Partikel in der Raumluft zu konzentrieren, mit der Begründung, dass dieser Aspekt leichter messbar sei und damit sowohl für Ingenieure und Controller besser handhabbar wäre. Das ist sicherlich korrekt. Ob die so entwickelten Produktideen den Nutzen für den Kunden noch adressieren, ist damit nicht mehr relevant.
Es gilt also die Logik: einfache Zählbarkeit > tatsächliche Wichtigkeit.
„Metriken tendieren dazu, unseren Fokus auf das einfach und mechanisch Zählbare zu richten und ihn damit von subtileren Bedeutungsschichten abzulenken.“
Die Kennzahl wird zum Ziel und vergisst den eigentlichen Zweck
Das Ziel eine bestimmte Kennzahl zu erreichen führt häufig dazu, dass der eigentliche Zweck, warum die Kennzahl einmal eingeführt wurde, vergessen wird. Diese Feststellung wird auch Goodharts Gesetz genannt. Dies führt dann wiederum leicht zu unintendierten Effekten.
Ein Beispiel von einem Kunden: Ein technisches Unternehmen hatte das Anliegen, seine Innovationskraft zu steigern. Um besser „messen“ zu können, ob die Organisation auf dem richtigen Weg ist, hatte man sich überlegt, die Anzahl an Erfindungsmeldungen (der Vorläufer eines Patents) pro Abteilung zu messen. Ein Konzern, der etwas auf sich hält, will die Anzahl nicht einfach nur messen. Der Kunde hat auch ein konkretes Mindestziel an Erfindungsmeldungen pro Abteilung vorgegeben, die am Ende des Geschäftsjahres eingereicht sein mussten.
Dies führte dazu, dass bei creaffective drei Monate vor Ende des Geschäftsjahres des Unternehmens Anfragen einliefen für Innovationsworkshops mit dem Ziel Erfindungsmeldungen zu generieren. Auf die Frage, was denn im Nachgang mit den Lösungen passiere lautete die Antwort: „Wahrscheinlich nichts, das ist aber auch egal. Es geht nur darum die vorgegebene Anzahl an Erfindungsmeldungen an die Patentanwälte melden zu können.“ Auch wenn es leicht verdientes Geld gewesen wäre, haben wir die Anfrage zum Innovations-Theater dankend abgelehnt.
Was bedeuten Metriken nun für Organisationen?
Computertechnologie und die damit verbundenen Möglichkeiten der Mathematisierung und Quantifizierung der Welt führen dazu, dass die Nutzung von Metriken immer „normaler“ wird und verbreitet ist.
Wie gezeigt, können so schnell Eigendynamiken entstehen und nicht intendierte Nebeneffekte. Ich bin sicher, durch die Verbreitung von KI-Modellen wird sich diese Entwicklung potenzieren und auch die Nebenwirkungen werden dadurch zunehmen.
Entscheider in Organisationen haben das verständliche Bedürfnis, die Organisation zu verstehen und diese sinnvoll steuern zu können. Aggregierte Kennzahlen auf Dashboards scheinen ein phantastischer Weg zu sein, diesem Kontroll- und Steuerungswunsch gerecht zu werden. Und leisten dabei wirklich oft gute Dienste!
Als Organisationsberater weise ich Kunden auf die meist nicht zu vermeidenden Konsequenzen hin, die mit dem Einführen von Kennzahlen einhergehen, besonders im Rahmen von Organisationsentwicklung und Veränderungenvorhaben. Es sind immer Gegenreaktionen oder Workarounds zu erwarten. Diese befriedigen oberflächlich den Prozess und bedienen die Kennzahl (wir spielen Theater), erreichen aber den erhofften Zweck nicht oder führen zu allerlei Dysfunktionalitäten in der Organisation. Trotzdem kann die Einführung einer Metrik sinnvoll sein. Es sollte nur kein Automatismus werden.
In Gesprächen mit Kunden geht es mir vor allem darum, dieses Bewusstsein mit in den Entscheidungsprozess einfließen zu lassen. Aus meiner Sicht ebenfalls relevant ist es beim Einführen einer Metrik einen Zeitpunkt zu definieren, an dem wir prüfen, wie die Kennzahl funktioniert und welche Effekte sich durch die Kennzahl ergeben haben. Manche Effekte kann man beim Einführen einer Kennzahl nicht wissen oder vorhersagen. Daher ist es sinnvoll zu prüfen, ob das Festhalten an einer Kennzahl weiterhin sinnvoll ist. Dann braucht es den Mut, die vorher getroffene Entscheidung wieder anzupassen. Daher arbeiten wir gerne mit der Logik von Veränderungs-Experimenten, was diese Kurskorrektur einfacher macht.
Nicht selten ist eine qualitative Einschätzung und Bewertung sinnvoller im Sinne des Anliegens als der Fokus auf eine Kennzahl. Bezug nehmend auf das obige Video: In Korea ist Scheidungsrate innerhalb der ersten vier Jahre unter den Metrik-vermittelten Paaren extrem hoch. Es kann eben nicht alles, was wichtig ist für eine gelingende Beziehung, in einer Kennzahl ausgedrückt werden.


