Ein Beitrag zur Fehlerkultur

Kaum jemand prahlt mit seinen Fehlern. Wirklich niemand! Mit etwas Glück können wir immerhin über unsere Fehler lachen, aber kaum jemand wird auf einer Cocktail darüber reden, wie er erst neulich bei einer Sache versagt hat. Schade eigentlich.

Es ist aber ein allzu verständliches Verhalten, denn unser Selbstbewusstsein wächst nicht durch Fehlschläge, sondern wird dadurch eher geschwächt. Indem wir nicht darüber reden, vermeiden wir eine weitere, öffentliche „Schwächung“. Wir befürchten, dass wir weniger ernst genommen werden, dass man vielleicht sogar über uns lacht und mit den Finger auf uns zeigt. Und leider ist es wahr: Es gibt Menschen, die erfreuen sich heimlich am Scheitern anderer. Meistens sind es die, welche selber noch nie etwas riskiert haben.

In Deutschland (und bestimmt auch in vielen weiteren Ländern), fehlt es uns nämlich an einer gewissen Fehlerkultur. Wir – und das ist ein Appell an uns alle – sollten aber endlich lernen, dass wir nur durch Fehler lernen und über unsere Grenzen hinauswachsen können. Und damit meine ich, wir sollten es nicht nur rational erkennen, sondern auch emotional begreifen.

Ich habe eine ganz bezaubernde Tochter, die vor einiger Zeit das Laufen gelernt hat. Es war ein faszinierender Prozess, denn es gibt kaum eine bessere Lektion in Sachen Durchhaltevermögen und Lernen aus Fehlern. Sie ist oft gestürzt. Verdammt oft. Es gab immer wieder Tränen und viel Getröste. Es gab auch viel Gelächter – es war nämlich manchmal auch lustig ihr zuzusehen. Aber nie haben meine Frau und ich böswillig über sie gelacht oder Schadenfreude empfunden. Es kam uns nie in den Sinn und es wäre einfach lächerlich und albern.

Es war für uns selbstverständlich, dass wir sie anfeuern. Das wir mit ihr üben und sie ermutigen anfangs kurze Strecken alleine zu laufen. Das wir sie in den Arm nahmen und den Kopf streichelten, wenn die Tränen flossen. Heute läuft sie mit ihren 20 Monaten vier Stockwerke zu unserer Wohnung hoch. Unsere Unterstützung hört deshalb aber nicht auf. Sie wird auch dann nicht aufhören, wenn sie irgendwann in irgendwelchen Lebensbereichen erfolgreicher sein sollte als wir es sind. Wir werden sie weiterhin ermutigen und anfeuern, damit sie all das sein kann, was in ihr steckt.

Auf das Entrepreneurship angewandt lautet mein Appell und uns alle: Hören wir auf uns über gescheiterte Startups und Gründer lustig zu machen. Hören wir auf uns heimlich über ihr Scheitern zu freuen, nur damit wir uns nicht fragen müssen, ob wir selber in unseren Leben die richtige Entscheidung getroffen haben. Freuen wir uns lieber darüber, dass es Menschen gibt, die bereit sind das Risiko einzugehen, um die Welt ein bisschen zum besseren zu verändern. Freuen wir uns, dass es Verrückte gibt, die sich mit dem Status Quo nicht zufrieden geben.

Ermutigen wir sie auch nach einem weiterhin ihren Weg zu gehen – selbst auf die vermeintliche „Gefahr“ hin, dass sie irgendwann mehr Geld, Ansehen oder Macht besitzen könnten als wir. Hoffen wir, dass sie zu Vorbildern werden, damit andere ihnen folgen und ebenfalls versuchen die Welt etwas besser zu machen.

Als ich erstmalig 2011 meinen ersten Job nach dem Studium aus Frust kündigte und meine Aufmerksamkeit meinem ersten Startup widmete, erzählte mein bester Freund seinem Vater davon. Dieser war sein Leben lang Beamter gewesen und erwiderte: „Sowas würde ich nie machen. Aber weißt du was, Thomas: Wenn es nur Leute wie uns gebe, wäre aus diesem Land nie etwas geworden.“ Ich habe eine enorme Achtung vor diesem Mann. Und wisst ihr was? Ohne Menschen wie ihn, wäre aus diesem Land nie etwas geworden!

Ich wünsche mir mehr Menschen wie den Vater meines besten Freundes. Er hat erkannt, dass es eben auch Menschen von einem anderen Schlag braucht, damit unsere Gesellschaft in ihrer Gesamtheit erfolgreich funktionieren kann. Es besteht daher überhaupt kein Anlass sich über das Scheitern des Entrepreneurs zu amüsieren und es ihm vorzuwerfen.

Wer viel riskiert wird auch mal verlieren. Aber ein Entrepreneur wird auch daraus lernen und es beim nächsten Mal besser machen. Und wir können nur davon profitieren, dass er genau das tut. Wir brauchen den Entrepreneur für unsere Gesellschaft! Genauso, wie wir auch die Beamten, die Angestellten Mitarbeiter, die Ärzte, die Sozialhelfer und viele andere Berufsbilder brauchen. Nur gehört zum Berufsbild des Entrepreneurs eben auch, dass man ihm es zugestehen muss zu scheitern. Oft sogar mehrfach. Und das ist völlig in Ordnung so.

Ein Kommentar auf “Ein Beitrag zur Fehlerkultur
  1. Sehr wahr. Ich denke ein guter Ansatz ist bereits, das Scheitern nicht als etwas endgültiges anzusehen, sondern als einen Zwischenschritt auf dem Weg zum Ziel. Das kann und sollte man als Entrepreneur auch so kommunizieren. Somit ist der (erst einmal) gescheiterte Entrepreneur auch Mental in der Pflicht mit dieser Tatsache positiv umzugehen.

    Nehmen wir ein Beispiel: Ich habe 2010 ein Buch geschrieben und publiziert nach den Ansätzen von Timothy Ferriss. Idee, Organisation und Umsetzung kamen von mir, der Rest wurde zum Großteil ‚on demand‘ hergestellt bzw. über Tantiemebeteiligung fremd vergeben. Idee und Umsetzung waren super, nur wurden kaum Bücher verkauft. Das Feedback aus meinem Umfeld und Familie waren: „…wenigstens hast Du es probiert.“ jedoch meine Einstellung und Kommunikation waren immer: „…ich habe noch nicht den Richtigen Weg zu den Kunden gefunden.“ Ich habe verschiedene Varianten der Vermarktung probiert und schließlich über einen Artikel in den VDI Nachrichten die Aufmerksamkeit auf das Produkt lenken können. Mein Buch „Kochen für Ingenieure“ ist heute eines der am besten verkauften Bücher im Selbstverlag.

    Ja, man muss Entrepreneuren zugestehen zu scheitern. Ja, scheitern geröhrt dazu und ist ein wichtiges Feedback um besser zu werden und zu lernen – wie bei Kindern die laufen lernen. Und es ist enorm wichtig das Scheitern nicht als einen endgültigen Zustand zu verstehen und zu kommunizieren, sondern als Zwischenschritt auf dem Weg zum Erfolg.

    In diesem Sinn: nicht aufhören zu probieren, positiv mit Rückschlägen umgehen und das Ziel nie aus den Augen verlieren.

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