Metakognition: Über das Denken nachdenken und zu besseren Lösungen gelangen

In seinem sehr lesenswerten Buch "How we decide" erklärt Jonah Lehrer wie wir Menschen Entscheidungen treffen und welche Prozesse dabei in unserem Gehirn ablaufen. Ein zentraler Aspekt, um zu guten Entscheidungen zu gelangen, ist es, sich über den Prozess seines eigenen Denkens bewusst zu werden, diesen zu reflektieren und bewusst zu kontrollieren.

In der Fachsprache nennt man das Metakognition. Metakognition beschreibt das Denken auf einer höheren Ebene (meta) über das Denken selbst (kognition). Wir denken zwar alle über den Inhalt unseres Denkens nach, oft jedoch nicht über den Prozess des Denkens selbst. Nach jetzigem Wissensstand sind wir Menschen die einzigen Lebewesen auf diesem Planeten, die zur Metakognition und zur Kreativität in der Lage sind.

Nur weil wir dazu in der Lage sind, heißt das noch nicht, dass alle Menschen auch bewusst über ihren eigenen Denkprozess und ihre Denkmuster reflektieren. Dies obwohl Metakognition eine wichtige Rolle spielt, um bessere Entscheidungen zu treffen und neue Lösungen zu entwickeln. Deshalb kommt Metakognition auch oft im Coaching und in der Moderation von Workshops zum Einsatz.

Das bewusste Reflektieren über das Denken ist deshalb wichtig, weil unser Gehirn im Laufe der Evolution einige Vorgehensweisen ausgebildet hat, die heute, wenn es um die Lösung komplexer Fragestellungen und wichtige Entscheidungen geht, zu negativen Ergebnissen führen können. Ein für dieses Blog besonders relevanter Fall ist der Umgang mit Neuem. Das Gehirn begegnet Neuem mit gelernten Erfahrungen aus der Vergangenheit, an welche das Neue oft nicht anschlussfähig ist, was dazu führt, dass Gefahrenzentren in unserer grauen Masse aktiv werden und wir das Neue zu schnell ablehnen.

Aus der Erfahrung in der Moderation von Innovationsworkshops weiß ich, dass Gruppen von intelligenten und kreativen Menschen oft große Schwierigkeiten haben, neue umsetzbare Lösungen zu entwickeln, gerade weil sie nicht über ihre Vorgehensweise reflektieren und diese bewusst steuern. Im Falle eines moderierten Workshops übernimmt der Moderator die Rolle der Metakognition.

Schritte zum metakognitiven Denken


Der erste Schritt, um metakognitives Denken praktizieren zu können ist es, überhaupt ein Bewusstsein dafür zu entwickeln und über oft automatisch ablaufende Denkmuster Bescheid zu wissen. Dazu gehört im Falle von Kreativität und Innovation auch das Wissen über die Grundlagen des kreativen Denkens und von kreativen Problemlöseprozessen. Dies ist besonders in Gruppen relevant, wenn viele automatische Denkmuster gleichzeitig ablaufen.

Der zweite Schritt, ist das Erkennen solcher Denkmuster zu üben und festzustellen, wenn wir zum Beispiel dabei sind, ein Denkmuster im Autopiloten abzuspielen.

Ein dritter Schritt ist es, bewusst und explizit Gegenmaßnahmen zu ergreifen und unerwünschte Denkmuster zu unterbrechen oder hinauszuzögern. Im Falle von moderierten Innovationsworkshops ist dies wieder die Aufgabe des Moderators.

Beispiele für metakognitives Denken


Im Falle der Entwicklung von neuen Ideen und Lösungen ist es zum Beispiel wichtig, mental die Entwicklung von neuen Möglichkeiten und die Beurteilung dieser Ideen zu trennen. Viele Menschen, die darin nicht trainiert sind, haben am Anfang Schwierigkeiten, den inneren Zensor im Kopf auszuschalten und die Beurteilung von Ideen hinauszuzögern. In den creaffective Kreativitätstrainings üben wir deshalb wieder und wieder die Grundregeln des divergierenden und konvergierenden Denkens.

Um von ersten Ideen zu wirklich funktionierenden Lösungen zu kommen, ist es wichtig, vorschnelle Urteile und negative Bewertungen von Erstideen zu vermeiden. Gerade dazu neigt unser Gehirn jedoch automatisch. Nun ist es wichtig, diese Muster (1.) zu erkennen, (2.) zu durchbrechen und (3.) durch ein anderes zu ersetzen. Eine Technik die ich auf diesem Blog bereits mehrmals vorgestellt habe, die dabei unterstützten kann ist PPCO.

