Innovation als Selbstzweck? – Vom Schaden der Innovation

Wir von creaffective definieren Innovation als die „Einführung von etwas Neuen das Nutzen bringt in einen Markt oder eine Gesellschaft“. Dabei haben auch wir zugegebenermaßen die Annahme, dass Innovation per se etwas Positives ist und wünschenswert ist.

Aus wirtschaftlicher Sicht kann man sagen, dass Innovation deshalb gut ist, weil es Fortschritt und Wirtschaftswachstum bringt. Und Fortschritt und Wirtschaftswachstum wollen wir ja schließlich alle. Wir wollen es zwar alle, ob es jedoch in seiner jetzigen Form allerdings wünschenswert ist, bezweifelt Tim Jackson Autor des Buches Wohlstand ohne Wachstum auf English prosperity without growth. In diesem hoch spannenden, aufrüttelnden und streckenweise möglicherweise für die persönlichen Glaubenssätze sehr unangenehmen Buch erklärt Jackson, warum Wirtschaftswachstum und das Mantra der Innovation – wenn wir es so weiter treiben wie bisher – uns in Zukunft in existenzielle Schwierigkeiten bringen werden.

Wachstum um jeden Preis – mit Innovation als Triebfeder

Ausgangssituation des Buches – und in dieser Form nicht neu – ist die Feststellung, dass wir auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen leben bzw. die nachwachsenden Ressourcen eine gewisse Zeit benötigen um sich nachhaltig regenerieren zu können. Außerdem durchläuft unser Planet im Moment Veränderungen des Klimas mit weitreichenden Auswirkungen auf Ökosysteme und alle auf dem Planeten lebenden Lebewesen, die zum Großteil von uns Menschen und unserem Ausstoß von Treibhausgasen verursacht werden.

Gleichzeitig nehmen die Anzahl der auf diesem Planeten lebenden Menschen, der Ausstoß von Treibhausgasen und der Abbau von Ressourcen in hoher Geschwindigkeit zu. Wenn wir als Menschheit es nicht schaffen, den Ressourcenabbau und die Emissionen von Treibhausgasen radikal zu verringern wird dies nach Meinung von Jackson und einem Großteil aller Forscher zu schwerwiegenden negativen Konsequenzen führen.

Ein großes Problem dabei ist, dass weltweit fast alle Wirtschaftssysteme so (von Menschen!) konzipiert sind, dass diese kontinuierliches Wachstum benötigen, um überleben zu können. Um das Zusammenbrechen unserer Wirtschaft zu verhindern und negative Konsequenzen wie weitreichende Arbeitslosigkeit zu verhindern muss die Wirtschaft wachsen. Wirtschaftswachstum wird daher auch von allen als positiv, ja geradezu überlebensnotwendig angesehen, und „um jedem Preis“ gefördert, wie wir aktuell beobachten können.

Diese Wachstumsspirale wird dabei nach Jackson von einer sich positiv verstärkenden Feedbackschleife angetrieben: Dem Innovationsdrang von Unternehmen, die sich durch Innovationen Wettbewerbsvorteile und damit Profite erwarten und einer sozialen Logik, die Neues als Kommunikationsmittel betrachtet, um sich Status und Wohlstand anzuzeigen und daher unablässig nach Neuem verlangt. In einem solchen Wirtschaftssystem ist es mit den Worten des Wirtschaftsethikers Karl Hohmann „fast ein Verbrechen nicht zu konsumieren.“

Neben dem sozial konditionierten Wunsch ständig Neues besitzen zu wollen, ist das Überleben unserer Wirtschaft auf dieses Verhalten angewiesen: „The throw-away society is not so much a function of consumer greed as a structural prerequisite for survival […] But neither can we see novelty as entirely neutral in the structural dynamic played out through capitalism“ S. 97

Wachstum wohin? Innovation wofür?

Vor diesem Hintergrund kommt es der Häresie gleich dieses System in Frage zu stellen. Wenn der sich selbst verstärkende Kreislauf aus Nachfrage nach Neuem und Innovationen ausbleibt, bricht das System zusammen.
Vor dem Hintergrund eines begrenzten Planeten, drängen sich nach Jackson allerdings viele Fragen auf, die ja auch seit den 1970ern immer wieder gestellt werden: Gibt es eine Grenze des Wachstums? Wohin wollen wir wachsen? Ist dieses Wachstum für den menschlichen Wohlstand überhaupt notwendig? Gibt es Wirtschaftssysteme, die Wohlstand (im Sinne eines guten Lebens) ermöglichen, ohne unseren Planeten zu zerstören? Klar ist, dass das jetzige System trotzt ständiger technologischer Verbesserungen und höherer Ressourceneffizienz nicht in der Lage sein wird, eine Reduktion an Treibhausgasen und Ressourcennutzung herbeizuführen, die notwendig wäre, um unseren Planeten nachhaltig zu bewirtschaften. Vor allem auch deshalb, weil wir in absoluten Zahlen weiter wachsen, auch wenn wir relativ gesehen die Umwelt weniger stark belasten. Um mit den Worten der Autoren von Cradle to Cradle (auf deutsch) Michael Braungart und William McDonough zu sprechen, bemühen sich Unternehmen zwar öko-effizienter zu werden, aber nicht öko-effektiv. Damit sind sie zwar etwas weniger schlecht als vorher (sie zerstören unseren Planeten etwas langsamer), aber noch lange nicht gut (öko-effektiv).

Die Antworten auf diese Fragen legt Tim Jackson in seinem Buch auf sehr interessante Weise dar.
Vorweg genommen, gibt es denkbare Alternativen, die den Menschen die notwendige materielle Grundlage schaffen und auch zukünftigen Generationen ein Leben auf diesem Planeten ermöglichen. Diese sind allerdings aus dem jetzigen Dogma des fortlaufenden Wirtschaftswachstums nur schwer vorstellbar und durchsetzbar. Kreativität und Innovation würden auch in diesen alternativen Systemen eine wichtige Rolle spielen, weil öko-effektive Technologien und die konkrete Ausgestaltung des Wirtschaftssystems ständiger Innovation bedürfen. Das Kriterium der Profitabilität wird auch bei zukünftigen Innovationen eine Rolle spielen, jedoch wird es nicht das zentrale Kriterium sein.

Für einen kurzen Einstieg in das Thema Wohlstand ohne Wachstum empfehle ich den TED-Vortrag von Tim Jackson, in dem er einige seiner Argumente zusammengefasst hat.

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