Chinesen und Kreativität

Es ist wieder soweit, zwei Wochen Trainings in systematischer kreativer Problemlösung hier in China sind vorbei und ich befinde mich auf der Rückreise nach Deutschland.
Wie meistens sind meine Kunden europäische Firmen vor Ort in China und die Trainings halte ich je nach Teilnehmergruppe in Mandarin Chinesisch und Englisch. Diesmal war es gemischt. Trainings für gemischte Gruppen (Chinesen und Westler) fanden Englisch statt, die Trainings mit ausschließlich chinesischen Teilnehmern in Mandarin.

Auch dieses Mal gab es wieder einige interessante Beobachtungen zu machen, die ich so erwartet habe, aber auch einige wo ich überrascht war.

Bestätigt: Chinesen überlegen sehr genau, was sie sagen
Die Erfahrung mit der chinesischen Kultur zeigte mir bis jetzt immer, dass es für Chinesen wichtig ist das Gesicht zu wahren, auch in dem keine unüberlegten oder dummen Äußerungen getätigt werden. Im Extremfall kann dies dazu führen, dass gar nichts gesagt wird, denn man will sich keine Blöße geben.

Seit einigen Monaten setze ich vor und nach den die Basadur Ideation-Evaluation Präferenz-Skala in Trainings ein, ein wissenschaftlicher Fragebogen, der die Einstellungen von Menschen gegenüber Ideenentwicklung und Ideenbewertung misst. In den Fragebögen, die vor dem Training eingesetzt werden, zeigten sich die Unterschiede zwischen Chinesen und Europäern sehr deutlich.
Fazit: Chinesen machen eine starke mentale Vorab-Bewertung des Gesagten und äußern nur das für gut befundene. Sätze wie „ich spinne jetzt einfach mal…“ oder „ich denke jetzt mal laut…“ sind von Chinesen eher selten zu hören.
In Hinblick auf das Finden neuer Lösungen ist das ein Problem, da vieles, das neu ist und bestehende Muster verlässt so nicht geäußert wird.

Große Offenheit, wenn das Klima stimmt (und damit das Verhalten der Führungskräfte)
Vor diesem Hintergrund achte bei Trainings mit Chinesen besonders darauf ein Klima zu schaffen, dass Sicherheit vermittelt. Sicherheit in dem Sinne, dass es keine falschen Fragen oder Antworten gibt und dass gerade für kreative Problemlösung das Unausgegorene und Unfertige gewünscht wird.
Ein Grundprinzip, um dieses Klima zu ermöglichen ist der Einsatz kreativer Prinzipien, d.h. besonders die Trennung zwischen divergierendem und konvergierendem Denken.
Ich war überrascht, wie schnell diese Prinzipien verinnerlicht wurden und wie offen und gesprächig viele Teilnehmer plötzlich wurden.

Diese Beobachtung in meinen Trainings bestätigt wiederum eine Aussage von Forschungen zum kreativen Klima (vgl. Gören Ekvall): Der größte singuläre Faktor, der darüber entscheidet, ob in einer Gruppe ein kreatives Klima entsteht, sind die Führungskräfte und deren Verhalten.
Im Seminar bin ich in der Position eine Führungsrolle zu übernehmen und kann durch mein Verhalten ein Klima ermöglichen, dass Innovation ermöglicht. Auf der anderen Seite kann dieses Klima bewusst, jedoch meist unbewusst verhindert werden (siehe auch hier wiederum der Artikel Qualitative Ergebnisse in Besprechungen erzielen).
Aus diesem Grund versuche ich in den Trainings vor allem Menschen in Führungsrollen zu haben, weil diese am leichtesten einen wirklichen Unterschied machen können.

Unterschiede: Größerer Herdeneffekt
Ein deutlicher Unterschied ist der Herdeneffekt, der in China einfach stärker sichtbar ist. Sobald sich ein gewisse Anzahl an Leuten, z.B. eine Idee interessant findet, neigen die restlichen Personen dazu, aufzuspringen. Wie so etwas bei der Auswahl von Ideen aussieht zeigt das Bild.
Um dies zu verhindern bin ich dann dazu übergegangen, die Leute erst einmal für sich eine Auswahl zu treffen, diese auf einen Zettel zu schreiben und dann die Auswahl sichtbar für alle zu treffen.

Wenn einmal ein Klima geschaffen ist, dass Kreativität fördert und ermöglicht, dann gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen den Teilnehmern aus China und den aus dem Westen. So ist die Anzahl der Ideen, die einzelne Leute produzieren genauso hoch und die Inhalte genauso vielfältig wie in Deutschland. 8 Personen, 100 Ideen in 15 Minuten ist kein Problem.
Ich werde dieses Jahr noch einige Male hier in China sein, jetzt freue ich mich aber auf den August in Deutschland.

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