Die Frucht wächst am Rande des Baumes – Teil 3

ein Gastbeitrag von Bauingenieur Stefan Scheurer-Schäfle.
Die bisherigen Beiträge: Teil1 und Teil 2. Stefan hat sich inzwischen aufgrund der Artikelserie ein eigenes Blog ins Leben gerufen. Dort findet sich auch bereits Teil 4 der Serie.

Lampenfieber bei Fliegen

Es liegt nahe, bei der Problemlösung zunächst nach einem geeigneten Instrumentarium, also einem bestimmten Lösungsalgorithmus, einer Methode Ausschau zu halten. Müssen jedoch bei der Lösungsfindung grundsätzlich neue Wege begangen werden, ist dies wie in den vorausgegangenen Kapiteln angedeutet nur möglich, in dem das Problem auf verschiedenste Art und Weise repräsentiert wird.

Eine Mindmap könnte ein solches Repräsentationsinstrument sein. Muss aber nicht! Konzeptmaps, Wortwolken, Netzdiagramme, Rich-pictures, 2d- oder 3d-Zeichnungen, mathematische Formeln oder ganz einfache Aufsätze wie dieser hier erweitern die Bandbreite der Möglichkeiten. Und dererlei Möglichkeiten gibt es viele, wie man etwa unter unter dieser Homepage sehen kann.

Im Großen und Ganzen wird also versucht, mit den Mitteln der Anschauung einen Perspektivenwechsel im Denken zu vollziehen mit dem Ziel, das Problem einzukreisen oder zu modellieren. Die Psychologie würde darunter die Aufhebung einer funktionalen oder überhaupt einer Fixierung verstehen.

Tun wir einen Moment lang mal so, als wären wir eine gemeine Stubenfliege. Über die Lösung für das neue Problem wissen wir wenig bis gar nichts. Es herrscht also geistige Dämmerung. Das „einzige“, was wir wissen, sind unsere bisherigen Lebenserfahrungen und Denkmuster -im übertragenen Sinne eine Glühbirne. Wir werden also immer wieder hinfliegen, uns die Nase verbrennen, bzw. das Problem nicht lösen. Unser Denken geht also immer in Richtung Glühbirne, solange nichts anderes passiert.

Ich bin mir sicher, dass die Fliege so oft gegen die heiße Glühbirne stößt, bis die Sensorik leidet und das Bewusstsein einschränkt oder eine Panikreaktion auftritt.
Bei Panik wird allerdings die Handlung nicht mehr durch das ursprüngliche Problem der Nahrungssuche bestimmt, sondern durch das Problem der drohenden Konsequenzen, eben Tod, ersetzt.
Und damit hat Panik Auswirkungen auf die Lösung: Die Fixierung zum Licht wird aufgehoben und die Fliege entkommt aufgrund anderer (panischer) Bewegungsmuster aus dem offenen Fenster.

Verursacht die heiße Glühbirne ein Verlust des Augenlichtes, leidet also die Sensorik, wird die Fixierung ebenfalls aufgehoben und die Fliege verschwindet ebenfalls aus dem offenen Fenster. Wenn auch mit wenig Hoffnung auf ein dauerhaftes Überleben.

Panik und Sensorik!
Was wir zur konstruktiven Vorgehensweise bei der Lösung von Problemen auf keinen Fall gebrauchen können ist, in eine nötigende Zwangslage zu kommen. Es darf keine Panikreaktion aufkommen, noch sollte die nötige Sensorik (Sensibilität) leiden. Beides hat aber im Fall der Fliege „geholfen“, weil durch die Problemersetzung eine andere Vorgehensweise gewählt wurde oder durch die Einschränkung der Sensorik (Sinne) eine gänzlich andere Vorgehensweise gewählt werden musste. Also sollte die Problemersetzung oder die Einschränkung der Sensorik durch die Vorgehensweise bzw. das Verfahren übernommen werden.

