Interview mit Dr. Andreas Gößling über kulturelle Viren und andere „Programme“

Während des Symposions Lernen lernen (hier geht es zum ersten Bericht) in Bad Wörishofen hatte ich die Gelegenheit mit Dr. Andreas Gößling über sein neues Buch zu sprechen, dessen Thesen er in einem Vortrag und einem Workshop auf dem Symposion vorgestellt hat.

Über den Autor:
Dr. Andreas Gößling, 1958 geboren, studierte Germanistik, Politikwissenschaften und Publizistik und promovierte über die Prosa des (vaterlos aufgewachsenen) Thomas Bernhard. Er hat einen dreibändigen Kommentar zu Robert Walsers Romanen verfasst und lebt mit seiner Frau als freier Schriftsteller in Coburg. Dort schreibt er Romane für erwachsene („Faust, der Magier“, 2007) und jugendliche Leser („Der Sohn des Alchimisten“, 2007) sowie Sachbücher zu kulturgeschichtlichen und aktuellen Themen. Im April 2008 ist im Verlag Zabert Sandmann sein Sachbuch „Die Männlichkeitslücke – warum wir uns um die Jungs kümmern müssen“ erschienen.

Florian Rustler: Sie haben das Buch „Die Männlichkeitslücke“ geschrieben, zu dem Sie hier auch einen Vortrag gehalten haben. In Ihrem Buch diagnostizieren Sie eine Krise unserer Jungen, die sich unter anderem darin äußert, dass die Gewalt unter männlichen Jugendlichen und jungen Männern zunimmt, dass ein immer niedriger Prozentsatz von ihnen auf das Gymnasium geht, was später zu steigender Erwerbslosigkeit führt, und darin, dass sie weit häufiger als Mädchen von stressbedingten psychischen Krankheiten betroffen sind. Als einen zentralen Grund haben Sie das in unserer Gesellschaft vorherrschende Vaterbild und, damit verbunden, unsere Vorstellungen von Männlichkeit genannt. Das Vaterbild führen Sie zurück auf Abraham und dessen Beinahe-Opferung seines Sohnes Isaaks. In diesem Zusammenhang haben Sie den Begriff des „Abraham-Programms“ und des „Abraham-Paradoxes“ geprägt, das uns bis heute beeinflusst. Was muss man sich darunter vorstellen?

Dr. Andreas Gößling: Das Abraham-Paradox habe ich unter der Schlagzeile „zeugen, um zu opfern“ zusammengefasst: Der Vater privilegiert seinen erstgeborenen Sohn in einer Weise, die man aus der langen Geschichte des Patriarchats kennt. Auf der anderen Seite wird der Sohn auf ein bestimmtes Männlichkeitsbild verpflichtet und hat damit oft nicht die Chance, seine Persönlichkeit so zu entfalten, wie es vielleicht seiner Individualität entsprochen hätte; stattdessen muss er sich so entwickeln, wie es erforderlich ist, um die Tradition der Väter fortzuführen.

Was ist das Ziel dieser Opferung?

Es geht dabei um die Mehrung des Ruhms und der Macht der Sippe und des Gottes, d.h. es geht darum, die Söhne in den Dienst der Überväter zu stellen. Man kann Gott im Bund mit Abraham als das Über-Ich ansehen, das die Pläne schmiedet, denen die Söhne gehorchen müssen.

Dieses Abraham-Programm, behaupten Sie, läuft auch heute noch ab.

Es handelt sich hierbei um eine psychohistorische Einschleifung, die bis heute wirksam ist, sich tief in unserer Kultur eingeprägt hat und uns zur zweiten Natur geworden ist. Deshalb ist es auch so leicht, diese mit unserer biologischen Natur zu verwechseln. Ich meine allerdings nicht, dass die Szene mit Abraham und Isaak eine historische namhaft zu machende Szene ist, sondern dass es sich hierbei um eine wirkmächtige Metapher handelt, eine Art mythischer Urszene unserer „abrahamitischen“ Kultur.

Wie lief die Weitergabe des Abraham-Programms über Jahrtausende ab? Wird dieses von Generation zu Generation weitergegeben?

Der Aufstieg der abrahamitischen Religion ist mit dem Aufkommen der Schrift auf das Sakralste verbunden – denken Sie nur an die Übergabe der Gesetzestafeln durch Gottvater höchstpersönlich. So wurde das Abraham-Programm in Stein gemeißelt und von einer Generation zur nächsten als göttliches Gebot übermittelt. In diesem Fall handelt es sich um eine nicht schwer zu begreifende Tradierung – ein Programm, das Jahrtausende lang von den Priestern gepredigt und in den Sippen und Familien vor allem durch die väterliche Erziehung an die Söhne weitergegeben worden ist.

Den meisten Menschen, die ein solches Programm – in Ihrem Falle nun das Abraham-Programm – weitergeben, ist das vermutlich gar nicht bewusst.

Dieses Muster ist lange Zeit sehr bewusst überliefert worden. Im Mittelalter wurden Isaak und Jesus den Jungen als musterhaft gehorsame Söhne dargestellt, die auf Befehl ihrer Väter zum Selbstopfer bereit waren. Irgendwann ist dieses Programm dann den Menschen unserer Kultur so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass es als Bestandteil der menschlichen Natur missverstanden wurde.

