Die Pyramide des Bücherlesens – Teil 1

Mittwoch, 21. Januar 2009

Stellen Sie sich vor, Sie lesen ein Sachbuch, das Sie für Ihre Arbeit oder Ihr Studium benötigen. Während des Lesens markieren Sie sich mit dem Leuchtmarker einige wichtige Stellen. Nachdem Sie das Buch gelesen stellen Sie es wieder in das Regal zurück. Als Sie eine Woche später einem Kollegen etwas zum Inhalt des Buches erzählen sollen, merken Sie, dass Sie das meiste bereits schon wieder vergessen haben und sogar Schwierigkeiten haben, die Grundaussagen noch zu rekonstruieren. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Wenn man wie oben beschrieben an Sachbücher herangeht, dann ist das leider zu erwarten. Das liegt in der Funktionsweise unseres Gehirns begründet. Wer Inhalte eines Sachbuches nicht nur lesen muss, sondern diese auch für die weitere Arbeit benötigt, oder wer es einfach schade findet, nach dem Lesen eines Buches bereits nach einer Woche fast nichts davon behalten zu haben, für den möchte ich ein anderes Vorgehen vorstellen. Ich nenne es die Pyramide des Bücherlesens. Dieses Vorgehen übe ich mit Teilnehmern meiner Mind Mapping Seminare und speziell in Mind Mapping Seminaren für das Studium.

Die Pyramide steht als Metapher für ein bestimmtes Vorgehen, das auf vier aufeinander aufbauenden Schritten besteht. Ziel dieser Herangehensweise ist es, nach dem Lesen eines Sachbuches mehr zu behalten und mit relativ geringem zeitlichen Aufwand sich die Inhalte eines Sachbuches wieder präsent zu machen.



Die Basis: Mitschriften anfertigen
Es ist für unser Gehirn schlicht und einfach unmöglich, sich auch nur die wichtigsten Inhalte eines Buches einfach nur dadurch zu behalten und nachhaltig zu verstehen, dass wir diese einmal lesen. Die Lernspsychologie und die Pädagogik betonen hier die Bedeutung von Mitschriften. Prof. Stangl von der Universität Linz, der ein wirklich großartige Sammlung von Lerntipps aufbereitet hat, bezeichnet Mitschriften als schriftliches Gedächtnis, das wir benötigen, um uns die Inhalte zu merken. Er gibt folgende Tipps, was man beim anfertigen von Mitschriften beachten sollte:

  • Stichwörter in nicht-linearer Folge anordnen
  • nicht alles wörtlich mitschreiben
  • Das Gehörte in Beziehung zu bereits Bekanntem setzen!
  • Das Gehörte strukturieren!
  • System von Abkürzungen und Symbolen entwickeln!
Für regelmäßige Leser dieses Blogs: Kennen Sie eine Technik, über die ich dauernd schreibe und die all diese Anforderungen berücksichtigt?
Ja, es schreit gerade zu nach Mind Mapping.

Für alle, die sich mit der Technik ausreichend sicher fühlen, empfehle ich, die Mitschriften in Mind Mapping Form anzufertigen, da diese eine Menge an Vorteilen gegenüber linearen Zeilenteppichen aufweist.
Infos zu Mind Mapping:Ich persönlich bin dazu übergegangen, meine Mind Map Mitschriften elektronisch zu erstellen mit der Software iMindMap und einem Tablet-PC.

Stufe 2: Eigene Gedanken eintragen
Wenn man etwas liest, ist es selten so, dass man von einem Thema überhaupt keine Ahnung hat und alles neu ist. Im Gegenteil, meist lesen wir Bücher in unserem Fach- oder Interessensgebiet und während des Lesens kommen uns eine Menge Ideen und Assoziationen zu anderen Inhalten. Diese sollten Sie unbedingt aufschreiben. Wenn diese Gedanken thematisch zum Thema passen und es sich nicht um Ideen handelt, die in eine ganz andere Richtung führen, dann sollten Sie diese Gedanken zu Ihren Buchmitschriften hinzu schreiben. Dadurch schaffen Sie zusätzlich Lernanker, um die Inhalte zu verarbeiten und Sie erweitern den Kontext des Gelesenen durch eigene Anmerkungen. Besonders spannend finde ich es, diese eigenen Gedanken nach einiger Zeit beim Wiederholen (siehe Stufe 3) der Inhalte wieder zu lesen und zu erweitern.
Auch für das Eintragen von eigenen Gedanken zu den Mitschriften bietet Mind Mapping ein in Bezug auf den Schreibprozess und die Visualisierung vorteilhaftes Vorgehen an.
Wie genau das funktioniert, habe ich in einem Artikel zu Rein und Raus Schreiben erklärt.



