Elementare Umformungen: Den Lebensstil gestalten

Letzte Woche habe ich den TED-Vortrag von Stefan Sagmeister gesehen (siehe Video), in dem er über die Wirkung von regelmäßigen Auszeiten sprach.



Sagemeister, ein in New York lebender – und anscheinend sehr gefragter - Designer hat sich entschlossen, seine Firma alle sieben Jahre für ein Jahr komplett zu schließen und sich eine Auszeit zu gönnen.
Seine Überlegung ist sehr ähnlich, wie die von Tim Ferriss, Autor des Buches 4-hour Workweek.
Anstatt das Leben in die drei großen Phasen Lernen und Ausbildung, Arbeiten und Ruhestand einzuteilen (siehe Bild) könnte man diese Phasen doch miteinander vermischen, um so für eine bessere Balance zu sorgen.


Im Fall Sagemeister wird ein Teil der Ruhestandsphase in Form von Jahreshäppchen in die Arbeitsphase eingefügt. Tim Ferriss spricht von einem Mini-Ruhestand von einigen Monaten, den man sich in regelmäßigen Abständen gönnen sollte und nennt das Ganze dann Lifestyle Design.

Das Prinzip der Elementaren Umformungen
Besonders oben stehendes Bild hat mich an eine Denkwerkzeug aus der TRIZ-Methodik erinnert, die ich in meinen Innovationsworkshops einsetze.

Ein Schlüsselaspekt bei TRIZ ist, dass man bei der Formulierung eines Problems (als ein Schirtt eines kreativen Problemlöseverfahrens) versucht, in Widersprüchen zu denken und Widersprüche zu formulieren.
Im Beipsiel von Stefan Sagemeister könnte das Problem folgendermaßen formuliert werden: Wie lauten alle Möglichkeiten für ein Lebensmodell, dass längere Ruhezeiten ermöglicht? Im Sinne der TRIZ Methodik könnten wir es auch so formulieren: Wie lauten alle Möglichkeiten für ein Lebensmodell, in dem Ruhezeiten vorhanden und nicht vorhanden sind? Vorhanden sollen die Ruhezeiten sein während der Arbeitsphase des Lebens (da sind sie bis jetzt zu wenig vorhanden) und teilweise nicht vorhanden sein während der Ruhestandsphase des traditionellen Lebensmodells (denn da sind sie zu viel vorhanden). Der Widerspruch lautet also: Finde eine Alternative, die es ermöglicht, dass Ruhezeit vorhanden und nicht vorhanden ist.

Der Faktor der vorhanden und nicht vorhanden sein soll ist der gleiche: die Ruhezeit. Es handelt sich also um nur einen Parameter. TRIZ spricht hier von einem Widerspruch mit nur einem Parameter oder eine physikalischen Widerspruch.
Eine Suchrichtung für Lösungen, die TRIZ bei physikalischen Widersprüchen vorschlägt ist das Prinzip der Elementaren Umformungen.
Hierbei versucht man das störenden Parameter zu separieren (deshalb heißt die Technik auch Separationsprinzipien) und zwar in den Kategorien Raum, Zeit, Struktur und Bedingungen.

Den Lebensstil elementar umformen
Stefan Sagemeister und Tim Ferriss haben nun genau das gemacht. Sie haben den störenden Faktor (Ruhezeit) zeitlich separiert, in dem sie einen langen Zeitblock in kleine Häppchen aufgeteilt haben.

Wendet man diese Separationsprinzipien an, dann lassen sich auf das obige Problem noch weitere Ideen finden:

