War es ein evolutionärer Vorteil, nicht kreativ zu sein?

Gestern Abend bei unserer Denkclubsitzung hat sich eine hoch spannende Diskussion entwickelt. Die These lautet: Es brachte dem Menschen lange Zeit einen evolutionären Vorteil, nicht kreativ zu sein!

Schnelles Urteil anstelle der Suche nach Alternativen
Hintergrund und Ausgangspunkt der Diskussion war die Unterscheidung zwischen divergierendem und konvergierendem Denken, also einem Denken das unzensiert in die Breite geht und nach Quantität strebt (divergierend) und einem Denken, dass eng, fokussiert und bewertend vorgeht (konvergierend).
Die Trennung dieser beiden Phasen des Denkens divergierend und konvergierend ist essentiell für die Entwicklung neuer Ideen und Lösungen und sollte Grundbestandteil eines jeden Kreativtrainings oder Kreativworkshops sein.

Wir kennen es alle, dass die meisten Menschen (das kann man ohne Übertreibung sagen) sehr schnell eng und fokussiert denken und schnell ein Urteil fällen und große Schwierigkeiten haben, die Beurteilung zurück zu stellen und offen für Alternativen zu bleiben. Während meiner Facilitator-Ausbildung in den USA habe ich dafür den Begriff „Krokodil-Reaktion“ gelernt. Eine Krokodil-Reaktion spielt auf die Metapher des Reptiliengehirns an, ein evolutionär älterer Teil unseres Gehirns, in dem z.B. die Amygdala sitzt, die aktiviert wird, wenn Angst und negative Emotionen im Spiel sind. In solchen Situationen, z.B. wenn ich auf dem Waldboden eine Schlange sehe, brachte es einen evolutionären Vorteil, schnell und sozusagen automatisch zu handeln. Es ist sozusagen eine Überlebensreaktion. Diese zeigt sich heute noch schön in Diskussionen, wenn Menschen den Status quo in Gefahr sehen und nun alle Mittel darauf verwenden, diesen zu verteidigen.
Die Hirnforschung hat auch gezeigt (siehe das Buch Lernen von Prof. Manfred Spitzer), dass in Situationen, in welchen die Amygdala aktiviert wird, ein enger und routinenhafter Stil des Denkens aktiviert wird und geistige Transferleistungen oder das Entwickeln neuer Lösungen nur sehr eingeschränkt funktionieren.

Gezielt in neuen Bahnen denken
Ein weiterer Faktor, der hinzu kommt und auf den auch Edward de Bono in seinem Buch lateral thinking hingewiesen hat, ist, dass sich im Gehirn angelegte Denkmuster mit der Häufigkeit ihrer Benutzung verstärken. Je öfter man also eine Spur im Schnee austritt, desto tiefer und fester wird diese. In der Psychologie spricht man hier auch von sogenannten „Skripten“, die ablaufen, wenn ich in einen bestimmten Kontext gerate.

Aus diesen hirnbiologischen Gründen neigen wir schnell dazu schnell, bestehende Denkmuster abzurufen (das ist effizient) und neue Dinge schnell auch in bereits angelegten Kategorien zu beurteilen. Die brachte in der Evolution durchaus viele Vorteile, besonders wenn sehr schnelle Entscheidungen (Überlebensreaktionen) gefordert waren.
Das Problem heute ist, dass diese Denkeffizienz oft keine Vorteile mit sich bringt, sondern im Gegenteil: Wenn wir immer so denken, wie wir schon immer gedacht haben, werden wir auch genau das wieder erhalten, was wir schon immer gemacht haben.

Vor diesem Hintergrund hat Edward de Bono auch seine Techniken des lateralen Denkens entwickelt (z.B. Erzwungene Verbindung), die den Denker bewusst aus der Denkbahn werfen und ihn sozusagen zwingen, einen neuen Weg zu suchen. De Bono und auch sein ehemaliger Partner Michael Hewitt-Gleeson argumentieren außerdem, dass die westliche kulturelle Software, das konvergierende Denken in besonderem Maße betont und wir hier im Westen von klein auf auf schnelles Urteilen sozialisiert werden.

Zum Glück lässt sich eine Haltung, in der vorschnelles Beurteilen verhindert und divergentes Denken ermöglicht wird, trainieren und durch den Einsatz von Denkwerkzeugen gezielt ermöglichen.

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