Bewusst oder unbewusst entscheiden?

In der gestrigen (18.09.08) Ausgabe des Handelsblatts erschien der Artikel Der Bauch ist kein guter Ratgeber von Ulrich Kraft, der sich mit einer neuen wissenschaftlichen Studie zum Einfluss des unbewussten Denkens auf Entscheidungen beschäftigt.

Da ich beide im Artikel zitierten Studien nicht gelesen habe (und aus Zeitgründen auch nicht lesen werden), kann ich diese nicht einschätzen und mich nur auf die Angaben im oben erwähnten Artikel aus dem Handelsblatt stützen.

Von unbewusst wieder zurück zu bewusst
Bis 2006 waren die meisten die Auffassung, man sollte wichtige und komplexe Entscheidungen durch Nachdenken und Abwägen treffen. Nach 2006 hat sich daran bei den meisten wohl auch nicht viel geändert, aber es kamen zumindest Stimmen und dann Buchtitel ins Spiel, die dazu rieten komplexe Entscheidungen dem unbewussten Denken zu überlassen, dem Bauch wie Ulrich Kraft das nennt. Der Wissenschaftler Ap Dijksterhuis von der Universität Amsterdam hat 2006 in einer Studie nachgewiesen, dass Menschen die komplexe Entscheidungen dem Unbewussten überlassen, die besserenEntscheidungen treffen. Definitv besser können Entscheidungen wohl nur in wissenschaftlichen Experimenten sein, in der Welt außerhalb dieser Experimente kann man besser meist gar nicht eindeutig definieren. Das unbewusste Denken sei dem bewussten Denken überlegen. "Erklärt wird die angebliche Überlegenheit des Unbewussten damit, dass die Fähigkeit, Informationen bewusst zu verarbeiten, beschränkt ist. Gilt es, viele Faktoren zu berücksichtigen, gerät diese Kapazität an ihre Grenzen. 'Menschen, die sich Entscheidungen sehr genau durch den Kopf gehen lassen, beurteilen die relative Wichtigkeit verschiedener Pro und Kontra oft falsch', meint Dijksterhuis. Unbewusstes Denken sieht er hingegen als aktiven Prozess, der Informationen optimal organisiert und gewichtet – ohne Limit."

Dieses Ergebnis ist einerseits im wahrsten Sinne des Wortes intuitiv, da wir uns auf die Intuition (nicht auf Reflexion beruhende Erkennen, Erfassen eines Sachverhalts od. eines komplizierten Vorgangs) verlassen sollen. Andererseits kontraintuitiv, da die meisten Menschen wohl dazu neigen, bei wichtigen Entscheidungen gewissenhaft zu überlegen. Laut Dijksterhuis sollten wir dies unterlassen.

Nun hat ihn Ben Newell von der University of New South Wales in Australien in einer kürzlich veröffentlichten Studie vorläufig widerlegt. Er hat in seinen Experimenten nachgewiesen, dass die unbewussten Entscheider keineswegs die besseren Entscheidungen treffen (zumindest laut Handelsblatt-Artikel). Im Gegenteil, das Unbewusste ist sehr anfällig für irrelevante Einflüsse wie z.B. den recency effect (den man auch von Vorträgen kennt). Ein sehr schönes Beispiel für weitere Einflüsse liefert auch ein Post aus dem letzten Jahr auf dem Ideentower Blog.

Bewusst die Aufmerksamkeit lenken
Die nun neu veröffentliche Studie von Ben Newell argumentiert in die selbe Richtung wie andere Forscher und Denker, wie z.B. Edward de Bono. De Bono entwickelte seine sogenannten Direct Attention Thinking Tools (DATT). Diese Denkwerkzeuge (es gibt noch eine menge anderer) lenken ausgehend von bestimmten Situationen die Aufmerksamkeit auf bestimmte Aspekte. De Bonos These ist die, dass durch das bewusste Lenken der Aufmerksamkeit die Wahrnehmung einer Sache verändert werden kann und es absolut notwendig ist, die Aufmerksamkeit bewusst zu lenken. Man kann sich das ähnlich vorstellen wie das betrachten der gesamten Landkarte, bevor man sich für einen Weg entscheidet (siehe Bild).

Dies hat sich auch gestern im Münchner Denkclub wieder gezeigt, wo das Denkwerkzeuge PMI (Plus – Minus – Interesting) Thema des Abends war.
Denn, wenn wir die Aufmerksamkeit nicht gezielt steuern oder diese unbewusst nur auf bestimmte Elemente konzentrieren (z.B. warum etwas nicht funktioniert), kann es sein, dass uns wichtige Elemente entgehen. Unsere Logik fußt auf Wahrnehmung und logische Argumente sind meist nur so gut, wie die Wahrnehmung auf der sie basieren. Bekannt geworden sind in diesem Zusammenhang die Gorilla-Videos von Daniel Simons, Professor an der University of Illinois. Auch in der Zeitschrift GEOkompakt Nr. 15 gibt es einen Artikel von Henning Engeln (Die Erfindung des Ich), der sich mit Aufmerksamkeit beschäftigt. Dort wird Wolf Singer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung zitiert: "Ins Bewusstsein gelangt nur das, worauf die Aufmerksamkeit liegt".

Das Unbewusste ist eines von mehreren Kriterien
De Bono und auch Ben Newell betonen, dass das Unbewusste (wie Intuition oder Ahnungen, die man nicht erklären kann) einen Platz im bewussten Denken haben und berücksichtigt werden sollten, aber eben auch nur ein Aspekt unter mehreren sind. In seinem bekannten Denk-Verfahren (ein Verfahren moderiert einen Denkprozess und setzt einen großen Rahmen um einzelne Denkwerkzeuge) die 6 Hüte hat de Bono mit dem roten Hut den Ahnungen und Intuitionen einen wichtigen Platz eingeräumt.

Ich bin gespannt, wann der Gegenbeweis des Gegenbeweises aus Amsterdam kommt.

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Kommentare

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  1. Wolff Horbach schreibt:

    Mir ist auch aufgefallen, dass in der letzten Zeit eine Menge von Menschen die Tendenz haben, das Denken zu verbannen. Da kommen dann schnell so ungeprüfte Bemerkungen wie "Bauchentscheidungen sind besser", "Zuviel Wissen schadet" o.ä. daher.

    Edward de Bono ist auch für mich jemand, der mit seinen Denkwerkzeugen vermittelt, wie wir besser denken können und damit zu besseren Entscheidungen kommen. Es geht ja gar nicht um "Kopf oder Bauch", sondern um die besten Erkenntnisse und angemessene Entscheidungen.

    Wenn ich in München leben würde, würde ich sofort zum Denkclub kommen.

  2. Florian Rustler schreibt:

    Um auf Ihrer Aussage "Es geht ja gar nicht um 'Kopf oder Bauch', sondern um die besten Erkenntnisse und angemessene Entscheidungen" aufzubauen: Ich denke, es geht um sowohl als auch. Neue Forschungen, auch die oben genannten, zeigen uns, dass beides seinen Platz haben sollte und keines verbannt oder verdrängt werden sollte.

    Edward de Bono versucht Emotionen und dem "Bauchgefühl" einen Platz im Denkprozess einzuräumen und betont deren Bedeutung. Er betont allerdings auch, dass diese nicht am Anfang des Denkens stehen sollten, um zu vermeiden, dass das Denken auf eine bestimmte Richtung fixiert wird.

    Ja, schade, dass Sie keine Gelegenheit haben, bei unserem Denkclub dabei zu sein. Sie würden sicherlich viele interessante Blickwinkel mit einbringen!


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