Innovationsversessen und zukunftsvergessen?

wasserfässerWenn man Unternehmen fragt, warum Innovation für eine Firma wichtig ist, dann wird die Antwort im Großteil der Fälle wie folgt lauten: Innovation stellt unsere Wettbewerbsfähigkeit in der Zukunft sicher und ermöglicht damit den Fortbestand unseres Unternehmens und unsere Arbeitsplätze. Innovation hilft uns dabei, uns vom Wettbewerb zu differenzieren und den Kunden neuen Wert zu bieten.
Hinzu kommt, dass die meisten Unternehmen einen eher zunehmenden Innovationsdruck und eine zunehmende Innovationsgeschwindigkeit verspüren.
Nach obiger Argumentation ist Innovation somit eine zentrale Aufgabe für jedes Unternehmen, das an seine Zukunft denkt und auch in Zukunft erfolgreich sein möchte. Das ist die Argumentation aus Sicht eines einzelnen Unternehmens und auch ganzer Volkswirtschaften. Innovation ist damit eng mit der Zukunft verknüpft. Deutschland verliere an Innovationskraft und damit an Zukunftsfähigkeit behauptet Hans-Werner Sinn im aktuellen IHK Magazin.

Nicht zukunftfähiges Wirtschaftsmodell

Harald Welzer argumentiert in seinem lesenswerten Buch „Transformationsdesign“ in eine ganz andere Richtung: Unsere (Welt-)Gesellschaft sei innovationsversessen und denke dabei nicht an die Zukunft, sondern im Gegenteil, sei dabei sogar zukunftsvergessen. Vor lauter Innovationswahn richteten wir nämlich unsere Welt zu Grunde und zerstörten dabei gerade unsere Zukunft, für die wir uns doch mit neuen Produkten, Dienstleistungen und Geschäftsmodellen rüsten möchten.

Ein paar Zitate von Welzer direkt:
Dass heute mehr von »Innovationen« die Rede ist als je zuvor, ist ein sicheres Zeichen dafür, dass eine Kultur ein tief greifendes Problem damit hat, sich zu erneuern. Ein ähnliches Phänomen ist bei »der Nachhaltigkeit« zu beobachten – je mehr man über etwas redet, desto weniger ist es gegeben.

Wir verwenden hier den merkwürdig antiquiert scheinenden Begriff des »Fortschritts«, weil es sich dabei um eine kulturell gerichtete Neuerung handelt, die auf eine Verbesserung von Lebensbedingungen zielt, im Unterschied zur »Innovation«, die ja nichts bedeutet als den trivialen Sachverhalt, dass ein neues Produkt oder eine Praxis in irgendeiner Weise anders ist als das/die alte. Ob es besser ist, ob das alte überhaupt erneuerungsbedürftig war, ob man das eine oder das andere überhaupt braucht: Solche Fragen sind einer selbstgenügsamen Innovationskultur gleichgültig. Ihr genügt die Oberflächenveränderung, um die Wachstumswirtschaft weiter in Schwung zu halten und davon abzulenken, dass die zugrunde liegenden Produktions- und Reproduktionsverhältnisse nicht zukunftsfähig sind, weil sie auf Grundlagen basieren, die sie mit immer größerer Geschwindigkeit zerstören. Die zukunftsvergessene und innovationsversessene Kultur des unbegrenzten Wachsens und Konsumierens ist ein Endzeitphänomen.

Das Neue um des Neuen willen

Innovation ist die Einführung von etwas Neuem, das Nutzen bringt. Das heißt, ein Kunde muss einen Nutzen darin sehen und ist bereit, dafür zu bezahlen oder diesen Nutzen in irgendeiner anderen Art und Weise anzuerkennen. Dabei ist es grundsätzlich nicht ausreichend, etwas einfach nur anders zu machen. Der Nutzer muss einen Mehrwert darin sehen. Unsere soziale Programmierung ist allerdings in der Tat so gestaltet, dass es für viele Konsumenten ausreichend ist, wenn das Neue anders ist. Es geht um das Neue um des Neuen willen. Wir leben in einer Konsumkultur, die das Neue zum Fetisch erhoben hat. Die Frage, ob da ein wirklicher Mehrwert dahinter steckt, stellt sich meist nicht mehr.

Warum ist diese Kultur und diese Art des Wirtschaftens ein Problem? Trotz aller Anstrengungen noch effizienter, ressourcenschonender und energiesparender zu werden, beruht unsere Wirtschaft nach wie vor auf einem immensen Ressourcenverbrauch. Auch wenn wir damit effizienter, schonender und sparender umgehen, verbrauchen wir Ressourcen und selbstverständlich benötigt auch jede Innovation, sogar wenn es sich nicht um ein Produkt, sondern um eine Dienstleistung handelt, Ressourcen.