In Teil 2 werde ich die Stufen 3 und 4 vorstellen.

Schnelllesen, Visual Reading und Power Reading sind "ziemlich dämlich"!

Samstag, 24. November 2007

So wird zumindest Ernst Pöppel, Neurowissenschaftler am Institut für Psychologie an der Ludwigs-Maximilians-Universität München in dem Artikel "Eine Dreiviertelstunde für Harry" in der Zeit von dieser Woche zitiert. Der Autor Tonio Postel testet darin verschiedene Schnelllesekurse in Form von DVDs oder Büchern und ist mit den Ergebnissen nicht sonderlich zufrieden.
Vor kurzem habe ich eine dreiteilige (Teil 1, Teil 2, Teil 3) Serie über das Schnelllesen gepostet, in der ich von den Vorzügen der Methoden berichte. Ist das also alles Quatsch? Muss man wenn man etwas "wirklich verstehen" möchte, langsam lesen?

Ein wichtiger Aspekt, um diese Frage zu beantworten fehlt im Artikel der Zeit: Das Vorwissen. Ob ich etwas verstehe, egal wie schnelle ich es lese, hängt auch vom Vorwissen ab. Ob ich etwas wirklich verstehe, werde ich wahrscheinlich nur im Gespräch mit dem Autor herausbekommen, denn alles was ich lese, stößt auf bereits vorhandene Muster in meinem Kopf, die mich das Gelesene interpretieren lassen.
Wie im Artikel meiner Meinung nach richtig angemerkt wird, muss man manche Texte langsam lesen (hierauf bin ich in Teil 1 meiner Schnelllesen-Serie eingegangen). Besonders dann, wenn die Informationsdichte sehr hoch ist und auch dann, wenn das Vorwissen gering ist. Dann benötigt das Gehirn einfach Zeit, um das Gelesene zu verarbeiten.
Allerdings, wenn das Vorwissen hoch ist oder der Text sehr einfach ist, dann kann man durchaus schneller lesen und trotzdem viel verstehen - und hier helfen die Techniken. Im Artikel klingt es ein wenig so, als würde man an jeden Text nach exakt dem gleichen Schema herangehen. Dass das nicht so ist, habe ich in meinen Post dargelegt. Wo ich dem Autor völlig recht geben muss: Der Lesegenuss beim Lesen eines Romans leidet beim Schnelllesen! Deshalb habe in Teil 3 meiner Serie explizit darauf hingewiesen, dass es sich vor allem um eine ökonomische Herangehensweise an Sachtexte handelt und hier widerspricht nicht einmal mehr Ernst Pöppel, sondern weist explizit darauf hin.

Nichts gegen Bücher, DVDs und andere Selbstlernmaterialien. Diese sind wundere Mittel, um Informationen und Inhalte zu übermitteln. Deshalb blogge ich ja auch! Was ich immer wieder betone (und wohl auch noch weiter betonen muss), Methoden und Techniken lassen sich nur begrenzt über nicht-interaktive Formate vermitteln. Das schreibe ich nicht, weil ich als Trainer Seminare verkaufen möchte. Methoden erlernt man durch das tun! Dabei macht (und muss und wird) man Fehler machen. Auf diese Fehler kann einen der Trainer hinweisen und den Lernenden schnell in die richtige Richtung lenken. Solange bis er es kann. Und das kann er im Seminar nach wesentlich kürzer Zeit als nach dem Lesen eines Buches! Es ist ganz normal, dass ich Autofahren nicht in einem DVD-Kurs erlerne, dazu muss ich zum Glück einen Fahrerlehrer zu Rate ziehen. Bei Denk- und Arbeitstechniken wird man wiederum zum Glück nicht dazu gezwungen, sich einen Lehrer zu suchen. Besser lernen und bessere Ergebnisse erzielen wird man mit einem Lehrer allerdings schon.

Schnelllesen – die Techniken

Sonntag, 7. Oktober 2007

In Teil1 habe ich eine generelle Einführung in das Schnelllesen und Sinn und Unsinn der Methode gegeben. In diesem Teil soll es nun darum gehen, die dahinter stehende Technik genauer vorzustellen.
Das Schnelllesen, wie ich es vorstelle, basiert zum großen Teil auf dem Konzept des Spead Reading von Tony Buzan, dem Erfinder des Mind Mapping. Spead Reading bedient sich dabei unterschiedlicher Aspekte, die man ähnlich wie bei einem Baukasten ja nach Bedarf mit einander kombinieren kann:


  • Augentechniken
  • Subvokalisation
  • Herangehensweise an Texte
  • Mind Mapping