Kann man dieses Programm mit einem kulturellen Virus vergleichen, das von einem zum anderen überspringt und sich über die kulturelle Sozialisierung verbreitet?

In gewisser Weise schon. Es verbreitet sich über vielerlei Ebenen, allerdings rätselt die Wissenschaft, allen voran die Psychologie, bis heute darüber, wie genau solche Programmierungen über die Jahrtausende hinweg funktionieren. Man versucht sich dann mit Konstruktionen wie C.G. Jungs „Archetypen“-Lehre oder mit den „morphogenetischen Feldern“ von Sheldrake etc. zu helfen. Es hat auf alle Fälle etwas „Seuchenartiges“, allerdings nicht vorrangig im destruktiven Sinn. Lange war das Abraham-Programm ja äußerst produktiv – der Nutzen für die Gesellschaft und die Einzelnen übertraf die Kosten bei Weitem. Das trifft heute nicht mehr zu – die Jungs bezahlen immer noch den Preis, den man früher entrichten musste, um dem „starken Geschlecht“ anzugehören; aber die „patriarchale Rendite“ wird längst nicht mehr ausgezahlt. Wir müssen also dringend eine Möglichkeit finden, dieses Programm sozusagen abzuschalten.

Gibt es aus Ihrer Sicht weitere solcher Programme, die bis heute in unserer Gesellschaft vorherrschen? Für mich besonders interessant ist dabei immer die Art und Weise unseres logisch-argumentativen Denkens, die sich auf die griechischen Naturphilosophen Platon und Aristoteles zurück verfolgen lässt und die unsere Gesellschaft heute dominiert. Welche weiteren unbewussten Verhaltensweisen sehen Sie?

Da gibt es sicherlich noch eine ganze Reihe. Eine rätselhafte Sache, die mit dem Abraham-Programm direkt in Verbindung steht, ist beispielsweise der Umstand, dass in der Geschichte einzig die Europäer versucht haben, die Welt in globalen Dimensionen zu erforschen und zu erobern. Andere Völker sind ja bekanntlich zu Hause geblieben. Es handelt sich um ein aus dem Gebot „mehret euch und bekämpfet eure Feinde“ hervorgegangenes Expansionsprinzip, das in unserem Leistungs- und Wachstumsdenken bis heute sehr wirksam ist.

Wie erkennt man solche Programme? Wie kommt man auf die Idee, dass hier ein Programm am Werk ist, das man auf historische Wurzeln zurückführen kann?

Ich denke, eine Voraussetzung ist eine gewisse Distanz zur eigenen sozialen und kulturellen Umwelt. Alle anderen marschieren wie selbstverständlich mit, man selbst tritt einen Schritt heraus, fragt sich, ob das alles wirklich gerade so organisiert sein muss, wie man es in seiner sozialen Umgebung vorfindet, und beginnt darüber nachzudenken.

Sie versuchen nun Alternativen zum Abraham-Programm zu zeigen. Als Beispiele nennen Sie Förderväter für Kinder und Jugendliche, ähnlich wie ein Mentoring-Programm. Wie sehen konkret Schritte zur Änderung eines kulturellen Programms aus?

Ich denke, der erste Schritt muss darin bestehen, dass man eine breite gesellschaftliche Debatte anstößt. Dabei möchte ich die falsche Selbstverständlichkeit in Frage stellen, dass wir unter dem „Vater“ immer nur den biologischen Erzeuger und möglichst auch noch den Partner der Mutter verstehen. Denn anhand der Kulturgeschichte lässt sich zeigen, dass es schon immer andere Varianten von Vaterschaft gegeben hat, die auch in unserer Kultur gelebt worden sind.

Wie sind die Reaktionen der Leute?

Diese verlaufen entlang der ganzen Bandbreite menschlichen Verhaltens. Manche Männer reagieren betroffen oder empört, auch wenn sie die empirischen Ergebnisse, die ich zur „abrahamitischen“ Abrichtung der Söhne durch die Väter anführe, nicht in Frage stellen. Von Seiten der Mütter gibt es prinzipiell zustimmende Reaktionen, aber auch manchmal sehr skeptische nach dem Motto „wie soll diese Förderväter-Initiative denn in der Praxis funktionieren?“. Dabei gibt es – etwa in den USA, aber auch hierzulande – bereits eine ganze Reihe bewährter Ansätze, an die man anknüpfen kann.

Hängen die Reaktionen der Menschen damit zusammen, dass Sie versuchen, ein Programm umzukrempeln, das wir von dem Zeitpunkt, ab dem wir bewusst denken können, in uns verankert haben?

Ja, die oft zu beobachtende Abwehr erklärt sich sicherlich auch damit , dass es sich um eine frühkindlich geprägte Denk- und Empfindungsebene handelt. Ich habe beim Schreiben des Buches selbst gemerkt, wie ich immer wieder gegen tief internalisierte Denk- und Fühlgewohnheiten ankämpfen musste. Das Befremden, das auftritt, wenn wir damit konfrontiert werden, ist sehr stark.

Wird es leichter, je mehr man sich das Alternativprogramm bewusst macht und reflektiert?

Man muss bedenken, dass bei jedem Menschen bezüglich seiner Kindheit starke Verdrängungs- und Verklärungstendenzen aktiv sind. Wer möchte schon als „gestört“ gelten oder gar ein „Opfer“ sein? Deshalb schönt man oft seine Kindheit auch wider besseres Wissen.

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