Ich bin mir bewusst, dass das theoretisch alles einfach und möglichweise sogar banal klingt. Dies in die Praxis umzusetzen ist jedoch alles andere als einfach und bedarf kontinuierlicher Übung und Anwendung. Es lohnt sich!

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Kommentare

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  1. George Pennington schreibt:

    Bevor wir über das Denken nachdenken sollten wir das Denken beobachten.
    Nahezu alle Menschen führen ständig Selbstgespräche im Kopf. Denken kann man das allerdings nicht wirklich nennen.
    Machen Sie einen Test:
    Schreiben Sie drei Minuten lang alles mit was Sie denken.
    Dann markieren Sie mit einem farbigen Marker alles, was davon wirklich wichtig war, d.h. alles was wesentlich zu Ihrer Lebensplanung und -gestaltung beiträgt oder sonst irgendwie nützlich ist.
    Wenn es Ihnen so ergeht, wie den allermeisten Anderen werden Sie finden, dass ca. 85 Prozent Ihres "Denkens" absolut irrelevant waren: Schrott, noise, static, ein unnützer Denkbrei, auf den Sie auch gerne verzichten könnten.
    Die meisten Menschen können darauf allerdings nicht verzichten, weil ihr "Denken" zwanghaft ist: Sie haben keine Kontrolle über ihren "mentalen Tinnitus", können ihre Gedanken nicht willentlich abstellen. Auch abends beim Einschlafen nicht. Sie haben niemals Stille im Kopf, niemals eine Pause. Ständiger Gedankenstress ist die Folge.
    Wenn ich die Teilnehmer meiner Seminare frage, ob sie auch NICHT denken können, bekomme ich oft die Gegenfrage zu hören: "Geht das denn überhaupt?" Was bei der Kompetenz zur Bedienung eines Autos selbstverständlich ist (es nämlich nicht nur fahren, sondern auch abstellen zu können) scheint beim eigenen Gehirn eher selten zu sein.
    Diesen zwanghaften Gedankenbrei im Kopf als "Denken" zu bezeichnen, finde ich abwegig. Echtes Denken, das sich aus der Stille nährt, ist ein wunderbarer kognitiver Tanz. Es ist ein unmittelbarer Ausdruck von Intelligenz. Alles Andere läuft bei mir unter der Bezeichnung "Hirnen".
    Dieser beobachtbare Sachverhalt scheint mir das erste und wichtigste Kapitel jeden metakognitiven Denkens zu sein.
    Gruss, GP

  2. Florian Rustler schreibt:

    Hallo Herr Pennington,

    entschuldigen Sie bitte meine späte Antwort, aber ein so tief-gehender Kommentar verlangt eine vernünftige Antwort und die Zeit dazu finde ich erst jetzt.
    Ich stimme Ihnen zu, dass die Beobachtung des Denkens der erste Schritt zum metakognitiven Denken ist. Um ein Bewusstsein für unser Denken zu entwickeln, muss man es beobachten.
    Auch stimme ich mit Ihnen darin überein, dass es für die meisten Menschen sehr schwer ist, denn Fluss der Gedanken (das "Hirnen" wie sie es nennen) zu zu stoppen.
    Ob das für den Kontext des kreativen Denkens (in diesem Kontext habe ich den obigen Artikel geschrieben) notwendig ist, bin ich mir nicht sicher.
    Für den Kontext der Kreativität ist sicherlich ein lenken der Gedanken wichtig, manchmal ein bewusstes Unterlassen bestimmter Denkmuster, dazu braucht es nicht unbedingt die absolute Stille, wie ich es aus der Meditation kenne.
    Manchmal können wir den Gedankenbrei in der Kreativität auch bewusst nutzen, um Ideen und Einfülle zu bekommen und diese festzuhalten.

