PISA ist „nur“ die Spitze des Eisbergs

In der letzten zwei Wochen ist einiges zusammen gekommen. Es wurden die aktuellen PISA-Ergebnisse veröffentlich und damit Debatten und Analysen losgetreten, wie diese Ergebnisse nun zu interpretieren seien und was nun zu tun sei.
Ich hatte endlich die Gelegenheit den phantastischen Dokumentarfilm Alphabet zu sehen, der sich sehr kritisch mit unserem heutigen weltweiten Schulsystem auseinander setzt und auch die Schulsituation des PISA-Siegers China dokumentiert.

Im Moment bin ich wieder in China und konnte einige spannende Gespräche führen mit Geschäftsführern mittelständischer und großer Chinesischer Unternehmen sowie Vätern und Müttern genau zu den Themen Bildungssystem, Kreativität und Innovation.
Und schließlich beschäftige ich mich im Rahmen meiner Arbeit als Innovationcoach und Trainer für systematisches kreatives Denken intensiv mit der Frage, was Menschen kreativ bleiben / werden lässt.

Den PISA Test und die Ergebnisse sehe ich vor diesem Hintergrund mit gemischten Gefühlen.

Tests und Benchmarks als zweischneidiges Schwert

Das Gute an PISA ist, dass Messung mit einem sichtbaren Ergebnis statt findet. Die Messergebnisse können als Grundlage dienen für eine Diskussion und Reflektion über unser Bildungssystem. Am Beispiel Deutschland kann man sehen, dass so ein Testergebnis auch den Anstoß zu Veränderungen geben kann.

Die andere, negative Seite solcher Tests wie PISA gibt es jedoch auch. Die Folgen sind aus meiner Sicht nicht zu unterschätzen:

Ein Test führt schnell zu einer Messbarkeitsillusion in dem Sinne, dass wir glauben, alles bildungsrelevante mit standardisierten Tests messen zu können. Die Dinge die mit solchen Test nicht gemessen werden können (wie zum Beispiel Persönlichkeitsentwicklung, kreative Fähigkeiten) werden dann schnell ausgeklammert, bzw. als nicht wichtig oder relevant erachtet, weil sie nicht gemessen werden können.

Alle Tests, die Vergleiche mit anderen einschließen und Lücken sichtbar machen, führen dazu, das die „Verlierer“ die Lücken schließen wollen. Das zeigt sich schön in der Industrie, wenn Autos oder andere Produkte getestet werden und Unterschiede zutage treten. Dann überlegen alle Firmen sofort, wie sie die Lücken schließen können, um zum Benchmark aufzuholen. Ob das dabei sinnvoll ist oder nicht, wird meist nicht mehr reflektiert. Man kann sich durchaus die Frage stellen, ob ein Geländewagen in Punkto Komfort mit einem Rolls Royce gleich ziehen muss. Diese Überlegungen werden dann jedoch schnell hinten angestellt, denn es sind ja „Gaps“ zum Benchmark sichtbar.

Das führt wiederum dazu, dass die vom Test gemessenen Dimensionen automatisch auch normativ werden, d.h. wir glauben, dass es wichtig und erstrebenswert ist in den getesteten Dimensionen gut abzuschneiden und das diese Inhalte (z.B. Mathematik oder Sprachkenntnisse) wichtiger sind als andere Fertigkeiten, die nicht getestet werden. Ich möchte damit nicht sagen, dass Mathematik oder Sprachkenntnisse unwichtig sind. Ich glaube aber nicht, dass jeder Mensch darin exzellente Leistungen erbringen muss (Stichwort MINT Initiative) und dass wir versuchen sollten, alle Menschen auf ein hohes Niveau in diesen Disziplinen zu bringen. Denn verschiedene Menschen haben unterschiedliche Talente und Interessen und es ist fatal, nur gewisse Bereiche über alle anderen zu erheben und den Rest hinten anzustellen. Auch die sogenannten wirtschaftlichen Notwendigkeiten können dafür nicht herhalten. Sir Ken Robinson hat in seinen berühmten TED Reden sinngemäß gesagt: „Wir maßen uns an zu glauben heute die wichtigen Fertigkeiten für den Rest des Lebens unserer Kinder bestimmen zu können, dabei wissen wir nicht einmal was nächste Woche gefragt sein wird.“

