Thinking Club eröffnet

Sonntag, 20. Mai 2007

Edward de Bono beschreibt in seinem – wie ich finde – ganz fantastischen Buch Thinking Course einen Denkclub, bei dem Interessierte zusammen kommen, um Denkwerkzeuge anzuwenden.
Diese Idee fand ich total faszinierend und deshalb habe ich nun einen Denkclub gegründet, der sich am vergangenen Donnerstag zum ersten Mal getroffen hat.

Sinn und Zweck eines Denkclubs

Ein Denkclub stellt einen geschützten Raum dar, in dem Interessierte Denkwerkzeuge ausprobieren, anwenden und üben können. Ziel ist es, in der Anwendung von Denkwerkzeugen sicher und routinierter zu werden und natürlich Spaß zu haben.

Voraussetzungen und Teilnehmer

Gibt es eigentlich keine. Die Teilnehmer sollten lediglich offen sein für eine andere Herangehensweise an Fragestellungen und Probleme und Lust haben, Denkwerkzeuge auszuprobieren und einzusetzen.
DeBono empfiehlt einen Teilnehmerzahl von exakt sechs Leuten, um bestimmte Gruppenarbeiten zu ermöglichen. Wir waren nur zu dritt. Das stellt auch die absolute Mindestteilnehmerzahl dar. Mehr als sechs Leute sollten es auch wieder nicht sein, das sonst die Zeit für einzelnen Teilnehmer zu kurz wird, bzw. die Denksessions sich zu sehr in die Länge ziehen.
Es erleichtert das Ganze, wenn einer der Teilnehmer bereits Erfahrung mit Denkwerkzeugen bzw. wenn alle etwas darüber gelesen haben oder ein Seminar besucht haben.

Ganz grundsätzlich: Was sind Denkwerkzeuge?

Denkwerkzeuge sind Methoden und Vorgehensweisen, die das Denken nach vorgegebenen Regeln und Strukturen in bestimmte Richtungen lenken und somit die Aufmerksamkeit auf bestimmte Aspekte lenken. Wie normale Werkzeuge auch, werden diese für bestimmte Anwendungsbereiche eingesetzt, wenn dies Sinn macht.

Ein Beispiel: In der ersten Sitzung des Denkclubs haben wir PMI geübt. PMI ist ein von Edward DeBono entwickeltes Werkzeug und steht für Plus – Minus – Interesting. Es geht darum, zu einer These/ einem Sachverhalt Aspekte zu den drei Kategorien Plus (positive Aspekte) – Minus (negative Aspekte) und Intersting (offene und interessante Fragestellungen) zu finden. Ziel des PMI ist es, innerhalb von drei Minuten einen Überblick über die drei genannten Aspekte eines Themas zu erhalten, um so zu einer ausgewogeneren Sichtweise zu kommen, bevor eine Entscheidung gefällt wird. Ganz wichtig bei PMI ist, dass positiv und negativ hier nicht im Sinne eines Werturteils also pro und contra verstanden werden darf. Sinn und Zweck von Denkwerkzeugen ist es meistens, den Blick für ein Thema ohne Werturteil erst einmal zu erweitern, statt diese durch ver-/be-urteilen einzuengen.
Die Denkwerkzeuge (im Beraterjargon werden diese auch gerne Frameworks genannt) werden ganz bewusst und gezielt eingesetzt und folgen dabei strengen zeitlichen und inhaltlichen Regeln, die den Anwendern klar symbolisieren, dass gerade ein Werkzeug eingesetzt wird.

