Erkunden, experimentieren, entwickeln

Innovation hat immer etwas Unwägbares an sich. Man kann es als ein statistisches Spiel betrachten. Wenn neun von zehn Innovationen scheitern, die zehnte aber voll ins Schwarze trifft, gewinnt man das Spiel. Beim Investieren machen es Venture Firmen es vor, indem sie nicht in einzelne Start-Ups investieren, sondern sich Portfolien aufbauen, um das Risiko zu kontrollieren. Auf der Ebene der konkreten Entwicklung von Innovation kann man eine ähnliche Logik verwenden. Man geht experimentell vor. Man tastet sich langsam voran, bis man auf dem richtigen Weg ist. Man erprobt verschiedenste Wege, geht jeden soweit er führt, und folgt denen, die den größten Erfolg versprechen. Das Prinzip dahinter ist nicht neu, es entspricht essentiell der wissenschaftlichen Methode. Moderne Ansätze wie Lean Startup Methode oder das Konzept aus Vijay Govindarajans Buch „The other side of innovation“ sind eng mit der Logik der wissenschaftlichen Methode verknüpft. Vielen Firmen tun sich aber sehr schwer damit.

Streben nach Effizienz

Erfolgreiche Unternehmen sind meist auf Effizienz ausgerichtet. Prozesse sollen glatt laufen, denn mehr Effizienz bedeutet weniger Aufwand an Zeit und Ressourcen, also geringere Kosten. Aber Effizienz funktioniert nur bei bekannten Wegen. Wer von A nach B möchte, dabei aber nicht weiß, wie B genau aussieht und wo es liegt, der kann nicht nach Effizienz streben. Er muss erst einmal den Weg erkunden. Wenn man einen Weg A->B gefunden hat, kann man nach effizienteren, schnelleren, einfacheren Wegen suchen. Das war nie anders, schon die Entdecker früherer Zeiten suchten nur nach einer funktionierenden Lösung. In ihren Fußstapfen folgten dann Personen, die nach einer optimalen Lösung suchten. Methoden der Effizienz funktionieren nicht für Erkundung und Experimentieren, weshalb auch die üblichen Geschäftsprozesse für Innovation nur sehr bedingt tauglich sind.

Politische Entscheidungen

Daraus leitet sich ein weiteres Problem ab: die Verantwortlichkeit für Entscheidungsträger. Experimentelles Vorgehen ist eine Art des strukturierten Trial-and-error. Wer experimentiert muss auch damit rechnen, Fehlschläge zu erleiden. In einer politischen Kultur, die keine Fehler erlaubt, kann ein solches Vorgehen logischer Weise nicht angewendet werden. Selbst das Eingeständnis von Unwissenheit, das zwangsläufig am Anfang von radikaler Innovation steht, wird hier häufig als Makel gesehen. Gesucht wird sofort die perfekte Lösung, nicht der Weg dorthin. Vielen Unternehmen reicht es nicht, mit tastenden Schritten einen Weg durch den Fluss zu finden. Das Ziel ist eine Eisenbahnbrücke aus Zement, selbst wenn noch nicht klar ist, ob man überhaupt eine Eisenbahnverbindung über den Fluss benötigt.

Social Engineering

Am deutlichsten ist die Problematik dort, wo auch die politische Kultur am wenigsten verzeiht: Der Politik selbst. Politiker müssen quasi „unfehlbar“ sein, denn jeder falsche Schritt kann das Ende der eigenen Karriere bedeuten. Was schade ist, denn gerade bei sozialen Veränderungen wäre ein experimentelles Vorgehen häufig angebracht. Ein konkretes Beispiel: Im Artikel „Börse plus Sozialismus“ in der Brand Eins sprach der italienische Forscher Giacomo Corneo über seine Idee eines teil-staatlichen Aktienmarkts. Ein schon sehr radikaler Vorschlag, der aber einige spannende Vorteile verspricht. Die „klassische“ politische Vorgehensweise wäre es, den Vorschlag gegen den Widerstand einer Opposition durchzusetzen oder daran zu scheitern. Einmal durchgesetzt, wird der Vorschlag so lange durchgeführt, bis erste Probleme auftauchen und/oder die Opposition die Macht übernimmt. Corneo selbst schlägt vor, das Konzept erst einmal zu testen, anstatt alles auf eine Karte zu setzen und zu hoffen, dass es schon den gewünschten Effekt haben wird. So kann man Argumente entkräften, die selbst rein theoretischer Natur sind. Und man erkennt auch ungewollte Nebeneffekte, die man ursprünglich gar nicht auf dem Schirm hatte. Das führt zu besseren Lösungen und weniger negativen Auswirkungen.

Marktvertestung ist üblich

Ein derartiges Vorgehen wäre übrigens nicht neu: Die chinesische Regierung – auf vielen Gebieten alles andere als frei von Kritik – steht hier sehr positiv da. In den Sonderwirtschaftszonen haben die chinesischen Machthaber über Jahre und Jahrzehnte hinweg immer wieder soziale und wirtschaftliche Mechanismen getestet, bevor sie diese landesweit ausgerollt haben. Auch in Deutschland gibt es solche Ansätze, wobei der Impuls meistens von den Unternehmen ausgeht. Die „Modellstadt“ Haßlach in Rheinland-Pfalz dient als Testgebiet der Gesellschaft für Konsumforschung für Produkte und Werbung. Bevor man ein Produkt für Endverbrauche kostenintensiv landesweit in die Regale stellt, kann man in Haßlach erst einmal im Kleinen experimentieren, um Erfolg und Misserfolg abschätzen zu können.

Neue Ansätze wie das schon erwähnte Lean Startup spinnen den Gedanken eigentlich nur konsequent weiter; wenn man ein serienreifes Produkt vor dem Roll-out testen kann, wieso nicht auch die ersten groben Konzepte einer Lösung? Wieso nur Produkte und nicht auch Dienstleistungen, Prozesse oder Geschäftsmodelle? Die wissenschaftliche Methode ist jahrhundertealt – langsam wird es an der Zeit, sie auch für die Unternehmenswelt gewinnbringend einzusetzen!

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