Übersichtsseite mit allen Begriffen zum Glossar Organisationsentwicklung.
Dieser Begriff sorgt meist für Schmunzeln oder Stirnrunzeln, wenn jemand noch nie davon gehört hat.
Brauchbare Illegalität bezeichnet eine funktionale Regelabweichung. Funktional im Sinne der Organisation oder im Sinne des großen Ganzen. Es handelt sich um einen „guten“ Verstoß gegen Gesetze des Staates oder der Organisation (im Sinne von formalen Erwartungen und Vorschriften).
Brauchbar ist diese Form der Illegalität deshalb, weil ein „stures“ Festhalten an den Regeln oder Gesetzen offensichtlich zu Nachteilen führen würde.
Notwendig ist brauchbare Illegalität deshalb, weil es unmöglich ist, im Vorhinein formale Regeln zu definieren, die immer und in allen Situationen sinnvoll sind. Würde man sich immer an alle Regeln halten, würde die Organisation oder auch ein Staat zum Stillstand kommen.
Beispiele für brauchbare Illegalität:
- Die Regeln der Airline schreiben vor, dass jeder Fluggast 2×23 Kilo mitnehmen darf. Wer sich genau an die Regeln hält, darf daher nicht ein Gepäckstück mit 26 Kilo mitnehmen, sondern müsste den Inhalt auf zwei Koffer verteilen. Je nachdem, an wen man beim Check-in kommt, ist ein Koffer mit 26 Kilo ein Problem oder nicht. Wenn es ein Baggage Drop Automat ist, sogar ein großes Problem, weil diese Maschinen keinen gesunden Menschenverstand haben und stur (wie chinesisches Sicherheitspersonal) der Vorschrift folgen.
- Als 2022 in nur „wenigen Monaten“ ein neues Flüssiggas-Terminal in „Deutschland-Geschwindigkeit“ errichtet wurde, um die Auswirkungen auf Gas-Verfügbarkeit der russischen Invasion in die Ukraine abzufedern, wurde ganz viele Regeln und Vorschriften nicht so genau genommen. Es war dringend und zwei Ministerien, sowie das Kanzleramt machten Druck.
Brauchbare Illegalität ist notwendig!
Der sicherste Weg eine Organisation zu „sabotieren“ ist es, sich immer penibel an alle Vorschriften zu halten, also „Dienst nach Vorschrift“ zu machen. Schnell würde der Betrieb ins Stocken geraten oder ganz zusammenbrechen.
Wohl überlegte Regelabweichungen sind daher für Organisationen überlebenswichtig und es wird sogar meist kulturell erwartet innerhalb der Organisation.
Die Komplexität der Welt und Umwelt von und in Organisationen ist über genau ausdefinierte Regeln nicht beherrschbar! Daher sind Organisationen darauf angewiesen (auch wenn sie das offiziell nicht zugeben dürfen), dass Menschen sich wohl überlegt und bewusst manchmal über Regeln hinweg setzen.
Ein IT-Anwalt hat mir einmal erklärt, dass es für Firmen unmöglich sei, alle DSGVO-Vorschriften einzuhalten. Man müsse sich immer entscheiden, welche man verletzen möchte, um den Geschäftsbetrieb noch aufrecht zu erhalten.
Es ist riskant sich brauchbar illegal zu verhalten
Gleichzeitig sind Regelabweichungen riskant und können im schlimmsten Fall dafür sorgen, dass jemand entlassen wird oder einen negativen Eintrag in die Personalakte bekommt. Deswegen findet man brauchbare Illegalität in staatlichen Behörden tendenziell etwas weniger als in Wirtschaftsunternehmen. Das hat Vor- und Nachteile.
Brauchbare Illegalität ist damit immer ein Spannungsfeld in dem sich Menschen bewegen.
In seinem gleichnamigen Buch zur brauchbaren Illegalität bringt Organisationssoziologe Stefen Kühl es folgendermaßen auf den Punkt:
Organisationale Klugheit liegt also weder in einem sklavischen Befolgen von außen vorgegebener oder von der Organisation selbst gesetzter Regeln, noch in deren prinzipieller Ignorierung, sondern in der Ermöglichung punktueller Abweichungen.

