Wie man die Kreativität verlernt

Kind macht Seifenblasen

Systematische Kreativität kann verschiedene Prozessformen annehmen, basiert aber immer auf zwei grundlegenden Bausteinen: Dem Divergierenden und dem Konvergierenden Denken. Beide Denkphasen stellen unterschiedliche Anforderungen an den kreativ arbeitenden Menschen. Das Divergieren basiert auf vier Grundregeln:

  • Bewertung zurückstellen
  • Nach Quantität streben
  • Verrückte Ideen suchen
  • Auf bestehenden Ideen aufbauen

Für das Konvergieren gibt es ebenfalls eine Reihe von Grundregeln:

  • Positiv und bejahend denken (bzw. nach Potentialen suchen)
  • Kriterien anwenden
  • Das Ziel im Blick haben
  • Ideen verbessern wollen
  • Neuigkeitswert bedenken

Je nach Charakter und persönlichem Hintergrund fallen manchen Menschen einzelne Grundregeln schwerer als anderen. Interessant ist, dass vielen Menschen tendenziell das Divergierende Denken größere Probleme bereitet als das Konvergieren, zumindest am Anfang. Dabei gibt es natürlich noch den Unterschied, ob man alleine oder in einer Gruppe kreativ arbeiten möchte.

Kinder tun sich verhältnismäßig leicht mit dem Divergieren. Das kann man sehr gut beobachten, wenn man einem Kind beim Spielen zusieht. Dort drückt es seine Kreativität sehr frei und zwanglos aus. Viele, verrückte Ideen zu finden ist für die meisten Kinder nicht sonderlich schwer. Auch das Zurückstellen der Bewertung ist in der Regel kein Problem, da bei Kindern kaum Selbstzensur stattfindet. Auch auf bestehende Ideen wird aufgebaut, sofern das Kind es möchte. Vorschläge von Erwachsenen werden entweder abgelehnt oder schlicht und einfach in das Spiel integriert.

Erwachsene tun sich hier schwer. Im eigenen Kopf wird bereits gefiltert, welche Ideen „der Situation angemessen“ sein könnten, was man in welchem Umfeld sagen kann und was nicht, welche Konsequenzen es haben könnte, wenn man sich kreativ einbringt. Je nach Persönlichkeit, Sozialisierung und natürlich auch abhängig vom konkreten, derzeitigen Umfeld kommen Erwachsene schneller oder langsamer in den divergierenden Modus.

Beim Konvergieren sind die Unterschiede nicht ganz so dramatisch, aber auch hier punkten Kinder mit einer positiven, neugierigen Einstellung, die originelle Ideen willkommen heißt und nicht per se verwirft. Lediglich die zielgerichtete Bewertung anhand objektiver Kriterien liegt nicht in der Natur eines Kindes. Erwachsene neigen aber auch dazu, Bauchentscheidungen zu treffen, wenn nicht eine äußere Distanz nur Nutzung von Kriterien zwingt. Natürlich ist kindliche Kreativität nicht auf „Produktivität“ in unserem Sinne ausgelegt, sondern auf Erkunden und Lernen. Es gehört nicht zum Spielen eines Kindes, ein „Projekt“ unbedingt bis zum Ende durchzuführen. Wenn ein Kind das Interesse verliert, widmet es sich etwas anderem. Und trotzdem scheint die Einstellung eines Kindes auch beim Konvergieren gewisse Vorteile mit sich zu bringen, die Erwachsenen verwehrt sind.

Hier stellt sich logischerweise die Frage: Woran liegt das?

Erziehung und Gruppendynamik

Für die Beantwortung der Frage muss man sich die kreative Arbeit in der Gruppe ansehen. Für Erwachsene liegt hier die größte Schwierigkeit, denn das Umfeld bestimmt sehr stark, inwieweit man sich traut, schöpferisch tätig zu werden. Die Selbstzensur entsteht in der Regel erst durch äußere Einschränkungen. Man nimmt quasi selbst die Zensur von außen vorweg, um gar nicht erst in Verlegenheit zu geraten. Diese Sozialdynamik scheint eine der grundlegenden Hürden bei der kreativen Arbeit im Team zu sein. Woher aber kommt diese Dynamik? Wie kommt es überhaupt, dass Kinder ihre Fähigkeit des divergierenden Denkens verlieren oder zumindest stark in den Hintergrund drängen lassen?

Ein Faktor ist, dass die Schule den Kindern das Divergieren regelrecht aberzieht. Hierzu gibt es den spannenden TED-Talk von Sir Ken Robinson, der einige schlagkräftige Argumente ins Feld führt. Ein kurzer Blick in handelsübliche Lehrpläne und didaktische Methoden zeigt schnell, dass divergierendes Denken nicht wirklich Teil einer schulischen Erziehung ist. Mehr noch: Durch die fixe Ausrichtung auf Richtig und Falsch wird das Denken in Optionen geradezu entwertet.

Es geht aber um mehr als das. Die Sozialdynamik, die Kindern einen Teil ihrer freien, kreativen Kraft nimmt, ist nicht auf die Schule an sich beschränkt. Zensur findet nicht nur durch die schulische Autorität statt, sondern auch in der Peer Group. Wenn man eine Gruppe von Kindern oder insbesondere Jugendlichen sich selbst überlässt, werden einige möglicherweise versuchen, soziale Dominanz auszuüben. Zielgerichtetes, kreatives Arbeiten wird dann mehr und mehr zur Nebensache, es geht eher um die Positionierung in der sozialen Struktur. Viele Erwachsene haben diese Mechanismen verinnerlicht und bis in das Arbeitsleben mitgetragen. Sie versuchen, zumindest unterbewusst, in Arbeitsgruppen und Meetings Macht auszuüben, indem sie andere Ideen abschmettern, geringschätzen oder ignorieren.

Zum einen lehrt also die Schule, dass es immer genau ein Richtig und viel Falsch gibt. Zum anderen können ungezügelte Gruppenmechanismen das Vertrauen des Einzelnen in seine kreativen Fähigkeiten nachhaltig untergraben. So wird die Zensur von außen ein ständiger Begleiter. Mit der Zeit entwickelt man eine große Vorsicht bezüglich dem, was man an kreativen Ideen in den Raum stellt und was nicht.

Das Divergierende Denken in Schulen häufiger zuzulassen wäre sicher ein erster Schritt für eine Verbesserung. Noch nachhaltiger wäre aber sicher die eingehende Beschäftigung mit kreativen Prozessen an sich, besonders in der Gruppe. Das Verlangen des Menschen, sich durch Dominanz im Sozialgefüge zu verorten, kann (und soll?) natürlich nicht einfach ausgehebelt werden. Aber eine Trennung dieses Mechanismus von der kreativen Arbeit, alleine oder in der Gruppe, kann zumindest einem Teil der kreativen Hemmung vieler (zukünftiger) Erwachsenen vorbeugen.

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