Schnelllesen, Visual Reading und Power Reading sind "ziemlich dämlich"!

So wird zumindest Ernst Pöppel, Neurowissenschaftler am Institut für Psychologie an der Ludwigs-Maximilians-Universität München in dem Artikel "Eine Dreiviertelstunde für Harry" in der Zeit von dieser Woche zitiert. Der Autor Tonio Postel testet darin verschiedene Schnelllesekurse in Form von DVDs oder Büchern und ist mit den Ergebnissen nicht sonderlich zufrieden.
Vor kurzem habe ich eine dreiteilige (Teil 1, Teil 2, Teil 3) Serie über das Schnelllesen gepostet, in der ich von den Vorzügen der Methoden berichte. Ist das also alles Quatsch? Muss man wenn man etwas "wirklich verstehen" möchte, langsam lesen?

Ein wichtiger Aspekt, um diese Frage zu beantworten fehlt im Artikel der Zeit: Das Vorwissen. Ob ich etwas verstehe, egal wie schnelle ich es lese, hängt auch vom Vorwissen ab. Ob ich etwas wirklich verstehe, werde ich wahrscheinlich nur im Gespräch mit dem Autor herausbekommen, denn alles was ich lese, stößt auf bereits vorhandene Muster in meinem Kopf, die mich das Gelesene interpretieren lassen.
Wie im Artikel meiner Meinung nach richtig angemerkt wird, muss man manche Texte langsam lesen (hierauf bin ich in Teil 1 meiner Schnelllesen-Serie eingegangen). Besonders dann, wenn die Informationsdichte sehr hoch ist und auch dann, wenn das Vorwissen gering ist. Dann benötigt das Gehirn einfach Zeit, um das Gelesene zu verarbeiten.
Allerdings, wenn das Vorwissen hoch ist oder der Text sehr einfach ist, dann kann man durchaus schneller lesen und trotzdem viel verstehen - und hier helfen die Techniken. Im Artikel klingt es ein wenig so, als würde man an jeden Text nach exakt dem gleichen Schema herangehen. Dass das nicht so ist, habe ich in meinen Post dargelegt. Wo ich dem Autor völlig recht geben muss: Der Lesegenuss beim Lesen eines Romans leidet beim Schnelllesen! Deshalb habe in Teil 3 meiner Serie explizit darauf hingewiesen, dass es sich vor allem um eine ökonomische Herangehensweise an Sachtexte handelt und hier widerspricht nicht einmal mehr Ernst Pöppel, sondern weist explizit darauf hin.

Nichts gegen Bücher, DVDs und andere Selbstlernmaterialien. Diese sind wundere Mittel, um Informationen und Inhalte zu übermitteln. Deshalb blogge ich ja auch! Was ich immer wieder betone (und wohl auch noch weiter betonen muss), Methoden und Techniken lassen sich nur begrenzt über nicht-interaktive Formate vermitteln. Das schreibe ich nicht, weil ich als Trainer Seminare verkaufen möchte. Methoden erlernt man durch das tun! Dabei macht (und muss und wird) man Fehler machen. Auf diese Fehler kann einen der Trainer hinweisen und den Lernenden schnell in die richtige Richtung lenken. Solange bis er es kann. Und das kann er im Seminar nach wesentlich kürzer Zeit als nach dem Lesen eines Buches! Es ist ganz normal, dass ich Autofahren nicht in einem DVD-Kurs erlerne, dazu muss ich zum Glück einen Fahrerlehrer zu Rate ziehen. Bei Denk- und Arbeitstechniken wird man wiederum zum Glück nicht dazu gezwungen, sich einen Lehrer zu suchen. Besser lernen und bessere Ergebnisse erzielen wird man mit einem Lehrer allerdings schon.