Diese Lebens- und Wirtschaftsweise ist in den Worten Welzers „strukturell nicht nachhaltig“: „Das ökonomisch extrem erfolgreiche System, das sich während der vergangenen 250 Jahre in den frühindustrialisierten Staaten herausbildete, basierte von Anfang an darauf, dass es die Ressourcen und den Treibstoff zur unablässigen Produktion von Mehrwert und Wachstum von Außen, d. h. vor allem aus den (Ex-)Kolonien, bezog. Eine globalisierte Welt hat jedoch kein Außen mehr. Mit dem Aufstieg von Schwellenländern wie Brasilien, China und Indien und der zunehmenden Industrialisierung des »globalen Südens« verallgemeinern sich nun die Produktions- und Konsummuster, die aus einer ökologischen Perspektive nicht verallgemeinerbar sind. Die Folge ist, dass sich, wie Albrecht Koschorke bemerkt hat, die Ausbeutung zusehends vom Raum in die Zeit verlagert.“ Wir nehmen also den nachfolgenden Generationen ihre Grundlagen wegen, daher sind wir zukunftsvergessen.

Change by design or by desaster?

Vor dieser Ausgangslage lässt sich erklären, warum Welzer unsere innovationsversessene Wirtschaftsweise als zukunftsvergessen bezeichnet. Die Frage, die sich stellt ist, ob wir es schaffen als (Welt-)Gesellschaft eine andere Richtung einzuschlagen oder ob wir irgendwann schmerzhaft gezwungen werden, anders zu wirtschaften. Ich sehe zumindest momentan bei der täglichen Zeitungslektüre keine Abkehr vom Innovations- und Wachstumsparadigma, im Gegenteil, mehr Wachstum zu generieren, ist das Hauptthema, um das wir uns sorgen machen und im momentanen von uns Menschen gestalteten Wirtschaftssystem Sorgen machen müssen.

Erkannt ist das Problem schon, im Moment können und wollen jedoch besonders die westlichen Gesellschaften noch nicht handeln. Wir handeln schon, wir versuchen ja unter anderem durch Innovation noch bessere Technologien zu entwickeln, um noch weniger Ressourcen zu verbrauchen (Stichwort Energieeffizienz). Das Grundproblem bliebt jedoch, absolut gesehen, verbrauchen wir mehr Ressourcen und nicht weniger.

Das Problem ist nach Welzer und auch den Post-Wachstumsökonomen daher auch nicht technisch zu lösen:
Transformationen (und Transformationsdesign) müssen daher – auch wenn das zunächst kontraintuitiv erscheint – auf der Ebene des Sozialen ansetzen und nicht bei Themen wie Energie, Umweltschutz etc. Erst auf der Ebene des Sozialen entscheidet sich die Frage, wie eine Gesellschaft eigentlich aussehen soll, in der man leben will. Die Antwort auf diese Frage bildet nämlich die unabhängige Variable. Wenn eine solche Antwort gleiche Lebenschancen und Überlebensbedingungen für alle Menschen vorsieht, muss man die Wirtschaftsweise (als abhängige Variable) so einrichten, dass sie diese Gleichheit erlaubt.

Die nötigen Veränderungen, die dafür notwendig wären, würden vor allem für uns entwickelte Industrieländer mit einem Verlust an jetzigen Privilegien einhergehen, weil laut Welzer die Zukunft eben nicht wie Jeremy Rifkin argumentiert zu Null Grenzkosten zu haben sein wird. Sollten die Technikutopisten also nicht recht behalten und sollten wir unsere Ressourcenprobleme nicht durch ein Noch-Mehr an Technologie lösen können, dann wird eine „Change by design“ oder „by desaster“ nicht ohne Konflikte von statten gehen.

Richtige Beobachtungen

Ich kann Welzers (und er ist nicht der einzige Autor) Problembeschreibung sowohl persönlich, als Geschäftsführer eines Kleinunternehmens und als Innovationsberater bestätigen und an mir selbst beobachten. Unser momentanes Wirtschaftssystem ist so gestaltet, dass Firmen einen Anreiz und oft sogar den Zwang haben, zu wachsen (aus verschiedensten Gründen) und daher innovieren wollen und müssen. Mit all den im Buch „Transformationsdesign“ beschriebenen Konsequenzen.

Die Grundlagen des innovativen Denkens als Weg in die Zukunft

Welzer beschreibt in seinem Buch auch, dass es momentan keinen Masterplan in eine andere Zukunft gibt. Für ihn ist nur klar, dass eine Moderne reduktiv (zumindest aus westlicher Perspektive) sein muss, um in der Zukunft innerhalb der Grenzen des Planeten nachhaltig leben zu können. Dies erfordert andere kulturelle Praktiken als wir diese im Moment haben.
Diese Zukunft zu gestalten, ist eine extrem kreative Herausforderung. Kreativität und kreatives Denken sind auch die Grundlage einer jeden Innovation. Daher können wir für die Zukunft zumindest einen Teil der Prinzipien nutzen, die auch Innovation begünstigen, nur mit einer völlig anderen Stoßrichtung als bisher. Anstatt zu überlegen, was wir noch auf den Markt bringen könnten, könnten wir nach Welzer zum Beispiel überlegen, wie wir etwas nicht tun, wieder verwenden, umnutzen oder mitnutzen können. Liebend gerne würden wir von creaffective Kunden auf diesem Weg unterstützen. Leider haben wir noch keinen Kunden gefunden, für den dieses Paradigma erstrebenswert ist.

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