Die Agenda der ersten Sitzung


  • Einführung: Motivation, Sinn und Zweck Thinking Club, Verteilung der Rollen
  • Vorstellung: exploratives Denken, paralleles Denken, laterales Denken
  • Einführung Thinking Tools: PMI: Plus, Minus, Interesting
  • Übung 1: (6 Minuten) Jeder sollte einen Anstecker tragen, der seine momentane Laune anzeigt.
  • Übung 2: (6 Minuten) Es wäre nützlich, wenn wir neben unseren normalen Augen auch Augen am Hinterkopf hätten.
  • Übung 3: (6 Minuten) Rauchen sollte grundsätzlich verboten sein und Zigaretten wie harte Drogen eingestuft werden.
    Einzelarbeit (2 Minuten), jeder einen Aspekt (P,M,I)
    Feedback (4 Minuten)
  • Übung 4: (6 Minuten) Steuerzahler sollten entscheiden können, wofür ihre gezahlten Steuern eingesetzt werden.
  • Diskussion (10 Minuten)

    • Was bringt PMI?
    • Wann hilft PMI am meisten?
    • Gefahren beim Einsatz von PMI?
    • Meinung zu den Formalia von PMI? Rollenverteilung, Zeitbeschränkung
    • Die Schwierigkeit des "Interesting"-Teils

  • Übung 5: (6 Minuten) Eine Ehe sollte ein auf fünf Jahre beschränkter aber verlängerbarer Vertrag sein.
  • Brainstorming weitere Übungsthemen für zukünftige Sessions
  • Ausblick Session 2: APC
  • Ausblick weitere Sessions


Rollen der Teilnehmer

Es gibt zwei wichtige Rollen: Den Zeitnehmer, der darauf achtet, dass die Übungszeiten genau eingehalten werden und den Protokollanten, der die Ergebnisse der Denksessions festhält.

Fazit der Diskussion über die erste Sitzung

Nutzen von PMI:

  • Unser Eindruck war, dass der Rundumblick, der durch PMI ermöglicht wird zu einer größeren Klarheit führt. Entscheidungen werden bewusster (was nicht heißt rationaler) gefällt, da ein Thema von unterschiedlichen Aspekten beleuchtet wurde.
  • Besonders positiv war für uns die Interaktion mit anderen, da die Einfälle der anderen, bei jedem selbst wieder weitere Ideen ausgelöst haben und es so leichter war, bestehende Bahnen zu verlassen bzw. in vorhandenen Muster stecken zu bleiben.
  • Eine große Chance bietet PMI unserer Meinung nach bei konfliktbeladenen und emotional aufgeladenen Themen, da hier erst einmal unabhängig von eigenen Werturteilen ("das ist gut oder das ist schlecht") eine ausgeglichenere Betrachtung ermöglicht wird.


Gefahren des PMI:

  • Es könnte zu einer Überrationalisierung kommen bzw. das Bauchgefühl abgewertet werden, da man nicht direkt auf dieses hört, sondern sich so viel Mühe macht, ein Thema von allen Seiten zu betrachten. Allerdings betont DeBono immer wieder, dass es nicht darum geht, einer Entscheidung den emotionalen Aspekt zu nehmen. Gefühle sind äußerst wichtig und man sollte sich nicht einbilden, dass man Entscheidungen rational fällen kann oder dies sollte! (Auch wenn dies immer wieder suggeriert wird, dass rationale Entscheidungen die besseren sind) Allerdings sollten die Gefühle nicht am Anfang eines Entscheidungsprozesses stehen, da sie so den Blickwinkel sofort einengen, sondern am Ende ins Spiel kommen.
  • Impulsivität und Spontaneität gehen zurück, da man dem Impuls (diese reduzierte Handtasche kaufe ich mir jetzt!) nicht sofort nachgibt (-> schlecht für die Handtaschenverkäufer :-)).


Die Bedeutung der Formalia:
Die "strengen" Regeln (eine Minute pro Aspekt, ein hin- und herspringen zwischen den Aspekten) sind wichtig! Sie signalisieren uns, dass wir nun für eine begrenzte Zeit in einen anderen Denkmodus umschalten. Ohne diese Regeln würde das ganze schnell wieder beliebig und die Gefahr, dass wir wieder in den meist normalen Diskussionsmodus zurückfallen, wäre sehr hoch. (Siehe hierzu auch diesen Post).