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Kommentare

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  1. Ivan Blatter schreibt:

    Danke für den Artikel! Was Sie zwar nicht explizit erwähnen, aber doch klar mitklingt, ist, dass man eine Methode nicht nur umsetzen lernen muss, sondern überhaupt verstehen muss, was sie bietet und wozu man sie einsetzen kann. Selbst wenn das aus marketingtechnischen Gründen nicht immer klar ersichtlich ist... So haben Sie völlig recht, dass man Schnelllesen nicht einfach so nach Schema X anwenden kann, sondern dass es durchaus Texte gibt, die man eben schneller lesen kann als andere (je nach Vorwissen und Schwierigkeitsgrad). Schnelllesen hilft in dem Sinne nur, einige antrainierte Bremsen los zu werden und schneller seine Fragen beantwortet zu finden.

    Ivan Blatter

  2. Florian Rustler schreibt:

    Ja, Sie haben recht, um mit einer Methode erfolgreich zu arbeiten, sollte vorher klar werden, was man von ihr erwarten kann und was nicht. Ich denke, dass das auch aus Marketinggründen geboten ist, denn man hat ja nichts davon, wenn man die falschen Leute anspricht oder die Erwartungen völlig unterschiedlich sind.
    Ich stimme Ihnen zu, dass Schnelllesen hilft, bestehende Verhaltensweisen beim Lesen zu verbessern. Darüber hinaus bieten die Techniken eine Herangehensweise an Sachtexte im allgemeinen, die sehr hilfreich sein kann, ohne dass man mit Augenbewegungen oder sonstigen Tricks arbeitet.

  3. Matthias Rückel schreibt:

    Ich stehe dem "Schnell-Lesen" spektisch gegenüber. Es klingt alles erstmal verlockend, aber..

    Vor dem Lesen, weiß ich noch nicht ob mein Vorwissen im Verhältnis zum Text groß oder gering ist, ob die Sätze Gehaltvoll sind oder nicht.

    Gehaltvolle Sätze sind oft erst durch mehrmaliges lesen oder lautes Vorlesen in ihrer Bedeutung und Tragweite begreifbar. Oder eine Pause zum Nachdenken nach dem Satz ist u.u. notwendig, um den Satz zu begreifen.

    Gerade da ich das Gelesene mit meinen Vorerfahrungen interpretiere (Konstruktivimus)besteht beim "Schlüsselworthopping" die Gefahr erst gar nicht zu erkennen, was in einem Text steht. Es kann ja über dem augenblicklichen Stand des Lesers hinaus gehen.

    Ich bin mir noch nicht sicher, ob "Schnell-Lesen" nicht doch in die Kategorie "kürzer um des kürzer Willens" gehör" und "mehr verarbeiten statt begreifen" gehört.

    Meine Alternative: Texte in Ruhe anlesen und nach einiger Zeit entscheiden, ob es sich lohnt den Text zu lesen. Spart auch wahnsinnig viel Zeit. :-)

  4. Florian Rustler schreibt:

    Was Sie schreiben, schließt das, was ich über Schnelllesetechniken geschrieben habe nicht aus. Ich glaube, es lässt sich gut kombinieren.

    Wenn Sie ein Buch kaufen, z.B. zum Thema Konstruktivismus und Sie sich in Ihrem Studium bereits damit beschäftigt haben, dann haben Sie einen Vorwissensstand, den Sie vor dem Lesen abrufen können, der Ihnen dann während des Lesens hilft. Viele Begriffe, die im Buch erklärt werden, werden Sie schnell begreifen, das Sie es schon einmal gehört haben.
    Wie ich das in Teil 3 meine Schnelllesentexte geschrieben habe, bedeutet Schnelllesen - zumindest die Methode, die ich beschrieben habe - nicht, dass über alles in der gleichen rasenden Geschwindigkeit gegangen wird.
    Es kann allerdings sehr wohl bedeuten, dass Sie zuerst relativ schnell versuchen, die Struktur eine Kapitels zu erfassen, z.B. in dem Sie zuerst Einleitungen und Zusammenfassungen lesen. Diese können Sie dann auch ruhig langsam lesen, wenn der Text dies erfordert. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie durch dieses Vorgehen schneller zu Ihrem Leseziel (das unterstelle ich beim Schnelllesen) gelangen, ist höher.

