Führen strengere staatliche Grenzwerte und Regularien zu mehr Innovation?

Vertreter der freien Marktwirtschaft betonen, dass eine geringe Anzahl von Regularien und Einschränkungen Anreize zu Wettbewerb und Innovation setzten. Mehr Regularien und staatlich verordnete Grenzwerte führten zum falschen Einsatz von Ressourcen und wirtschaftlichen Fehlentwicklungen, wie sich vielerorts in der EU beobachten lasse. Ha-Joon Chang drückt es in seinem Buch „23 Lügen, die sie uns über den Kapitalismus erzählen“ so aus: „Eine Regierung ist in der Regel schlechter informiert als die Wirtschaft selbst. Es ist daher anmaßend und dumm, Marktteilnehmer von Dingen abzuhalten, die sie für profitabel halten, oder sie zu etwas zu zwingen, das sie nicht tun wollen.“ (S. 225) Die Annahme hinter der Forderung nach wenigen Regularien und Einschränkungen ist, dass Wirtschaftsteilnehmer rational entscheiden und sich Sinnvolles durchsetzen werde.

Anreize zu systematischer Ressourcenverschwendung und Umweltverschmutzung

Gegner der freien Marktwirtschaft im obigen Sinne argumentieren, dass die Entscheidungen von Wirtschaftssubjekten von Anreizen abhängen und dass Marktteilnehmer Entscheidungen träfen, die für sie individuell Sinn machten. Ein Nebeneffekt sei jedoch, dass diese Entscheidungen, obwohl diese individuell betrachtet „Wert“ schaffen, negative Auswirkungen auf die Gesellschaft und unseren Planten als Ganzes haben. Im momentanen auf Wachstum und Gewinn ausgerichteten Wirtschaftssystem hätten Unternehmen einen Anreiz systematisch Ressourcen zu verschwenden und die Umwelt zu verschmutzen, so lange es ihren Gewinnen diene.
So hätten Unternehmen meist kein Interesse daran langlebige und haltbare Produkte herzustellen. Im Gegenteil, für Unternehmen ist es ja von Vorteil, wenn Nutzer häufig neue Produkte kaufen müssen, da dadurch Gewinne entstehen und das Wachstum steigt. So baut die Firma Epson zum Beispiel Chips in ihre Tintenstrahldrucker ein, die diese nach einer bestimmten Anzahl von Ausdrucken deaktivieren und als defekt anzeigen, wie die Arte Dokumentation „Kaufen für die Müllhalde“ zeigt. Berichtet wird dort auch von geheimen absprachen der weltweit tätigen Glühbirnenhersteller, die die technisch mögliche Lebensdauer von Glühbirnen Schritt für Schritt verringert haben. Laut der Dokumentation sind wir heute über 100 Jahre nach der Erfindung der Glühbirne zeitlich hinter der Lebensdauer dessen, was damals bereits technisch möglich war. In den USA gab es in den 60er Jahre auch eine Debatte, das Konzept der „geplante Obsoleszenz“ einzuführen, die Produkte mit einer maximalen Nutzungsdauern versieht. Nach Ablauf der Nutzungsdauer wäre es illegal ein Produkt weiter zu benutzen.
Nicht alle denken so. Gegen diesen Trend wehrt sich auch Warner Philips, der Urenkel des Philips Gründers mit seiner eigenen Firma die wirklich langlebige Beleuchtung herstellt und die Lebenszeit nicht künstlich herunter setzt.

Mehr Anreize zu Innovation durch Regulierung und strenge Grenzwerte

Um solche perversen Anreize zu verhindern und die Wirtschaft im Gegenteil dazu zu bringen für den Planeten und die Gesellschaft nachhaltige und umweltfreundliche Produkte zu produzieren, setzen sich Wissenschaftler dafür ein, Unternehmen mit strengen Grenzwerten dazu zu zwingen, umweltfreundliche und langlebige Produkte herzustellen.
Aus der eigenen Erfahrung in der Innovationsworkshop Moderation zur Produktentwicklung kann ich sagen, dass es immer Ziel der Auftraggeber ist, ein Produkt günstiger herzustellen, das Kriterium der Umweltverträglichkeit jedoch oft nur soweit erfüllt wird, wie es das Gesetz vorschreibt. Unter anderem deshalb, weil eine bessere Umweltverträglichkeit und größere Langlebigkeit meist zu höheren Kosten führt, zumindest mit den bisher verwendeten technischen Konzepten. In der Vergangenheit habe ich Innovationsworkshops moderiert, in welchen aufgrund von deutlich strengeren Grenzwerten das Überleben ganzer Geschäftsbereiche auf dem Spiel stand und eine andere technische Lösung gefunden werden musste. Diese zu finden und auch funktionierend zu entwickeln dauert zwar länger und bedeutet hohen aufwand. Gefunden haben wir eine Lösung bisher jedoch immer.

Gegner von Regulierungen wenden auch oft ein, dass die Regulierer, also die Regierungen, ja gar nicht wüssten, welche Regelung am besten sei und daher einfach irgend etwas regulierten. Da ist durchaus etwas dran, allerdings ist das nach Ansicht einiger Wissenschaftler nicht das Problem: „[Herbert] Simons Theorie zeigt jedoch, dass viele Regulierungen nicht deshalb funktionieren, weil die Regierung besser informiert ist als die Regulierten, sondern, weil sie die Komplexität der Aktivitäten begrenzen, was die Regulierten in die Lage versetzt, bessere Entscheidungen zu treffen. Die weltweite Finanzkrise des Jahres 2008 illustriert diesen Punkt sehr hübsch.“ (Chang, S. 236)

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