Änderung der Wahrnehmung
Es war sehr spannend zu sehen, wie sich nur dadurch, dass man PMI auf ein Thema anwendet, die Wahrnehmung plötzlich verändert und damit auch die Handlungsentscheidung am Ende anders ausfällt. Einfach dadurch, dass man einmal bewusst die drei Aspekte wirklich durchdenkt entstehen plötzlich neue Verbindungen, die die bisherige Meinung drehen können.

Fazit

Uns dreien hat es viel Spaß gemacht und wir werden uns nun alle zwei Wochen treffen, um verschieden Tools zu üben und zu testen. Nur durch regelmäßiges Üben und der damit verbundenen Sicherheit, wird es möglich sein, diese Werkzeuge in den Alltag mitzunehmen und diese auch sinnvoll und richtig anzuwenden.

Denken und Intelligenz

Sonntag, 18. März 2007

Jemand, der über ein hohes Maß an Intelligenz verfügt, ist sicher auch ein guter Denker, oder? Oft setzen wir diese beiden Dinge ja auch gleich.
Edward deBono hat hier eine – wie ich finde – sehr interessante These aufgestellt:
Intelligenz und Denken sind zwei verschiedene Dinge, die zwar miteinander zu tun haben, aber nicht gleichzusetzen sind. Und: wer intelligent ist, muss noch lange kein guter Denker sein. Im Gegenteil, viele intelligente Menschen sind sehr schlechte Denker. Die passiert oft gerade weil sie intelligent sind und deshalb schnell in die Intelligenzfalle geraten. Die Intelligenzfalle ist jenes überhebliche Gehabe von zugegeben schlauen Menschen, die glauben, dass sie sowieso alles besser wissen. Diese Überheblichkeit führt allerdings schnell dazu, dass man sich vieler Alternativen und Möglichkeiten verschließt, weil man es ja sowieso nicht nötig hat, darüber nachzudenken.

Was ist Intelligenz?
In der Psychologie ist Intelligenz ein Konstrukt, das die geistigen Fähigkeiten beschreibt, die das Niveau und die Qualität eines Denkprozesses bestimmt. Intelligenz ermöglicht es einem Menschen, handlungsrelevante Eigenschaften zu erkennen und diese zu verändern.
Eine andere Definition, die oft scherzhaft angeführt wird, lautet: Intelligenz ist das, was der Intelligenztest misst.
Auch in der Psychologie sieht man einen Zusammenhang zwischen Denken und Intelligenz, aber es wird nicht gleichgesetzt.
Die Intelligenz wird zu einem Großteil von unseren Genen bestimmt und lässt sich kaum verändern oder trainieren.

Was ist Denken?
Denken hingegen ist ein Prozess der viel mit Interpretation und vor allem mit Wahrnehmung zu tun hat. Und hier ist der Knackpunkt: Wahrnehmung ist ein Prozess, der mit im Kopf vorherrschenden Mustern und bestehenden Emotionen zusammenhängt (die Psychologie spricht bei der Wahrnehmung von einer Mischung als top-down und bottom-up Prozess). Wird die Wahrnehmung nicht bewusst gesteuert (und das wird sich natürlicherweise nicht), dann haftet unsere Wahrnehmung immer an den Dingen, die gerade Aufmerksamkeit erregen, oder mit bestimmten Emotionen behaftet sind.
Ein Eifersüchtiger wird alle Dinge durch die Brille seiner Eifersucht sehen und interpretieren (top-down), auch wenn das was er sieht (bottom-up) vielleicht gar nichts damit zu tun hat.

Ein Mitarbeiter, der überzeugt ist (top-down), dass etwas nicht funktionieren kann, wird alles was er sieht (bottom-up), durch diese Brille beobachten. Auf diese Weise wird er sich möglicherweise vielen Handlungsalternativen verschließen und ein Problem nicht oder nur schlecht lösen.
Obwohl er intelligent ist, kann er ein schlechter Denker sein.

