Die Regeln von Denktechniken – alles nur Dogma?

Ich halte mich gerade mal wieder in Asien auf und kann einmal mehr erfahren, dass das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern, sowie die Art Dinge zu vermitteln hier ein ganz anderes ist, als bei uns im Westen. Gerade, wenn es um die so traditionelle Künste, wie Kampfkünste und die Teekunst geht, fällt mir sehr stark auf, dass die Regeln nach denen etwas geschieht, erst einmal wenig hinterfragt und selten geändert werden. Die Denkweise, die mir in Asien immer wieder begegnet und dir mir auch ein chinesischer Taiji-Meister immer wieder eingebleut hat, ist es, sich auf alle Fälle an die vorgegebenen Regeln zu halten (auch wenn einem diese vielleicht auf den ersten Blick unsinnig erscheinen). Die Begründung war die, dass ich das erst nach einer gewissen Zeit der Übung nachvollziehen und begreifen könne und dann würde sich mir auch der Sinn dieser und jener Regel erschließen.
In einem Interview mit Martin Röll, das ich heute gelesen habe geht es am Rande auch um Regeln, in diesem Fall um die Regeln des Produktivitätssystems Getting Things Done (GTD). Rölls Credo lautet hierbei Erlaubt ist, was funktioniert. Auch der Kommentar von Andreas Weinberger betonte noch einmal, dass es nicht darum geht sklavisch irgendwelchen Regeln zu folgen.

Das hat mich zum Nachdenken gebracht: Nun frage ich mich, wie wichtig diese Regeln bei Denktechniken eigentlich sind und ob, wie und wann man diese ändern sollte?
In meinen Seminaren erkläre ich natürlich auch immer die Mind Mapping Regeln (auch hier auf diesem Blog) und achte darauf, dass die Leute diese Regeln einhalten, weil ich davon überzeugt bin, dass der Erfolg des Mind Mapping mit von diesen Regeln abhängt. Brainstorming ist ein weiteres Beispiel, auch hier denke ich, dass der Erfolg eines Brainstormings auch davon abhängt, ob die grundlegenden Brainstorming-Regeln beachtet werden, z.B., dass Ideen nicht kritisiert und beurteilt werden.
Natürlich werden Regeln immer wieder geändert und manchmal bringt das auch Fortschritt. Für mich ist nun die Frage, wann jemand die Regeln ändern sollte, um ein System eine Technik noch besser oder passender zu machen? Um wieder am Beispiel des Taiji zu bleiben, hatte der Meister natürlich recht und nach einer gewissen Zeit hat es plötzlich Klick gemacht und ich habe den Sinn der Regel erfahren und verstanden, obwohl ich oft versucht war, es doch einfach anders zu machen und von seiner scheinbar dogmatischen Position abzuweichen.

Ich weiß hier keine genaue Antwort. Meine Beobachtung ist, dass die Regeln besonders am Anfang äußerst wichtig sind und ich – in meiner Rolle als Seminarleiter - auf deren Einhaltung achte (die Hintergründe allerdings auch zu erkläre, um die Regeln sozusagen nicht nur aufzustellen, sondern diese auch richtig zu verkaufen). Ich kann natürlich niemanden hindern, die Regeln nach dem Seminar über den Haufen zu werfen, ich selber überlege bei anderen Techniken auch immer wieder, ob ich das nun wirklich so machen muss und passe das eine oder anderen dann auch für mich an. Ich bin allerdings sehr vorsichtig mit dem Ändern, weil sich der Sinn und Vorteile mancher Dinge erst nach längerer Zeit erschließen und sich das Durchhalten doch schon oft gelohnt hat.

Trackbacks

  1. Thinking Club eröffnet

    Edward de Bono beschreibt in seinem – wie ich finde – ganz fantastischen Buch Thinking Course einen Denkclub, bei dem Interessierte zusammen kommen, um Denkwerkzeuge anzuwenden. Diese Idee fand ich total faszinierend und deshalb habe ich nun einen De

Kommentare

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  1. Hans Hartmann schreibt:

    Lieber Florian,

    Du hast das mit den Regeln in Asien sehr gut beschrieben. Tatsächlich muss theoretisch einer die Regeln solange befolgen, bis er selber Meister ist. Dann legt er vielleicht eine Blume in einem etwas anderen Winkel bei der Teezeremonie.
    Ich glaube, dass die Deutschen das sehr unterschätzt haben. Sie haben gemeint, dass die Japaner die Autos und die Kameras einfach kopieren. Dabei war das die Art der Japaner, sich voll hineinzudenken. Die Deutschen haben sie damals als Meister akzeptiert. Und als sie den Nachbau beherrscht haben, haben sie ihres dazugetan: Fensterheber, Schmankerln unterschiedlichster Art, für die selbst Mercedes lange gebraucht hat, um nachzuziehen, weil damals noch die Entwicklungszyklen bei Autos bei zehn Jahren lagen.
    Ich glaube, dass zB die Regeln von Tony Buzan sehr wesentlich sind, um Mindmaps voll auszureizen. (Auch wenn ich selbst mich nicht immer dran halten kann.) Was allerdings schwieriger ist, mag die Vermittlung der Begründung sein.
    Ich selbst habe einmal mit einer Frau zu tun gehabt, die sich ohne Mindmaps immer nur ein Hauptwort notiert hat. Sie hat verweigert, mehr zu schreiben, weil es kontraproduktiv für ihr Merkvermögen sei.
    Sehr gute Regeln fand ich in der Pattern-Community, wenn man ein Pattern-Writing-Workshop besucht. (Falls Du es nicht kennst, suche unter Europlop. Auf meiner Homepage sind auch die wesentlichen Pattern-Einstiegsseiten gelinkt.)
    Persönlich glaube ich, dass Regeln wichtig sind. Besonders gute Leute können vermutlich die Regeln ändern oder eigene Regeln aufstellen, wichtig ist in jedem Fall die konstante Befolgung. Für einfach gestricktere Gemüter ist es sicher eine gute Praxis sich an die Vorbilder von vernünftigen Leuten zu halten.
    Deinen Abschluss
    "...weil sich der Sinn und Vorteile mancher Dinge erst nach längerer Zeit erschließen und sich das Durchhalten doch schon oft gelohnt hat."
    kann man nicht besser ausdrücken.

  2. Ruth Pink schreibt:

    Hallo Herr Rustler,
    schön, dass Sie auch bloggen. Habe erst kürzlich Ihren Blog entdeckt...
    Tja, was die Regeln betrifft: Ich vermittele seit vielen Jahren Kreativtools in unterschiedlichen Branchen und kann nur bestätigen, dass Regeln - vor allem bei der Anwendung noch unbekannter Techniken - unerlässlich sind. Individuelle Grundsätze aufzustellen und damit zu experimentieren, finde ich erst in einer späteren Phase sinnvoll - nämlich dann, wenn man die ursprünglichen Regeln verinnerlicht hat. Daher stimme ich voll und ganz Ihrem "asiatischen Ansatz" zu: Manche Dinge kapiert man im Nachhinein und erkennt erst dann ihre Sinnhaftigkeit.
    Auch wenn viele Menschen ein reglementiertes Vorgehen erstmal als völlig unkreativ erleben, sind sie nach einigen Trainingsphasen immer wieder erstaunt, dass strukturierte Kreativität so viele tolle Ergebnisse hervorrufen kann. In diesem Sinne: Es lebe das strukturierte Chaos :-)
    Herzliche Grüße und weiterhin viel Erfolg bei Ihren Arbeit.
    Ruth Pink


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