Innovation Assessments und Audits

Kürzlich hatte ich ein interessantes Gespräch zum Thema Innovation Assessments und Innovation Audits. Diese oft fragebogen- und checklisten-basierten Instrumente sollen Firmen einen quantitativen Einblick geben, wie die Organisation in Hinblick auf gemessenen Kriterien in Hinblick auf Innovation aufgestellt ist. Dies in absoluten Werten und oft auch relativ zu einer Vergleichsgruppe ähnlicher Unternehmen.

Diese Instrumente passen sicherlich gut in die zahlengetriebene Denke des „höher schneller weiter“, die ja in den meisten Unternehmen vorherrschend ist und zum Beispiel in börsennotierten Unternehmen systemimmanent meist leider vorherrschen muss.
Trotzdem möchte ich in diesem Artikel kritisch hinterfragen, wie wichtig und wie sinnvoll solche Innovation Assessments sind.

Verständnis der Mechanismen von Innovation

Check and Cancel Marks

Check and Cancel Marks

Es ist aus meiner Sicht auf jeden Fall sinnvoll in einer Organisation ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln, welche Faktoren Innovation beeinflussen, sowie ob und auf welche Weise eine Organisation innovativ ist. Diesen Ansatz verfolgen wir von creaffective auch zum Beispiel mit den von explizierten Handlungsfeldern der Innovation, wie in unserem Ebook beschrieben.
Wichtig dabei ist zu erwähnen, dass Einflussfaktoren und Handlungsfelder immer normativen Charakter haben. Das heißt, sobald wir es festlegen, nehmen wir an, dass man in diesem Handlungsfeld aktiv werden sollte. Wenn wir also die Möglichkeit zu Experimenten als ein Handlungsfeld der Innovation festlegen, dann sagen wir damit aus, dass es gut wäre, wenn eine Organisation diese Möglichkeiten einräumt.
Wir haben uns für 12 Handlungsfelder entschieden. Diese Entscheidung ist nicht willkürlich geschehen, jedoch lassen sich sicherlich ebenfalls begründet 10 oder 50 Felder festlegen.
Da Fragen in Innovations-Assessments eben allein durch das Abfragen bereits normativen Charakter haben, stellt sich mir schon die Frage wie detailliert man hier abfragen sollte, da ja nicht alles für alle Organisationen relevant sein muss.

Quantitatives versus qualitatives Verständnis von Innovation

Auch in anderen Bereichen, wie zum Beispiel dem PISA Test in Schulen, sehen wir die verbreitete Vorliebe für quantitative Messungen. In seinem Buch „sinnlose Wettbewerbe“ spricht der Autor Matthias Binswanger von der Messbarkeitsillusion, die durch das quantitative Messen von alles und jedem entsteht. Oft führt die quantitative Messung sogar zu einer Verdrängung der ursprünglich intendierten Qualität. Binswanger zeigt dies am Beispiel des Eiskunstlaufs: „Da diese nach der Zahl der Sprünge bewertet wird, liegt ihre Motivation darin, möglichst viele, quantitativ messbare Sprünge zu zeigen, und dieses Ziel verdrängt das ursprüngliche Ziel des Qualitätswettbewerbs.”
Ähnliche Fragen können sich bei der Innovation stellen. Eine Konsequenz von quantitativen Messungen ist, dass das Gemessene dann auch plötzlich wichtig erscheint, einfach dadurch, dass es gemessen wird. Mein Lieblingsbeispiel ist die Anzahl der Patente in Hinblick auf die Innovationskraft eines Unternehmens. Leider sagen diese fast nichts darüber aus, wie viele erfolgreiche neue Produkte ein Unternehmen auf den Markt bringt. Man kann die Patentzahl jedoch toll messen!
Ich gebe ein weiteres Beispiel: Einer unserer Kunden hat für seinen Innovationsprozess ein in Zahlen ausgedrücktes und sehr hoch gewichtetes Kriterium, das danach fragt mit welcher Wahrscheinlichkeit (von 1 – 10) bestehende Produkte durch die neue Idee nicht negativ beeinflusst werden. Ideen, die nun bestehende Produkte beeinträchtigen können, werden dann mit hoher Wahrscheinlichkeit gleich aussortiert. Schade für unseren Kunden, nimmt er sich doch hiermit die Chance auch über radikalere Ideen nachzudenken.

