Wie innovativ ist Asien?

Letzte Woche hatte ich während eines Trainings für einen taiwanesischen Kunden ein interessantes Gespräch mit dem CEO des Unternehmens über die Unterschiede zwischen westlicher und asiatischer Innovation.
Da ich sowohl in Deutschland als auch im chinesischen Kulturkreis viele Kreativitätstrainings und Innovationsworkshops durchführe, fallen einige Unterschiede schnell auf.

Ganz Asien über einen Kamm zu scheren, ist natürlich grob fahrlässig, dennoch lassen sich anhand der Merkmale einer konfuzianisch geprägten Kultur (wie z.B. in China, Taiwan, Japan und Korea) einige zulässige Vergleiche ziehen und Tendenzen aufzeigen.

Innovation bei Harmonie und Konformität

In einer konfuzianischen Kultur spielen Harmonie und Konformität eine wichtige Rolle. Es wird kulturell nicht besonders wert geschätzt ständig seine eigene Meinung zu vertreten und diese Kund zu tun, außerdem ist der Rahmen in dem Abweichungen toleriert werden, wesentlich enger als im griechisch-abendländischen (= westlichen) Kulturkreis. (Falls Ihnen der obige Satz gerade wie die Beschreibung Ihres Unternehmens vorkam, könnten Sie durchaus recht haben :-)).
Das Denken und die Entwicklung von Neuem finden hier daher stärker inside the box statt als bei uns im Westen. Es herrscht eine andere Wahrnehmung davon, was als anders gilt, was machbar ist und war erwünscht ist. Vor diesem Hintergrund lässt sich auch teilweise erklären, warum der Gedanke der kontinuierlichen kleinen Verbesserung und die ganze Qualitätsbewegung in Japan so großen Anklang gefunden hat und warum der Kaizen-Papst in Amerika, seinem Heimatland, anfangs auf taube Ohren gestoßen ist.

Innovation aus Asien: Adaptiv statt radikal

Wenn man sich nun (Produkt-)Innovationen aus Asien ansieht, dann fällt auf, dass diese eher adaptiv sind, d.h. bestehendes verbessern und weiter entwickeln und weniger radikal sind und ein komplett neues Paradigma schaffen, wie z.B. Apple oder Dysen. Radikal oder adaptiv betrachte ich dabei nicht als Werturteil, in dem Sinne, dass eines wünschenswerter als das andere ist. Im Westen ist es allerdings durchaus so, dass radikale Innovation als wünschenswerter gesehen wird.

Radikale Innovation in Asien stärken

Obwohl ich viel in Asien bin, sind die meisten meiner Kunden hier europäische Firmen, deren internationale Teams ich trainiere oder bei Innovationsprojekten begleite. Der Wunsch in den Vorgesprächen mit europäischen und asiatischen Chefs in diesen Unternehmen ist dabei oft ähnlich: Die Fertigkeiten zum kreativen Denken fördern oder in Workshops wirklich Neues entwickeln.

In meiner Arbeit mit den Menschen in der chinesischen Kultur fällt auf, dass es nicht das Problem ist, die Menschen dazu zu bringen, wirklich Neues und Ungewöhnliches zu denken und auch zu äußern. Die Krux besteht aus meiner Erfahrung darin, dafür zu sorgen, dass diese hoch originellen Ideen bei der Bewertung des Entwickelten (1) überhaupt als Mehrwert wahrgenommen werden und (2) lange genug überleben, um ernsthaft weiter entwickelt zu werden.

Aus meiner Erfahrung ist in einer konfuzianischen Kultur die Bewertung und Weiterentwicklung von Ideen der Schlüssel zu radikalerer Innovation, nicht die Ideenentwicklung.
Es nützt nichts, wenn eine Gruppe viele originelle Ideen entwickelt, wenn diese zu schnell als nicht machbar aussortiert werden.
Ich gehe dabei mit einer Reihe von Maßnahmen vor, um diese Tendenzen abzumildern:

  • Ich arbeite mit Bewertungstechniken, die den Grad der Originalität einer Idee als Kriterium berücksichtigen.
  • Jeder muss bei der Bewertung auch auf den ersten Blick „schwer machbare“ aber hoch originelle Ideen berücksichtigen.
  • Ich zwinge alle Teilnehmer eines Workshops die Nummern der von Ihnen gewählten Ideen für sich aufzuschreiben und erst einmal individuell zu wählen, bevor wir es öffentlich machen.

Gestern ist ein dreitägiger Innovationsworkshop mit rein chinesischer Bestzung zur Produktentwicklung hier in Suzhou zu Ende gegangen. Interessant war wieder zu sehen, dass von den drei Konzepten, die jetzt in die technische Umsetzung gehen zwei aus den „verrückten“ und „schwer machbaren“ Ideen entstanden sind.

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