Startups sind kein Ponyhof

Die Anzahl der Vollerwerbsgründungen ist lt. Gründungsmonitor 2014 auf einem historischen Tief. Trotzdem habe ich in den letzten Jahren den Eindruck gewonnen, dass es zumindest im Bereich Online, Apps usw. immer mehr Startups oder zumindest Gründungsinteressierte gibt. Es sind überwiegend junge Menschen, die von einer tollen Internetfirma träumen, mit der sie sich eine unternehmerische Zukunft aufbauen und ihr eigener Arbeitgeber werden. Und so entsteht bei mir der Eindruck, dass die Fülle an nützlichen und nutzlosen Online-Anwendungen jedes Jahr zunimmt, befeuert vom Silicon-Valley-Hype und willigen Investoren (zumindest in USA).

Zugegeben: Der Traum vom eigenen (erfolgreichen) Unternehmen ist mehr als romantisch und jeder Gründer spielt täglich seine eigene Version des Films in seinem Kopf ab. Aber was bedeutet es denn eine Unternehmensgründung tatsächlich? In der Regel viel Arbeit. Sehr viel Arbeit. Arbeitszeiten von 10, 12 oder 16 Stunden sollten niemanden überraschen. Zwar ist es die eigene Firma und man arbeitet gerne, trotzdem leidet (vor allem in der Anfangsphase) der soziale Kontakt zu Freunden und zur Familie. Auch Partnerschaften drohen hier zu zerbrechen.

Der nächste Trugschluss: Man redet sich ein, dass es nur für die ersten ein, höchstens zwei Jahre so stressig sein wird. Danach wird es schnell besser werden. Meine Erfahrung: Es dauert in der Regel doppelt so lange wie die pessimistischste Schätzung. Ausnahmen bestätigen die Regel. Das ist deshalb von höchster Bedeutung, weil die finanziellen Ressourcen entsprechend länger reichen müssen.

Und was natürlich niemand wahrhaben möchte: Es besteht eine sehr gute Chance, dass man scheitern wird. Das ist nicht schlimm, muss aber man sollte die potenziellen Auswirkungen berücksichtigen: Riskiert man seine ganzen Ersparnisse? Ist man für den Arbeitsmarkt noch so attraktiv wie vor der Gründung? Hält die Familie oder der Partner die Unsicherheit aus?

Eine ältere KfW-Statistik (deren genauen Ursprung ich leider nicht mehr kenne) zeigte auf, dass 30% der Gründungen in den ersten drei Jahren scheiterten. Zum einen kommt mir das recht wenig vor und zum anderen hörte die Zählung nach dem dritten Jahr auf. Ob nun aber am Ende 9 von 10 Gründungen scheitern, wie häufig in USA behauptet wird, oder eben doch nur 30%: Man muss sich bewusst machen, dass die Wahrscheinlichkeit betroffen zu sein deutlich höher ist als beim Lottospielen. Eine eigene Exit-Strategie muss also in die Planung einbezogen werden.

Laut aktuellen KfW-Zahlen nimmt die Zahl der Nebenerwerbsgründungen jedenfalls stark zu, was gar nicht das schlechteste ist. Gerade das Analysieren des vermuteten Problems einer Zielgruppe und dessen Bedarf nach einer Lösung lässt sich hervorragend nebenbei bewältigen. Idealerweise arbeitet man dann auch noch in einem Unternehmen, dass die Ausgründung von Unternehmen grundsätzlich ermöglicht (siehe z.B. Telekom) und hat alles richtig gemacht. Oder man erarbeitet mit seiner Geschäftsidee auch einen Nutzen für seinen Arbeitgeber und erläutert ihm diesen mit einem Business Case, so das er das Vorhaben ggf. sogar mitfinanziert.

Auf jeden Fall gilt es eine Gründung als das zu betrachten was sie ist: Ein mit extrem hohen Risiko behafteter Versuch für anfänglich deutlich weniger Gehalt erheblich mehr zu arbeiten. Lasst also jeglichen Romantizismus fahren. Es liegt mir fern jemanden den Gründungsgedanken madig zu machen, aber bitte geht die Angelegenheit mit Bedacht an.

Idealerweise hat man seine Idee so gut ausgearbeitet, dass man gleich zum Start in die Selbständigkeit die ersten Kunden parat hat. Das geht am besten, wenn man deren Engpässe in der Vorbereitungszeit treffsicher analysiert, dass eigene Vorhaben schon vorgestellt hat und die Kunden dafür begeistern konnte. Also macht eure Hausaufgaben. Startups sind kein Ponyhof!

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