Mit der Entscheidung für eine Mindmap oder irgend ein anderes Verfahren sind immer Einschränkungen verbunden, die Auswirkungen auf den Grad der Annäherung an die reale Problematik haben. Die Wahl des Verfahrens täuscht somit den Verlust an Sensorik bzw. Sensibilität vor und hilft uns dabei gewohnte Pfade und Denkmuster zu verlassen.
Das eigentliche Problem wurde durch die Anwendung eines bestimmten Verfahrens in anderer Form repräsentiert.

Thesen 01: die Problemersetzung

  • Der Verlust der Sensorik ist verbunden mit der Wahl des Lösungsverfahrens bzw. einer Mind Map. Sie verändert die Sensibilisierung und damit die Sichtweise für ein Problem.
  • Die Panikreaktion aufgrund drohender Konsequenzen ist durch verstärkte Erläuterung der Äste bzw. durch weitere Ideen neutralisiert werden.

Ihr müsst Chaos in euch haben, um einen tanzenden Stern zu gebären (Nietzsche)
Was meint ihr: wie viel Verständnis, wie viel Voraussetzungen bei einer Mind-Map in den Ästen, -also nur in den gezeichneten Linien versteckt sind? Ich behaupte, dass die Linien eigentlich verdichteter Text sind! Z. B. zerlegen wir ein Objekt in seine Eigenschaften und zeichnen im Nachhinein Linien. Vielleicht etwas grob formuliert, aber wir schreiben zwei Substantive auf und „verschleiern“ die Verben, die vermutete (richtige oder falsche) Erklärung zur Beziehung durch einen Zweig oder Ast.
Liegt in den Ästen nicht das kreative Potential, die „dunkle Materie“ einer Mind-Map? Eine Aufgabenstellung, dargestellt durch 2 Überschriften und einen gezeichneten Ast, -gewissermaßen als Platzhalter für die Erläuterungen zur Beziehung. Dieser Vorgang erinnert mich an einen Artikel im creaffective-Blog über laterales Denken. Laterales Denken kommt hier zum tragen, da du deine vermutete Beziehung irgendwann und irgendwie durch Querdenken erklären musst.

Zergliederungsmethoden der 1. Ordnung: Atomisieren
Gibt es aber noch weitere Möglichkeiten wie die zuvor beschriebene Vorgehensweise für das Zergliedern von Themen (in Mind Maps)? Einfache Vorgehensweisen zur Zergliederung von Themen habe ich nachfolgend zusammengefasst und als „Zegliederungsmethoden der 1. Ordnung“ bezeichnet.

Hierunter fallen die:

  • Vorgehensweisen zur Zergliederung von Themen in Unterthemen, welche vor einem gesicherten Wissenshintergrund durchgeführt werden. Die Beziehung, also der Ast oder Zweig zwischen zwei Knotenpunkten ist eine allgemein anerkannte sowie wissentlich richtige Beziehung und kann später sprachlich, bildlich oder textlich ohne großen Aufwand erläutert werden.
  • Vorgehensweise zur Erstellung von Mindmaps durch Zergliederung von Themen in Unterthemen vor einem ungesicherten Wissenshintergrund bzw. aufgrund von Vermutungen. Diese Beziehungen können sich später als richtig oder falsch erweisen und werden durch Quer- oder Rückwärtsdenken im Nachhinein bestätigt (…oder nicht).
  • Vorgehensweisen zur Erstellung von Mindmaps, durch instinktive, gefühlsbetonte „Zergliederung“ des Themas im Sinne eines Clusterings. Sehr schnell notierte Stichpunkte oder Assoziationen, um dem „Gravitationsfeld“ ausgetretener Denkpfade zu „entkommen“.

All diesen Methoden ist gemein, dass Themen ohne weitere Einschränkungen zergliedert werden. Gibt es aber darüber hinaus höherwertigere Zergliederungsmethoden? Zergliederungsmethoden, die noch mehr Gesetzmäßigkeiten aufweisen als ein bloßes „Atomisieren“! Solche eine Methode habe ich versucht zu entwickeln und möchte sie im folgenden vorstellen.