Schließlich fördern standardisierte Tests und viele Prüfungen allgemein das Lernen um der Prüfungen willen. Es geht ja schließlich darum, in einem Test gut abzuschneiden. Man spricht hier auch von Testintelligenz, die man fördern und ausbilden kann. Das sehr prüfungslastige und extrem kompetitive Schulsystem in den asiatischen Ländern (die die ersten fünf Plätze im PISA Ranking belegen) fördert diese Testeintelligenz. Das heißt jedoch nicht, dass es erstrebenswert wäre, es ihnen gleich zu tun. Im Gegenteil in China verkümmern durch das prüfungsgeile Bildungssystem viele andere wichtige Fähigkeiten, wie die Fähigkeit zum kreativen Denken und die Entwicklung von reifen und selbstständig denkenden Persönlichkeiten. Dies geben die Chinesen, Taiwanesen, Singapurer auch unumwunden zu.

Das asiatische Bildungssystem dient nicht als allgemeines Vorbild für uns

Im Film Alphabet gibt der PISA-Vater bei einem Besuch in Shanghai selbst zu, dass er seinen eigenen Kindern dieses System nicht zumuten möchte, aber „die Testergebnisse sprechen ja für sich.“ Nein, tun sie nicht!
Das durfte ich gestern auf einer zweistündigen Autofahrt mit einem chinesischen CEO lernen, der sich sehr für chinesische Philosophie und Kulturgeschichte interessiert und mit dem ich eine sehr spannende Unterhaltung dazu führen durfte. Das System der standardisierten Prüfung ist eine chinesische Erfindung, die vor über 1000 Jahren zur Auswahl der kaiserlichen Beamten eingeführt wurde und später von den Briten mit in den Westen gebracht wurde. Im heutigen China wird die standardisierte Prüfung als der gangbarste Weg gesehen auf einigermaßen objektive, gerechte und bei der Masse von Menschen handhabbare und durchführbare Art und Weise die Fähigkeiten von Schülern und Bewerber zu bewerten. Damit hätten auch Kinder aus ärmeren Familien eher eine Chance auf gute Bildungsinstitutionen zu kommen und dies passiert in den letzten 10 Jahren in China auch verstärkt. Wenn auf einen Studienplatz mehrere Tausende Bewerber kommen, braucht man nicht mit Empfehlungsschreiben und Bewerbungsgesprächen anfangen, diese sind bei der schieren Masse an Menschen wenig praktikabel. Das dabei der Bogen überspannt wird, merken die PISA-Sieger selbst. Die Kinder haben weniger freie Zeit als ihre Eltern (und in Asien gibt es keine „gemütliche“ 40 Stunden Woche), sind mit dem Kindergarten in einem Leistungssystem bei dem kreatives Denken und alles was Kind sein ausmacht schnell ausgetrieben wird. Wie sagte es eine Freundin aus Singapur so schön: „Die Kinder hier haben keine Kindheit.“

Die Konsequenz zumindest für China ist nun auch, dass viele Unternehmen sich mit Innovation sehr schwer tun, weil auf Fertigkeiten des kreativen Denkens in der Erziehung nicht nur keinerlei Wert gelegt wird, sondern diese systematisch ausgetrieben werden. Sarkastisch könnte man sagen, schön für uns, wir werden nun dafür bezahlt, diese wieder zu trainieren.

Leistungsvergleiche wie PISA messen daher nur die Spitze eines Eisbergs. Viele andere Aspekte die uns Menschen ausmachen und die ebenfalls wichtig sind, sind unter der Testoberfläche und für diese Test nicht sichtbar und messbar. Dies sollten wir in der Diskussion nicht vergessen.

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