    Durch dieses Scannen des gesamten Textes vorab können Sie auch zu dem Schluss gelangen, dass es sich überhaupt nicht lohnt, den Text weiter zu lesen! Auch das ist eine wichtige Erkenntnis, zu der Sie möglichst schnell gelangen sollten.

    Ich denke, Ziel der Schnelllesetechniken ist es, eine Fragestellung an einen Sachtext möglichst schnell beantwortet zu bekommen. Das schnelle Lesen an sich ist kein Selbstzweck. Das Lesen zum Genuss wiederum schon!

  5. Harald Schmid schreibt:

    Ich finde besagter Artikel hat nicht die journalistische Qualität, die man von der ZEIT sonst gewohnt ist. Der Autor hätte besser einen reinen Kommentar geschrieben, oder eine Reportage. So ist der Text weder noch.

    Ich verstehe Schnelllesen jede Methode, mit der das Rauschen eines Textes von seiner Information getrennt werden kann. Je stärker verrauscht der Text ist, desto mehr profitiert man.

    Es leuchtet doch ein, dass diese Methode erstens Aufwand bedeutet, und zweitens nicht auf jeden Text angewendet werden sollte.

    Lese ich Harry Potter, um mich zu entspannen, warum sollte ich dann so eine anstrengende Methode wie Schnelllesen verwenden? Die Schönheit des Buches ist doch in der Lebendigkeit der von der Autorin beschriebenen Welt.

    Will ich allerdings den Roman lesen, einfach weil alle ihn lesen, und das mit möglichst geringem Zeitaufwand, so ist schnelllesen eine mögliche Methode. Sogar die einzige Methode, um die benötigte Zeit zu verringern, und trotzdem selbst das Material zu lesen. Also muss ich entweder selber so eine Methode entwickeln (zum Beispiel nur die ersten zwei Zeilen jeder Seite zu lesen, und nur bei Veränderung in der Handlung die ganze Seite zu lesen), oder man greift auf eine in einem Buch beschriebene zurück.

    Jeder, der viel mit Texten arbeitet, hat seine persönliche Methode, schnell zu lesen.

    Ich persönlich habe meine eigene Methode (u. A. Schlüsselwörter, Stichproben, Textstruktur), und mir nie eine der im Artikel beschriebenen Techiken angewöhnt. Aber ich lese eben sehr gerne und recht schnell.

    Wer aber berufsbedingt viele Texte lesen muss, die noch dazu stark verrauscht sind, der kann von so einer Methode durchaus profitieren.

    Einem Zeitungsredakteur, dessen Haupttätigkeit im Lesen gut strukturierter Nachrichtentexte besteht, ist glaube ich nicht bewusst, dass manchen Menschen das lesen recht schwer fällt.

  6. Florian Rustler schreibt:

    Ich denke, Schnelllesetechniken sind mehr, als nur Informationen aus den Rauschen eines Textes zu trennen. Man kann mit Elementen (Lesen in Blöcken statt in Wörtern) der Techniken wirklich lernen, generell schneller zu lesen, auch Romane. Allerdings ist der primäre Ansatz, wie du auch schreibst, das Lesen von Texten, die man nicht zum Spaß liest.

  7. Harald Schmid schreibt:

    Ein konkretes Beispiel ist der Roman, den ich derzeit lese. Es handelt sich um "The Stand" von Stephen King, die ungekürzte Ausgabe (die ist noch etwas länger als die ursprüngliche Veröffentlichung). Ich glaube, der Roman hat etwa um die 1500 Seiten in der Taschenbuchausgabe.

    Ohne Schnelllesen hätte ich die zweite Hälfte des Buchs sicher nicht durchgestanden :-)


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