Zuvor möchte ich jedoch den Begriff der „Zergliederungshilfen“ einführen. Als „Zergliederungshilfen“ bezeichne ich solche Denkansätze mit deren Hilfe die Zerlegung von Themen methodisch durchgeführt werden kann:

Zergliederungshilfen: W-FragenDie fünf W-Fragen sind für einen Journalisten die Fragen, deren Antwort den Beginn jeder guten Meldung in einer Zeitung oder den Nachrichten ausmachen soll und die auch die Grundlage jeder Recherchetätigkeit bilden. Die W-Fragen heißen so, weil sie mit den W-Wörtern gebildet werden.

  1. Was geschah?
  2. Wer ist beteiligt?
  3. Wo geschah es?
  4. Wann geschah es?
  5. Wie geschah es?

Ich würde der Sache noch auf den Grund gehen wollen und und als sechste Frage hinzufügen:
Warum geschah es?

Zergliederungshilfen: Phasen
Innerhalb meiner Projekte verwende ich Standard-Phasen um verschiedene Szenarien durchzuspielen mit dem Ziel, weitere Erkenntnisse über den Projektverlauf abzuleiten. Diese Phasen kombiniert mit den W-Fragen ergeben schon eine Fülle von Unterthemen mit denen man sich beschäftigen kann.

  • Anlieferung von Rohstoffen (Größe, Gewicht, Lieferwege, Lagerfläche, Lieferzeit)
  • Notversorgung während der Erstellung
  • Erstellung (Maschinen und Baugeräte zur Erstellung)
  • Technische Abnahmen (Prüfungen)
  • Erst- bzw. Wiederinbetriebnahme (Sonderfälle, Initialisierungen)
  • Betrieb (Normalfall)
  • Paralleler, peripherer Bertrieb (duch Nutzerbedürfnisse)
  • Stillstandszeiten (Ersatz / Austausch)
  • Betriebsende
  • Entsorgung

Weitere Zergliederungshilfen
Aus meiner Sicht gibt es noch eine Fülle weitere Zergliederungshilfen, die ich aus Gründen der Übersichtlichkeit an anderer Stelle vorstellen möchte.

Zergliederungsmethoden der 2. Ordnung: Systemische Zergliederung
Das Wesentliche bei dieser Vorgehensweise ist, dass die Zergliederung unter Wahrung des Gesamtzusammenhanges und unter Beibehaltung aller Erscheinungsformen des Problemes durchgeführt werden sollte.

Die Vorgehensweise ist wie folgt:

  1. Benennen der Objekte, Themen, Elemente die vermutlich an dem Problem mit seinen spezifischen Erscheinungsformen und Eigenschaften beteiligt sein könnten.
  2. Geordnete Zergliederung (Zergliederungshilfen!) dieser Objekte bzw. Elemente bei Erhaltung aller Erscheinungsformen des Gesamtproblemes. Dabei die Auswirkungen auf die restlichen Teilelemente diskutieren und die für das Problem relevanten Wechselwirkungen zwischen benachbarten Teilsystemen herausstellen.
  3. Festlegen von Untersystemen nach Bedarf. Die Festlegung kann z. B. als Gruppierung von Teilsystemen in Abhängigkeit einer bestimmten Zustandsänderung erfolgen.

Beispiel:
Es ist kurzfristig ein Geschäftsessen nach der Methoder der Zergliederung 1. O. vorzubereiten:
[ZERGLIEDERUNG 1. Ordnung: W-Fragen / Wer soll alles daran teilnehmen / Wo soll das Essen stattfinden / Was soll zum Essen angeboten werden / Warum findet das Geschäftsessen statt / Wie sollen wir an den Ort kommen / Wann soll das Essen stattfinden / usw.]

Es ist kurzfristig ein Geschäftsessen nach der Methoder der Zergliederung 2. O. vorzubereiten:
[ZERGLIEDERUNG 2. Ordnung:

  1. Geschäftspartner – Essen// Wer, Wie viel?
  2. Anzahl der Teilnehmer – Anzahl der Essen// Wo?
  3. Anzahl der Teilnehmer – Anzahl der Essen und wo wird gegessen// Übertragung von „wo“ auf die linke Seite!
  4. Wieviel der Teilnehmer, die wo sind – benötigen wie viel Essen wo// Assoziierung: Transportproblem!
  5. Wie und woher kommt jeder der x Teilnehmer zum Lokal und wie lange muss der erste warten // Assoziierung: Transport = Zeit =>Wann soll gegessen werden?
  6. Bekanntgabe des Termins

Aus der einfachen Aussage, dass Geschäftspartner miteinander essen wollen wurde nach der Zergliederung der 2. Ordnung „systematisch“ ein Rahmenzeitenplan abgesteckt. Nach Bekanntgabe des Termins konnte sich jeder individuell darauf einstellen.