Denken ist eine Fähigkeit, die verbessert und trainiert werden kann!
DeBono vergleicht Intelligenz mit der PS-Zahl eines Autos. Je höher die PS-Zahl, desto größer das Potenzial des Fahrzeugs. Zum Gefährt gehört allerdings auch immer jemand, der dieses steuert. Wie gut der Fahrer ein Fahrzeug steuert, hängt von dessen Fahrkünsten ab. Die Fahrkünsten vergleicht deBono mit dem Denken. Diese Fahrkünste können erlernt und durch Training verbessert werden. So kann ein Fahrer, der gut fahren kann, aus einem alten Wagen (~ weniger Intelligenz) mehr herausholen als ein schlechter Fahrer (~ schlechter Denker) in einem Ferrari. Ideal ist es, wenn Michael Schuhmacher auf einen Ferrari trifft, aber ein Michael Schuhmacher kann auch mit einem Polo wahrscheinlich schneller ans Ziel kommen als ein ungeübter Fahrer im Formel 1 Fahrzeug: "... we really do need to stop considering thinking as simply 'intelligence in action'."

Attention-Directing-Tools
Verbessert werden kann das Denken mithilfe einer Reihe von Denkwerkzeugen (siehe auch mein Post vom 14.02.07) , die bewusst(!) eingesetzt werden und unser Denken zu einer bestimmten Zeit in eine gewisse Richtung lenken. Einige solcher Tools möchte ich in weiteren Posts vorstellen.
Es ist wirklich erstaunlich, was der Einsatz solcher Denkwerkzeuge bewirken kann, wenn diese z.B. in einer dieser endlosen Diskussionen oder Besprechungen eingesetzt werden. Solche Besprechungen haben wir sicher alle schon erlebt, wenn die Argumente zum dritten Mal wiederholt werden und man immer noch keinen Schritt weiter gekommen ist.

Das Problem mit den Denkwerkzeugen in der Gruppe ist, dass man es auf nicht aufdringliche Weise schaffen muss, diese auch einzusetzen. (Siehe hierzu mein Post vom 20.02.07)

Positive Emotionen und Kreativität

Mittwoch, 20. Dezember 2006

Auf der heutigen Wissen-Seite (Seite 18) der Süddeutschen Zeitung wird auf einen Artikel aus der aktuellen Online-Ausgabe der Proceedings of the National Academy of Science verwiesen. Der dortige Artikel beschreibt eine Studie in der der Einfluss positiver Emotionen auf die Aufmerksamkeit und das Denken beschrieben wird.
So fördert gute Laune Kreativität und das Entstehen neuer Ideen, führt aber auch dazu, dass sich Versuchspersonen leichter ablenken lassen, da gehirninterne Filtersysteme abgesenkt werden. Dies führt allerdings auch dazu, dass Reize einfacher miteinander verknüpft werden können und so leichter kreative Ideen entstehen. Der Artikel der Süddeutschen Zeitung behauptet, dass Leute, die in negativer Stimmung sind, sich leichter auf "alltäglichen Kleinkram" konzentrieren können, da sie weniger leicht abgelenkt würden.
Prof. Manfred Spitzer (siehe auch das Post zum Vortrag von Manfred Spitzer auf dem Methodenkongress) beschreibt in seinem Buch Lernen, dass positive Emotionen mit einer erhöhten Lernleistung einhergehen, besonders wenn es darum geht, sich neue Dinge zu merken und neue Ideen zu produzieren. Allerdings kann auch Stress zu erhöhter geistiger Leistungsfähigkeit führen, allerdings nur in Bezug auf geistige Routinen, also "alltäglichen Kleinkram". Diese Aussage deckt sich wiederum mit dem heutigen Artikel aus der Süddeutschen Zeitung. Was unter Stress nicht möglich ist, ist das Entstehen neuer kreativer Ideen.
Dieses Phänomen hat vielleicht jeder schon einmal beobachtet, der neuen Stoff oder eine neue Technik gelernt hat, diese eigentlich auch benutzen konnte, dann aber in einer Stresssituation wieder in die alten Handlungsmuster zurück gefallen. Hier kommen nun wieder die lange verankerten Routinen zum tragen und überschreiben sozusagen die noch nicht tief verankerten Lerninhalte.

