Vom Sinn und Unsinn von KPIs für Innovation

Unternehmen messen und vergleichen gerne. Es gibt gerade in Großunternehmen, aber auch in zunehmendem Maße in kleinen und mittelständischen Unternehmen eine immer stärker werdende Messbarkeitsbestrebung. Alles muss gemessen werden und am besten in einer Kennzahl ausgedrückt werden. Das gilt dann als Zeichen von Professionalität. Außerdem führt man in modernen Unternehmen über Ziele. Diese werden oben bestimmt und dann auf einzelne Abteilungen und einzelne Mitarbeiter heruntergebrochen. Selbstverständlich wird auch hier wieder gemessen, ob und wie ein Ziel erreicht wurde.
Daher ist es nur verständlich, dass bei einem so wichtigen Thema wie Innovation das gleiche gilt. So gibt es in vielen Unternehmen Innovationsziele, die gemessen werden und natürlich ist es für Unternehmen wichtig einen Eindruck vom Erfolg der Innovationsaktivitäten und innovationsfördernden Maßnahmen zu bekommen.
Daher ist es sinnvoll die Innovationsanstrengungen zu messen und Key Performance Indicators (KPIs) zu definieren, anhand derer man das Ergebnis ablesen kann.
Ist das wirklich sinnvoll?

Messbarkeitsbestrebung und Messbarkeitsillusion

Prof. Matthias Binswanger setzt sich in seinem Buch „ sinnlose Wettbewerbe“ sehr kritisch mit der Frage der Messbarkeit, KPIs und der Tendenz alles in Wettbewerben um bestimmte Ziele zu organisieren auseinander. Er schreibt davon, dass es eine Messbarkeitsillusion gäbe, die Menschen glauben mache, dass man qualitative Dinge, quantitativ messen könne.

Messen kann man schon, wir tun es ja auch ausgiebig, sowohl in Unternehmen, in der Bildung und in der öffentlichen Verwaltung. Die Frage die Binswanger aufwirft, ist wie nützlich die daraus gewonnen Aussagen sind, wie viel die gemessenen Kennzahlen wirklich über die Qualität aussagen. Meist liefern diese Zahlen eine Pseudoobjektivität, die oft wenig über die zu messende Qualität aussagt. Oft folgt die Messung dem Prinzip „Garbage in, garbage out“.

Ein Innovationsrelevantes Beispiel sind die vielen Rankings zur Innovationsfähigkeit von Ländern. Für einen Vortrag im Chinaforum Bayern habe ich mich damit näher auseinandersetzen dürfen. Beliebte Kennzahlen für die Frage, wie innovativ ein Land ist, sind die Forschungsausgaben in Prozent des BIP und die Anzahl der angemeldeten Patente eines Landes. Grundsätzlich mag es einen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Patente und der zu erwartenden innovativen Produkte geben, Aussagen über die Innovationsfähigkeit eines Landes kann man allerdings nur begrenzt daraus ableiten, besonders vor dem Hintergrund der globalen Patenterwärmung (brand 1) und den Mechanismen, nach welchen Patentämter funktionieren.

Risiken und Nebenwirkungen von KPIs und Zielvorgaben

Ein weiterer Aspekt, der aus dem Setzen von KPIs und Zielen in den meisten Fällen entsteht, sind laut Binswanger perverse Anreize. Vereinfacht gesagt, versuchen die Bewerteten und Gemessenen dann alles, um das Ziel zu erreichen, auch wenn das zu völlig verrückten Situationen und für den Messenden zum Nachteil gereichenden Ergebnissen führt. Das ist dem Gemessenen (zu Recht) egal, er hat ja das vorgegebe Ziel zu erreichen. Binswanger führt das in seinem Buch am Beispiel der universitären Forschung, des Bildungs- und des Gesundheitssystems aus. Das Dilemma ist das gleiche, nur weil ein Forscher viel publiziert hat, sagt dies noch lange nichts über die Qualität des Forschers aus. Vor lauter Publizieren kommen die armen Forscher im Hamsterrad gar nicht mehr zum Forschen.