Augentechniken

Viele Menschen fixieren beim Lesen jedes einzelne Wort und hangeln sich so Wort für Wort an einem Text entlang (Bild 1). Manche lesen einige Worte mehrmals und springen so hin und her (Bild 2). Dies erhöht die zum Lesen benötigte Zeit zusätzlich.
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Das Sichtfeld unserer Augen erlaubt es allerdings, wesentlich mehr als nur ein Wort auf einmal zu fixieren, z.B. drei oder vier Worte auf einmal. Ein Ansatzpunkt der Schnelllesetechniken ist es deshalb, das sogenannte Blocklesen einzuüben, d.h. mehrere Worte auf einmal zu fixieren und dann zum nächsten Block zu springen. Waren beim ursprünglichen Lesen acht Fixierungen pro Zeile nötig, so reduziert sich diese Zahl nun auf zwei oder drei Fixierungen (Bild 3).
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Ein weiterer Aspekt ist es, sich durch Meta-Lesen einen ersten Überblick bzw. Eindruck von einem Text zu verschaffen. Bei diesem „Wischlesen“ wird der Text mit Hilfe bestimmter Lesebewegungen gescannt (Bild 4). Ziel ist es hierbei nicht ein hohes Textverständnis zu erreichen, sondern das verstehende Lesen vorzubereiten.









Subvokalisation

Viele Menschen sprechen während des Lesens den Text im Geiste mit. Besonders langsame Leser flüstern den Text sogar vor sich hin. Das Aussprechen nimmt viel Zeit in Anspruch und bremst somit die Lesegeschwindigkeit. Das Problem dabei ist, dass dieses Subvokalisieren oft unfreiwillig oder unbewusst stattfindet. Mithilfe von Übungen wird beim Schnelllesen versucht, diese Subvokalisierung zu unterbinden bzw. am Anfang durch Übungen mit sehr hoher Lesegeschwindigkeit das Subvokalisieren unmöglich zu machen. Am Anfang wird das Textverständnis natürlich darunter leiden, da viele Leser es gewohnt sind, den Text durch Subvokalisierung zu verarbeiten.

Herangehensweise an Texte

Wie lesen Sie ein Buch? Viele Leser gehen an jeden Text wie an einen Roman heran. Sie beginnen bei Seite 1 und beenden das Lesen auf der letzten Seite. Dieses Vorgehen ist beim Roman richtig, ich möchte ja schließlich die Geschichte genießen und nicht das Ende vorwegnehmen. Muss man auf diese Art auch ein Sachbuch lesen? Nein!
Meistens beschäftigt man sich mit einem Sachbuch, weil man eine bestimmte Information sucht, weil man eine Frage beantwortet haben möchte, oder weil man ein Thema verstehen möchte. Dabei geht es nicht um den zweckfreien Lesegenuss, sondern um ein bestimmtes Ziel.
Entsprechend anders und ökonomischer kann man an diese Texte herangehen. Manche Dinge machen die meisten von uns intuitiv, z.B. erst das Inhaltsverzeichnis und die Klappentexte zu lesen. Ein weiterer Schritt kann sein, erst von allen Kapiteln Einleitung und Zusammenfassung zu lesen und den Mittelteil auszulassen. Denn: Oft kann man nach dem Lesen der Einleitung und der Zusammenfassung das Leseziel bereits erreichen und die Frage, die man an das Buch stellt, bereits beantworten. Beim Schnelllesen wird ein Text also in mehreren Durchgängen mit unterschiedlicher Intensität gelesen. Kann das Leseziel bereits in einem der ersten Durchgänge erreicht werden, dann kann das Buch weggelegt werden und der Zweck ist erfüllt. Deshalb spricht man vom ökonomischen Herangehen an Texte, denn es geht darum, mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel aus dem Lesenvorgang herauszuholen. Ziel ist es nicht 100% zu lesen oder zu verstehen. Dieses Vorgehen orientiert sich an der aus der Ökonomie bekannten Pareto-Regel. In 20% der Zeit kann ich 80% der relevanten Informationen erhalten. Um die anderen 20% der Information zu erlangen, muss ich 80% der Zeit aufwenden. Hier muss jeder selbst entscheiden, wie viel Zeit er aufwenden möchten. Ich glaube, dass es in einem Großteil aller Fälle ausreichend ist 80% der Informationen verstanden zu haben.

Mind Mapping

Dieses Vorgehen des mehrmaligen Lesens nach dem Baukastensystem wird es richtig effektiv, wenn es mit Mind Mapping verbunden wird. Wie das funktioniert, werde ich im nächsten Post zeigen.