Bei der Zergliederungsmethode der 1. Ordnung wurde ebenfalls ein Termin bekannt gegeben. Jeder konnte sich auch darauf einstellen. Aber hat für alle die vorhandene Zeit gereicht? Zwar war hier klar wo das Essen stattfindet; aber die Transformation des „wo“ auf den Standpunkt der Geschäftspartner wurde nicht durchgeführt.

Zusammenfassung: Mind-Map-Regeln
Es werden die Begriffe „Zergliederungsmethode“ und „Zergliederungshilfen“ eingeführt. Unter Zergliederungsmethode ist die Art und Weise wie zergliedert wird gemeint. Unterschieden wird hierbei in:

  • eine freie Zergliederung ohne Rücksicht auf Interaktion oder Wechselwirkung der (Unter-) Themen untereinander,
  • oder in die systematische Zergliederung durch Übertragung von Zergliederungskriterien auf die anderen Themen. Eben mit Rücksicht auf Interaktion und Wechselwirkung.

Zergliederungshilfen hingegen unterstützen den Anwender bei der Zergliederung selbst. Sie zeigen Möglichkeiten, wie überhaupt ein Thema, z. B. durch W-Fragen oder Phasen (Standardszenarios) zergliedert werden kann.

Zergliederungsmethoden nach der 1. Ordnung unterscheiden sich wie folgt :

  • Erstellung von Mindmaps durch die Zergliederung von Themen in die Unterthemen vor einem gesicherten Wissenshintergrund. Die Beziehung, verschleiert durch ein gemalten Ast, ist eine richtige Beziehung und kann später sprachlich, bildlich oder textlich erläutert werden.
  • Die Erstellung von Mindmaps durch Zergliederung von Themen in Unterthemen vor einem ungesicherten Wissenshintergrund bzw. aufgrund von Vermutungen. Diese Beziehungen können sich später als richtig oder falsch erweisen. Diese Beziehungen werden durch Quer- oder Rückwärtsdenken im Nachhinein bestätigt (…oder nicht).
  • Vorgehensweisen zur Erstellung von Mindmaps durch instinktive, gefühlsbetonte „Zergliederung“ des Themas im Sinne eines Clusterings. Sehr schnell notierte Stichpunkte oder Assoziationen, um dem „Gravitationsfeld“ ausgetretener Denkpfade zu „entkommen“.

Gesamtregelwerk
Eine Übersicht der wesentlichen Erkenntnisse aus allen Kapiteln:

Handlungsrahmen zu Problemen:

  1. Unterscheiden Sie anhand Ihres Wissens, ob eine Aufgabe bewältigt werden soll, oder ob Sie ein Problem angehen! [Kap.: 01]
  2. Sollten Sie ein Problem angehen, fragen Sie so lange nach dem „Wozu?“ oder „Warum?“ bis Sie es abgegrenzt haben! [Kap.: 02]
  3. Teilen Sie das Problem gedanklich in die Problematik und in die Lösungsfindung auf! [Kap.: 01]
  4. Nehmen Sie an der Problematik möglichst vorurteilsfrei teil, um Erfahrungen zu sammeln! [Kap.: 01]
  5. Nehmen Sie Ihre Erfahrungen mit nach Hause und modellieren Sie die Problematik! [Kap.: 01]
  6. Finden Sie danach den richtigen Hebel und lösen Sie Ihr Problem! [Kap.: 01]

Regelwerk für Mind Map’s

1. Unterscheiden von verschiedenen Zergliederungsmethoden

1.1 Zergliederungsmethoden 1. Ordnung (Atomisieren)

1.2 Zergliederungsmethoden 2. Ordnung (systemische Zergliederung)

2. Nutzen verschiedener Zergliederungshilfen

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