Benchmarking

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Teil von Innovations-Assessments und Audits ist dann gerne der Vergleich mit anderen ähnlichen Organisationen (Benchmarking). Die Konsequenz von Benchmarks ist leider ein fast reflexhaftes Bestreben der Unternehmen die durch das Benchmarking offenkundig gewordenen Lücken schließen zu wollen. Dabei wird oft wenig hinterfragt, ob das überhaupt sinnvoll ist und was es bedeutet, wenn wir die Lücke schließen möchten. Noch problematischer wird dieses Verhalten, wenn die Sinnhaftigkeit des zu vergleichenden Kriteriums zur Debatte steht (aber nicht diskutiert wird). In einem städtischen Parkhaus kann man die Ergebnisse dieses Lückenschluss-Reflexes beobachten: Die Autos aller Hersteller werden sich immer ähnlicher.
Beim gemessenen Kriterium Patentanzahl führt dies dann womöglich dazu, dass betroffene Unternehmen versucht „ohne Sinn und Verstand“ die Anzahl der Patente zu erhöhen. Leider führen solche messbaren Indikatoren fast immer zu „perversen Nebenwirkungen“ wie Binswanger es nennt. Wir hatten in der Tat eine Anfrage eines DAX 30 Unternehmens, das für eine bestimmte Abteilung die Anzahl der Erfindungsmeldungen erhöhen wollte und dazu eine Reihe von Workshops durchführen wollte. Auf die Frage, warum denn die Erfindungsmeldungen erhöht werden sollten war die Antwort: „weil das in meinen Zielen steht“.

Warum eigentlich?

Nicht zu vermeiden ist, dass jedes Assessment oder Audit eine Reihe von Grundannahmen hat, die nicht hinterfragt werden, die jedoch von einer Organisation, die ein Assessment durchführen möchte, kritisch hinterfragt werden sollten.

Einige dieser Annahmen, die ich bei unterschiedlichen Instrumente sehe, lauten:

  • Wachstum ist immer wichtig und erstrebenswert:
    Das ist es manchmal, aber nicht per se und nicht immer in den Raten, die sich viele Unternehmen vornehmen. Die Begründung vieler Wachstumsziele ist manchmal leider nur das Ego des Top-Managements.

  • Hohe Profitabilität ist ein Ziel an sich:
    Unternehmen müssen Geld verdienen, keine Frage (ich bin selbst Geschäftsführer eines Unternehmens). Ob die Profitabilität dabei möglichst hoch sein sollte, ist allerdings zu hinterfragen. Für mein neues Buch habe ich ein Interview mit Patagonia (bekannt hauptsächlich für Sportbekleidung) geführt. Das Unternehmen betreibt seine Projekte, um sein Unternehmenszweck unserer Umwelt möglichst wenig zu schaden, zu entsprechen. Dabei muss es Geld verdienen, um überleben zu können. Eine möglichst hohe Profitabilität seiner Produkte ist dabei nicht das Ziel, im Gegenteil, dieses Kriterium steht dem Unternehmenszweck sogar teilweise entgegen.

  • es ist wichtig möglichst weit vorne zu liegen in den gemessenen Ausprägungen
  • es ist toll eine quantifizierte Aussage zu haben
  • die Aussagen sind für alle Unternehmen sinnvoll
  • es handelt sich um hierarchisch organisierte Unternehmen, die bewertet werden
  • die gestellten Fragen sind per se beantwortbar und es handelt sich nicht um eine Garbage in, Garbage out System: „Wie hoch war der Impact von Design auf time-to-profit über die letzten drei Jahre?“

Hinterfragen!

In unserer Rolle als Innovationscoach und Berater möchten wir Kunden dabei unterstützen ein Vorgehen zu finden, das für sie Sinn macht (unter der Bedingung, dass die Richtung auch für uns vertretbar ist). Dafür ist ein Verständnis der Einflussfaktoren von Innovation wichtig. Ich möchte nicht in Abrede stellen, dass dazu auch ein quantitatives Verständnis einiger Indikatoren hilfreich sein kann.
Für mich steht davor noch die Frage, was wir messen wollen und warum. Dann erst kommt die Frage ob es quantitativ gemessen werden sollte.

Binswanger bezweifelt aus meiner Sicht zurecht, ob man Qualität immer messen kann: „Aber man ist heute dermaßen auf Messbarkeit fixiert, dass Aussagen, die sich nicht mit Zahlen „beweisen“ lassen, kaum mehr getraut wird. Lieber orientiert man sich an falschen Zahlen, als eine qualitative Aussage zu wagen. Von dieser beschriebenen Messbarkeitsillusion muss man sich endgültig lösen.”
Manchmal lässt sich Qualität auch anders beurteilen: „So wusste man auch in früheren Jahrhunderten durchaus Bescheid, welche Universitäten exzellent waren. Harvard, Yale oder Princeton wurden als Topuniversitäten erkannt, obwohl es überhaupt keine Kennzahlen gab, anhand derer man ein Universitätsranking hätte erstellen können”

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