Methodenkongress – Teil 1

Montag, 4. Dezember 2006

Das Wichtigste in Kürze:


  • Transfer von Wissenschaft in die Praxis erfolgt zu langsam
  • Wir lernen Details und Einzelheiten nur schlecht, unser Gehirn sucht nach Regeln und Mustern
  • Stress und Angst verhindern das Lernen und zerstören Kreativität
  • Positive Emotionen und Lernen hängen systematisch eng zusammen


Unter dem Motto "vom Wissen zum Handeln" fand am 01. und 02. Dezember der Münchner Methodenkongress statt. Zwei Tage lang weihten die Vertreter der Wissenschaft aus Neurobiologie, Pädagogik und Psychologie die Praktiker in Form von Vorträgen und Workshops in die neusten Forschungsergebnisse ein. Ziel der Methodenkongresse, die an sechs Stationen in ganz Deutschland stattfanden, ist es, das Wissen und die Erkenntnisse in die Praxis, d.h. an die Schulen, Universitäten und Unternehmen zu bringen, um es dort anzuwenden und umzusetzen.
Egal ob Student, Mitarbeiter, Dozent oder Führungskraft, wir alle sind Lernende und manchmal auch Lehrende. Um mit der Vielfalt der sich ständig wechselnden Medien und der damit verbundenen Informationsflut umgehen zu können, brauchen wir geeignete und wirkungsvolle Methoden, das Wissen zu vermitteln und aufzunehmen.

Manfred Spitzer: „Deutsche sind Weltmeister im Trennen von Müll und Kindern“

Den Auftakt machte Manfred Spitzer, Gründer des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen in Ulm und wohl der in der Öffentlichkeit bekannteste deutsche Neurowissenschaftler. In seinem Vortrag Gehirnforschung und Lermmethodik ging er vor allem auf die neurobiolgischen Grundlagen des Lernens ein.
Die Hirnforschung und die Pädagogik haben in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht, die leider gar nicht oder nur viel zu langsam in der Praxis ankommen; mit negativen Konsequenzen, wie Spitzer fürchtet: "Wenn der Transfer nicht klappt, dann nähen wir in 20 Jahren die T-Shirts für die Chinesen."




Unser Gehirn ist eine Lernmaschine, wir lernen also immer, die Frage ist nur, was wir lernen und ob wir das lernen, was gerade von uns verlangt wird. Unser Gehirn ist grundsätzlich schlecht auf das Lernen von Einzelheiten oder Details eingestellt, ganz einfach deshalb, weil sich das Auswendiglernen von Details in der Evolution als nicht überlebenswichtig herausgestellt hat, sondern eher Ballast darstellt und daher meist genauso schnell wieder vergessen wird, wie er für Prüfung gelernt wurde. Das zeigte sich eindrucksvoll daran, das fast alle im Saal anwesenden Teilnehmer an einfachen Wissensfragen für die Grund- und Mittelstufe grandios gescheitert sind.
Unser Gehirn sucht vor allem nach Mustern und Regeln. Mit einem Verständnis von Mustern und Regeln kann man in den meisten Situationen adäquat reagieren, ohne Details wissen zu müssen. Wenn ich die Grammatik einer Sprache beherrsche, kann ich selbst Sätze bilden und komme nur mit Stichwörtern aus, die die wichtigsten Wissensinhalte repräsentieren. Es besteht keine Notwendigkeit, alle Sätze Wort für Wort aufzuschreiben oder gar auswendig zu lernen. Dieses Prinzip macht sich u.a. die Methode des Mind Mapping zu nutze.

