Übersichtsseite mit allen Begriffen zum Glossar Organisationsentwicklung.

Alle bisherigen Posts in diesem Glossar haben eines gemeinsam: Sie betrachten Organisationen und die dort beobachtbaren Phänomene aus der Brille der Systemtheorie (auch soziologische Systemtheorie). Der wichtigste Vertreter der Systemtheorie ist Niklas Luhmann auf dessen Arbeiten sich die meisten nachfolgenden Arbeiten beziehen.

Ein System wird definiert als eine zusammengesetzte Einheit bestehend aus interagierenden und in Beziehungen stehenden Elementen und Akteure. Es ist abgegrenzt von und gekoppelt mit seiner Umwelt. Beschrieben werden kann das System durch seine Systemgrenzen einerseits, sowie die Struktur des Systems.

Die Systemtheorie betrachtet auch Organisationen als Systeme, die sich in einem größeren Wirtschaftssystem bewegen. Gleichzeitig hat jeder Organisation eine „ökologische Nische“, die die spezielle Umwelt der Organisation darstellt. Organisationen als System streben danach in ihrer Umwelt zu überleben und sich so anzupassen, dass das Überleben auch in Zukunft sichergestellt ist.

Menschen sind nicht Teil von Organisationen!

Auf den ersten Blick unintuitiv und definitiv anders als das alltägliche Verständnis: Menschen sind nicht Teil von Organisationen, sie sind Umwelt der Organisation! Menschen sind jedoch mit der Organisation durch Rollen gekoppelt. Für die Betrachtungsweise von Organisationen ist diese Feinheit relevant: In dieser Sicht braucht eine Organisation zwar Menschen, um Kommunikationen und Handlungen zu erzeugen. Die Menschen sind jedoch grundsätzlich austauschbar. So kann eine Organisation ihre Gründer überdauern. Es gibt die Rolle CEO in einer Organisation. Diese Rolle ist zu einer bestimmten Zeit mit einer bestimmten Person gekoppelt. Sollte diese Person einmal nicht mehr sein, dann funktioniert die Organisation mit der Rolle CEO grundsätzlich trotzdem. Damit sind Menschen aus systemtheoretischer Sicht austauschbar: Austauschbar sind Menschen aufgrund der Formalisierung von Abläufen, die so gestaltet werden, dass diese von verschiedenen Menschen ausgefüllt werden können. Die Austauschbarkeit und damit auch Entkopplung von Personen und Handlungen ist einer der Mehrwerte von Organisationen.

In dieser Logik nutzen Organisationen Menschen, um sich zu organisieren. Gruppen bestehen aus Beziehungen (diese brauchen Menschen um zu prozessieren).

Entscheidungen als zentrale Einheit

Bei Luhmann ist Kommunikation die zentrale Einheit in Organisationen. Diese können zu Handlungen führen:

Auch bezogen auf Organisationen heißt dies, dass die dort zu beobachtenden Handlungsmuster als Ergebnis von Kommunikation erklärt werden können (auch wenn sie als Handlungen „ausgeflaggt“ werden). Kommunikation ist kausal dafür, dass die Handlungen unterschiedlicher Akteure (= Kommunikationsteilnehmer) verzahnt werden. Erst Kommunikation macht aus solitär handelnden Individuen Teilnehmer an sozialen Systemen und erst Kommunikation bringt soziale Systeme hervor. (Simon, 2015)

Die Metatheorie der Veränderung, die auf Luhmann aufsetzt betrachtet Entscheidungen und die Kommunikation über diese Entscheidungen als die zentrale Einheit in Organisationen. (Merkes, Eidenschink, 2021)

weitere Aspekte von Systemtheorie

Es gibt einige weitere Aspekte, die die Systemtheorie von anderen Betrachtungsweisen auf Organisationen unterscheidet (Grubendorfer, 2023):

  • zirkuläre statt kausale Erklärungen
    Es werden zirkuläre statt kausale Erklärungen genutzt. Es wird nicht in Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen gedacht, sondern in Netzwerken, Rückkopplungen, Schleifen und Kreisen. Statt dass Objekte isoliert betrachtet werden, wird auf die Relationen zwischen Objekten geschaut.
  • Anerkennung von nicht-linearen Zusammenhängen
    Statt dass in linearen Zusammenhängen gedacht wird, wird vermutet, dass kleine Impulse große Auswirkungen haben können und große Impulse verpuffen können.
  • Organisationen als nicht-triviale Systeme
    Unternehmen werden als nichttriviale soziale Systeme betrachtet, die nicht kontrollierbar sind. Die Zukunft eines Unternehmens kann nicht vorhergesagt oder berechnet werden.
  • Unternehmen als autopoietische Systeme
    Ein Unternehmen wird als ein sich selbst erzeugendes (autopoietisches) System gesehen, das durch sein Netzwerk an Interaktionen seine eigenen Grenzen aufbaut und innerhalb dieser Grenzen abgeschlossen funktioniert.

Die Systemtheorie ist eine spezielle Art auf Organisationen zu schauen und führt damit zu bestimmten Analyse-Erkenntnissen und im nächsten Schritt zu Handlungsempfehlungen.

systemtheoretisch ungleich systemisch

Seit einigen Jahren sehr verbreitet ist der Begriff „systemisch“. So gibt es viele systemische Coaches und Berater. Es gibt zwar Ähnlichkeiten, dennoch ist systemisch nicht mit systemtheoretisch gleichzusetzen.

Kurz einige wichtige Unterescheidungsmerkmale:

Systemische Beratung

Systemisch kommt aus der Familienberatung. Die Symptome des Einzelnen sind eine Funktion von dysfunktionalen Beziehungen in Familien.
Wichtige Vertreter Fritz Simon und Gunther Schmidt.

Prämisse: Bedenke den Kontext!
Der Kontext ist genauso relevant wie das Symptom. Nicht jedes Problem kann personalisiert werden, oft ist auch die Umwelt beteiligt.

Der Fokus liegt auf dem System und dem Kontext. Das System besteht aus dem System und der Umwelt. Aus Sicht der Systemtheorie unpräzise, weil das System sich hier selbst enthält.

Die systemische Beratung hat eine Vielzahl an Tools entwickelt, wie z.B. zirkuläres Fragen oder paradoxe Interventionen.

Systemtheorie

Systemtheoretisch geht zurück auf Luhmann und Maturana

Die Systemtheorie ist ein Denkwerkzeug, das unterschiedliche Dynamiken mit den gleichen Prinzipien erklärt.
Geht damit über die Unterscheidung zwischen System und Umwelt hinaus.

Die Systemtheorie ist deutlich abstrakter und hilft bei der Reflexion: Dadurch lassen sich in sich schlüssige Ableitungen treffen, mit denen man begründen kann, warum man als Berater bestimmte Dinge macht oder nicht macht.

In der Teamentwicklung arbeitet man systemtheoretisch z.B. mit Beziehungensmustern und nicht mit den Personen. Im Unterschied zur systemischen Beratung lassen sich hiermit leichter Muster verstehen, ohne den spezifischen Kontext genau zu kennen.

Quellen:

  • Cynefin Basecamp 2021
  • Grubendorfer, C. (2023). _Einführung in systemische Konzepte der Unternehmenskultur_. Carl-Auer Verlag GmbH.
  • Merkes, Ulrich, und Eidenschink, Klaus (2021). _Entscheidungen ohne Grund – Organisationen verstehen und beraten: Eine Metatheorie der Veränderung_. 1. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
  • Simon, Fritz B. (2015) Einführung in die systemische Organisationstheorie. 5. Aufl. Carl-Auer Verlag GmbH