Die Tyrannei des Konsens

Es ist immer wieder spannend zu hören, wie in den meisten Organisationen in Teams Entscheidungen getroffen werden. Am stärksten verbreitet sind zwei Arten: Entweder der Chef trifft eine Entscheidung und kommuniziert diese dann an das Team oder das Team trifft gemeinsam eine Entscheidung.

Wenn ich dann nachfrage, was gemeinsam eine Entscheidung treffen bedeutet, dann stellt sich heraus, dass die meisten Teams solange diskutieren, bis ein Konsens gefunden wurde.

Konsens heißt dabei, dass am Ende alle aktiv „ja“ sagen zu einem dann vorliegenden Vorschlag. Den Weg zu diesem Konsens beschreiben meine Ansprechpartner meist als langwierig, unproduktiv und oft frustrierend. Am Ende ist oft keiner mehr mit der Lösung zufrieden, aber es war der kleinste gemeinsame Nenner auf den sich dann noch alle einigen konnten. Das Ergebnis fühlt sich dabei nur selten gut an.

Konsens ist für die ideale Welt

Eigentlich ist Konsens ja etwas sehr Löbliches. Alle können aktiv „ja“ zu einer Lösung sagen und finden sich in einer Entscheidung (fast) vollständig wider. So müsste es sein in einer idealen Welt. Wirklich möglich ist das jedoch nur selten, zum Beispiel in kleinen Teams, die sich auf die Lösung eines Problems konzentrieren, welches alle sehr stark motiviert und das für alle hoch relevant ist.

In den meisten anderen Situationen, also in größeren Gruppen und komplexen Organisationen ist Konsens nicht oder nur sehr schwer möglich. Wenn Gruppen, dann trotzdem nach Konsens streben, dann „gewinnt“ oft der mit dem größten Sitzfleisch, der länger als alle anderen durchhält.

Derjenige/ Diejenigen, die nicht aktiv „ja“ sagen, haben dabei oft unterschiedliche Gründe. Es kann in der Tat ein sachliches Argument geben, aber auch genauso gut politische oder persönliche Erwägungen. Die Minderheit ist dann wie ein Tyrann, der durch das Verweigern des Konsens die ganze Gruppe blockieren kann.

Konsent, eine Alternative, die immer möglich ist

Ein alternatives Verfahren, um in Gruppen Entscheidungen zu treffen, ist das Konsent-Vorgehen. Im Gegensatz zum Konsens ist Konsent immer möglich.
Konsent bedeutet, dass eine Entscheidung getroffen wird und ein Vorschlag angenommen wird, weil es keine Einwände gibt, die dagegensprechen.

Ein Einwand ist dabei definiert als ein auf beobachtbaren Daten basierter Grund, warum die Annahme eines Vorschlags einer Gruppe Schaden zufügen würde.
Damit bedeutet Konsent, dass jemand aktiv „nein“ sagt, wenn es gute Gründe gibt, die gegen einen Vorschlag sprechen. Ob ein Einwand valide ist, lässt sich dabei auch qualifizieren und so von reinen persönlichen Vorlieben, Eitelkeiten und politischem Taktieren trennen. Es gilt die Vorherrschaft des Arguments.

Im Konsent kann ich also mit einem Vorschlag nicht ganz glücklich sein, in dem Sinne, dass dieser nicht zu 100% meinen Vorstellungen entspricht. Trotzdem kann ich keinen Einwand dagegen haben, weil uns der Vorschlag nicht schaden würde und er „gut genug für den Moment ist und wir ihn ausprobieren können.“ Das heißt auch, dass wir die Entscheidung nach einiger Zeit wieder überprüfen und diese revidieren oder verändern können, falls sich die Datenlage verändert.

Kurz erklärt habe ich das Konsent Vorgehen auch in einer kürzlich veröffentlichten Episode der creaffective Hacks für Kreativität, Innovation und Agilität.

Konsent, ein Vorgehen für die komplexe Welt

Diese Haltung des „gut genug für den Moment und sicher genug, um es auszuprobieren“ ist meiner Meinung nach auch genau die Einstellung, die es braucht, um in einer sich schnell verändernden Welt mit viel Ungewissheit sinnvoll Entscheidungen treffen zu können. Das Streben nach Perfektion und die Angst vor Fehlern sind hier unangebracht, weil es zu viele unbekannte Variablen gibt.

Das Schöne am Konsent ist, dass dieser immer möglich ist: Wenn es einen stichhaltigen Einwand gibt, dann wird der Vorschlag zur Entscheidung so abgeändert, dass der Einwand integriert wird und es keine Gründe mehr gibt, die dagegensprechen. Dann gilt eine Entscheidung als angenommen.

Wer es noch nie erlebt hat, tut sich anfangs vielleicht schwer, sich vorzustellen, wie positiv sich die Dynamik in Besprechungen verändert.

Besprechungen bieten viel Optimierungspotenzial

Die meisten Unternehmen haben ihre Prozesse bereits intensiv analysiert und durchoptimiert, besonders in der Produktion. Meist außen vor bleiben weiche Gebiete wie zum Beispiel Besprechungen. Diese sind einfach zu wenig standardisiert und so schlecht quantitativ messbar. Trotzdem bieten diese vermutlich eines der größten Potenziale für Verbesserung in Unternehmen. Viele Menschen verbringen viel Zeit in mäßig produktiven Meetings. Diese finden halt einfach statt.

Aber auch hier gibt es Mittel und Wege, Besprechungen so durchzuführen, dass diese nicht nur produktiv sind, sondern auch Spaß machen. Das zeigt uns die Arbeit mit und das Feedback von unseren Kunden immer wieder aufs Neue.

Ausbildung zum Meeting-Manager

Um Organisationen hier konkrete Hilfe zu bieten, haben wir ein neues Format entwickelt: Eine Ausbildung zum Meeting-Manager. Hier lernen Teilnehmer, mit welchen Werkzeugen und Vorgehensweisen Teams Besprechungen durchführen können, die für den Zweck angemessen sind und deren Vorgehen produktiv zum Ziel führt.
Weitere Infos finden Sie auf unserer Website. Der erste Termin findet im September statt. Wir freuen uns auf Sie!

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