Ein Beispiel aus dem Bereich der Innovation, dass uns von creaffective selbst wiederfahren ist: Der Leiter einer F&E-Abteilung ruft Ende Oktober bei uns an, er möchte dringend einen Innovationsworkshop zur Generierung von Erfindungsmeldungen organisieren und es müssen mindestens 15 Erfindungsmeldungen aus dem Workshop rauskommen. Im Gespräch habe ich dann gefragt, warum diese Zahl 15 den so wichtig sei. „Weil wir als Abteilung in diesem Jahr die Vorgabe bekommen haben, 20 Erfindungsmeldungen zu produzieren und wir haben erst fünf.“ Aha! Was denn dann mit den Erfindungsmeldungen passiere, wollte ich wissen. „Keine Ahnung, da wird dann im nächsten Schritt ein Patent angemeldet für das wir eine jährliche Schutzgebühr bezahlen und dann liegt das in unserer Patentdatenbank.“ Ob etwas mit den Erfindungsmeldungen passiert oder ob diese möglicherweise sogar Teil eines sinnvollen am Markt nachgefragten Produktes werden könnten, war für den Anrufer völlig irrelevant. Es ging darum, die Anzahl der vorgegebenen Erfindungsmeldungen zu produzieren, damit der Bonus entsprechend ausgezahlt wird.

Welche Kennzahlen und Ziele für Innovation sind sinnvoll?

Zuerst einmal ist die nicht immer einfache Unterscheidung wichtig, ob etwas messbar ist oder nicht. Dann kommt die Frage ob und wie man es messen sollte. Ein Beispiel für ein nicht sinnvoll messbares Element ist die Rolle des Designs in der Produktentwicklung. Hierzulande sind sich fast alle Unternehmen darüber einig, dass gutes Design wichtig ist für den Erfolg eines Produktes am Markt. Sinnvoll messen kann den Beitrag des Designs niemand. Trotzdem halten alle Unternehmen daran fest, weil sie wissen, dass es einen qualitativen Unterschied macht.

Ein creaffective Kunde erzählte mir die Geschichte des CIP (Continuous Improvement Process) in seinem Unternehmen. Jahrelang gab es die Diskussion, wie man den Beitrag des CIP zum Unternehmenserfolg in einer Kennzahl ausdrücken könne und jahrelang ist man zu keinem sinnvollen Ergebnis gekommen. Irgendwann beendete der Vorstandsvorsitzende die Diskussion mit dem Satz: „Wenn sich jahrelang Menschen, immer wieder zu CIP Workshops zusammenfinden und dies immer wieder tun, obwohl dies nicht vorgegeben ist, dann kann CIP so falsch nicht sein.“ Damit entschloss sich der Kunde, CIP fortzuführen und die Suche nach einer Kennzahl aufzugeben.

Wenn man nun glaubt, etwas messen zu können und damit auch mit Zielen versehen zu können, dann sollte man als nächstes überlegen, zu welchen (nicht intendierten) Anreizen ein solches Ziel führen könnte. Im Rahmen eines Beratungsprojektes mit einem Kunden sind wir gerade in einer intensiven Diskussion mit dem Kunden, wie sinnvoll es ist, den Bonus eines Abteilungsleiters mit seinen „Leistungen zur Förderung der Innovationskultur in der Abteilung“ zu verknüpfen. Sie ahnen meine Meinung…

Kennzahlen für Innovation sind Anhaltspunkte

Nur weil etwas nicht messbar ist, heißt es nicht, dass es nicht sinnvoll wäre, es trotzdem zu tun. Kennzahlen sind mögliche Anhaltspunkte, um Aussagen zu treffen, sollten aber oft nur als Anhaltspunkte gesehen werden. Eine qualitative Aussage lässt sich eben oft nicht in Zahlen ausdrücken und gerade auch im Hinblick auf Innovation sollten Anreizstrukturen aus definierten Zielen wohl überlegt sein. Wie sagten es die Autoren des Buches „ Making Innovation Work“: „How you innovate, defines what you innovate.“

Und nur weil man es nicht genau messen kann, heißt das nicht, dass man keine qualitativen Aussagen treffen könnte. Auch hier hat Binswanger ein schönes Beispiel: „So wusste man auch in früheren Jahrhunderten durchaus Bescheid, welche Universitäten exzellent waren. Harvard, Yale oder Princeton wurden als Topuniversitäten erkannt, obwohl es überhaupt keine Kennzahlen gab, anhand derer man ein Universitätsranking hätte erstellen können”.

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