Zeitliche Trennung

  • eine 10 Jahrespause in der Mitte des Lebens (hat einer der Kommentatoren zum obigen Video gemacht)
  • einmal im Monat wenige Tage extra frei
  • einen ganzen Monat pro Jahr frei nehmen
Räumliche Trennung
  • Ein Ort für Arbeit und Ruhe gleichzeitig
  • Eine Kombination von Ruheempfinden und Arbeitsmöglichkeit, z.B. eine inspirierende Arbeitsumgebung für Autoren, Berater, Trainer
Strukturelle Trennung
  • In Unternehmen: Kompetenzteams, die so organisiert werden, dass zu bestimmten Zeitpunkten immer eine Person fehlen kann.
  • Teams, die so organisiert werden, dass standardmäßig immer einer zu viel vor Ort ist und daher immer einer Ruhephasen hat und die Arbeit trotzdem weiter geht.
  • Jahreszeitkonten mit einer definierten Anzahl von Arbeitstagen pro Jahr, so dass es möglich ist, einige Zeit frei zu nehmen.
  • Arbeitszeitkonten, die es ermöglichen für Ruhezeiten anzusparen
Änderung der Bedingungen
  • Die Bedingungen für das Nehmen von Ruhezeit verändern: Bei ruhiger Auftragslage Ruhezeiten ermöglichen. Bei voller Auftragslage keine ermöglichen.
  • Die Bedingungen der Anwesenheit ändern: Die Arbeit so aufteilen, dass jeder chronologisch gesehen für einen Abschnitt zuständig ist und während anderer Abschnitte nicht anwesend sein muss.

Es gibt viele weitere Möglichkeiten. Wichtig ist mir, das Prinzip einmal zu verdeutlichen und Beispiele zu zeigen, wie es geht.
Für alle, die jetzt im Kopf viele "ja, aber..." haben, möchte ich meinen Artikel über PPCO empfehlen.

Trackbacks

  1. Neue Auflage des Buches 4-Hour Workweek von Tim Ferriss

    Die vier Stunden Arbeitswoche von Tim Ferriss ist definitiv eines der Bücher der letzten 3 Jahre, die einen sehr nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen haben. Oft gehe ich erneut über meine Aufzeichnungen oder schlage direkt einige Passagen im Buch na

Kommentare

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  1. Gitte Härter schreibt:

    Hallo Florian, ein sehr interessanter Beitrag, den ich heute gleich bei uns verlinkt habe. Viele Dank.

  2. Florian Rustler schreibt:

    Hallo Gitte,
    freut mich, dass du den Artikel bei euch verlinkt hast. Bei mir werden die Trackbacks ja leider nie dargestellt.

    Weiterhin viel Erfolg!

    Florian

  3. Red Burton schreibt:

    Wirklich sehr interessant. gibt auf jeden Fall zu denken und werde ich mir heute Abend nochmal in Ruhe zu Gemüte führen.

  4. Coaching Köln schreibt:

    Ich finde die Theorie von Stefan Sagmeister äußerst interessant.
    Auch die hinzugefügten Ideen zur Umsetzung finde ich gut.
    Leider ist es in einigen Gesellschaften sehr schwierig, diese Form von Auszeiten effektiv durchzusetzen.
    Wenn man in einem leistungsorientierten Unternehmen angestellt ist, dann kann es ein großes Problem werden, wenn man einen Monat am Stück Urlaub machen möchte.
    Aber auch wenn man selbstständig ist, wird man kaum in der Lage sein, sich mal ein komplettes Jahr eine Auszeit zu nehmen, es sei denn, man ist finanziell abgesichert. Unsere Gesellschaft ist so aufgebaut und strukturiert, dass die Menschen einen Anreiz bekommen sollen, viel zu arbeiten. Es kann zudem schwierig werden, nach einer einjährigen Pause wieder in den Arbeitsprozess hineinzufinden.

  5. Florian Rustler schreibt:

    Hallo,

    ja ich stimme zu, besonders lange Auszeiten, wie z.B. ein ganzes Jahr sind sicherlich nicht leicht zu organisieren.
    Für mich als Freiberufler sind z.B. kürze Auszeiten von 1 - 2 Monaten realistisch und mit dem Kunden kommunizierbar.
    In Unternehmen kann ich es mehr einerseits einfacher vorstellen, da man einen Ersatz leichter organisieren kann, andererseits sehe ich die von Ihnen geschilderte Problematik auch.
    Vielleicht bieten einige der anderen Ideen in meinem Artikel erste Ansatzpunkte.
    Gut möglich, dass diese Philosophie sich nicht mit der im Unternehmen vorherrschenden verträgt und man erst einmal dafür kämpfen muss.


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