Welche Faktoren beeinflussen nun das Lernen?

Nach Spitzer ist dies einmal die Wiederholung. Je öfter ich eine Sache wiederhole und übe, desto wahrscheinlicher bleibt diese in meinem Gedächtnis. Wer mit der Hand eine heiße Herdplatte berührt, muss das allerdings nicht mehrmals wiederholen, bis er es verstanden hat, dass dieses Verhalten unvorteilhaft ist. Wer sich Hals über Kopf verliebt, muss den Namen der/des Angebetete(n) meist auch nur einmal hören, um sich diesen merken zu können. Wenn Emotionen an einem Lernvorgang beteiligt sind, geht das lernen bedeutend schneller.
Der Schluss vieler Lehrer und Führungskräfte, dass unter Angst und Druck deshalb die beste Leistung erbracht wird, ist allerdings grundlegend falsch. Wer unter Angst und damit Stress lernt, behält zwar unter Umständen den Lerninhalt, speichert aber damit gleichzeitig die Angst mit ab. Immer wenn diejenige Person an den Inhalt denkt, steigt die Angst und das Stresserlebnis wieder mit hoch. Dies führt auf lange Sicht sogar zu einem beschleunigten Absterben von Gehirnzellen und ist damit doppelt negativ. Wenn unter Angst und Stress gelernt wird, wird jegliche Kreativität im Keim erstickt. Neue Ideen und Möglichkeiten entstehen so sich nicht, im Gegenteil, "Angst zerstört Kreativität." Daher Spitzers Seitenhieb auf das deutsche Schulsystem, das Kinder bereits in der Grundschule unter enormen Stress setzt, weil alle Schüler nach der vierten Klasse in eine Schublade sortiert werden. Ein anderer Referent drückte es folgendermaßen aus: "In Deutschland haben wir wahrscheinlich das schlechteste Schulsystem der Welt, trotzdem haben wir einige der besten Schulen."

Freude – der Lernturbo

Genau den gegenteiligen Effekt haben positive Emotionen. Wird mit Freude oder positiven Emotionen gelernt, werden im Gehirn Glückshormone freigesetzt. Es wird das gleiche Zentrum im Gehirn aktiv, dass auch bei Drogensüchtigen während des Drogenkonsums aktiv wird. Immer dann, wenn wir beim Lernen Freude empfinden und positiv von uns selbst überrascht werden, wird das Frontalhirn aktiviert, das unser Arbeitsgedächtnis beinhaltet: Es wird gelernt, die Verhaltensweise, die uns gerade positiv überrascht hat, wird gespeichert! D.h. immer dann, wenn wir plötzlich etwas können, wenn etwas besser läuft als erwartet, wird diese Verhaltensweise gelernt. Diese Art zu lernen, hat früher das Überleben gesichert. Die Grundregel hierfür lautet daher: "Positive Emotionen und Lernen hängen systematisch eng miteinander zusammen."

Im anschließenden Forum konnte Spitzers Ergebnisse in der Diskussion noch weiter vertieft werden. Ein wichtiger Punkt, der hier zu Sprache kam: Nicht nur der Lernende muss Spaß haben, sondern vor allem zuerst einmal der Lehrende. Wenn ich als Lehrer, als Trainer, als Führungskraft von dem was ich tue überzeugt bin, wenn es mich begeistert, dann kann ich diese Begeisterung auch auf andere übertragen. Andersherum gilt diese Kenntnis natürlich auch. Wenn ich selbst keine Lust habe, kann ich nicht erwarten, anderen etwas beizubringen.

Das Mind Map zum Vortrag von Manfred Spitzer (zum Vergrößern auf das Bild klicken):