    Ich habe vor zwei Jahren ein zweiteiliges Interview mit Franca Leeson über Meditation und Kreativität geführt, dass Sie in diesem Zusammenhang interessieren könnte.
    Teil 1: http://www.creaffective.de/blog/archives/17-04-2009.html
    Teil 2: http://www.creaffective.de/blog/archives/21-04-2009.html

    Beste Grüße

    Florian Rustler

  3. George Pennington schreibt:

    Hallo Herr Rustler,

    die Interviews sehe ich mir an, wenn ich ein bisschen mehr Zeit habe. Danke für den Hinweis.
    Echte Kreativität hat ihre Quelle im Unbewussten: Man denkt lange über ein Thema nach - und dann kommt der geniale Einfall. In der Regel beim Aufwachen, unter der Dusche, am Klo, beim Joggen, (seltsamerweise niemals beim Denken), also bei Tätigkeiten, die automatisch von einem weichen Wahrnehmungsmodus begleitet sind. Es ist also nützlich, das Denken auch mal abschalten zu können. Bei den meisten Menschen passiert das unwillkürlich (duschen etc.). Ich denke, es ist von Vorteil, wenn man das Denken bewusst und willentlich abstellen kann, um dem Unbewussten den Raum zu geben, den es benötigt.
    Das "nicht-mit-dem-denken-aufhören-können" ist eine Volkskrankheit. Viele Menschen leiden darunter sehr. Ich habe dazu ein neues Seminar aufgelegt. Sie finden es unter www.lenzwald.de.
    Und ich halte am 20.07. im Hotel Maritim in München einen Vortrag zu genau diesem Thema. (Wo wohnen Sei?)

    lassen Sie uns weiter über dieses hoch interessante Thema sprechen. Ich würde mich freuen.

    Gruss, George Pennington

  4. Florian Rustler schreibt:

    Danke für Ihre Kommentare.
    Es ist für mich diese zu lesen, besonders weil wir aus unterschiedlichen Richtungen an das Thema herangehen.
    Was bedeutet für Sie „echte“ Kreativität? Für mich gibt es keine echte oder unechte Kreativität. Die Art der Entstehung der Kreativität, die Sie beschreiben, wird in der Kreativitätsforschung als die spontane Kreativität beschrieben im Gegensatz zur absichtlich gesteuerten Kreativität. (Falls es Sie interessiert: http://www.creaffective.de/blog/permalink/Kreativitaet-spontan-oder-absichtlich.html).
    Die Hürden zu senken und ein Umfeld zu schaffen, in dem Einfälle und Geistesblitze entstehen können ist wichtig, jedoch für meine Begriffe nicht ausreichend. Die Arbeit von creaffective bewegt sich vor allem im Bereich der absichtlichen Kreativität. Ein Teilnehmer in einem Innovationsworkshop sagte einmal so schön: „Duschen ist wichtig, reicht aber alleine nicht“.
    Ich sehe es jedoch so, dass die absichtliche Kreativität nur profitieren kann, wenn Menschen in der Lage sind, ihr Denken zu zähmen.
    Leider bin ich zu Ihrem Vortrag nicht in München, obwohl ich hier wohne. Ich werde wieder in China sein.
    Beste Grüße

    Florian Rustler

  5. George Pennington schreibt:

    jetzt habe ich das Interview mit Franca Leeson gelesen. Sie hat ganz recht, besonders in dem, was sie über Meditation sagt. Und über das Öffnen der Sinne, "inclusive attention". Das bringt den inneren Dialog zur Ruhe und schafft den Raum, den echte Kreativität braucht.
    Was mich besorgt, ist, dass kaum jemand bemerkt, dass wir durch unsere Vorliebe für das Denken kollektiv in einer Art Denkfalle landen. Ich schätze es sind ca 85+% der Gesamtbevölkerung, die ihr Denken nicht abstellen können. Ich meine auch, dass es kein Zufall ist, dass Stress-Symptome so weit verbreitet sind. Jemand, der bewusst und willentlich aus dem Denken auszusteigen fähig ist, läuft viel weniger (wenn überhaupt) Gefahr, in einem Burnout zu landen.
    Aber ich wiederhole mich... jetzt gehe ich mir mal die Links zu Mindcamp/Toronto und Thinxx ansehen.

    Gruss, George Pennington

  6. Tinnitus schreibt:

    Sie schreiben "Ich bin mir bewusst, dass das theoretisch alles einfach und möglichweise sogar banal klingt. Dies in die Praxis umzusetzen ist jedoch alles andere als einfach und bedarf kontinuierlicher Übung und Anwendung." Das finde ich gerade das Spannende. Irgendwie ist es aber auch wirklich komisch, wie etwas "Banales" so "schwer sein kann, oder? Aber ich stimme voll über ein. Ich denke, es lohnt sich.


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