War es ein evolutionärer Vorteil, nicht kreativ zu sein?

Freitag, 30. Januar 2009

Gestern Abend bei unserer Denkclubsitzung hat sich eine hoch spannende Diskussion entwickelt. Die These lautet: Es brachte dem Menschen lange Zeit einen evolutionären Vorteil, nicht kreativ zu sein!

Schnelles Urteil anstelle der Suche nach Alternativen
Hintergrund und Ausgangspunkt der Diskussion war die Unterscheidung zwischen divergierendem und konvergierendem Denken, also einem Denken das unzensiert in die Breite geht und nach Quantität strebt (divergierend) und einem Denken, dass eng, fokussiert und bewertend vorgeht (konvergierend).
Die Trennung dieser beiden Phasen des Denkens divergierend und konvergierend ist essentiell für die Entwicklung neuer Ideen und Lösungen und sollte Grundbestandteil eines jeden Kreativtrainings oder Kreativworkshops sein.

Wir kennen es alle, dass die meisten Menschen (das kann man ohne Übertreibung sagen) sehr schnell eng und fokussiert denken und schnell ein Urteil fällen und große Schwierigkeiten haben, die Beurteilung zurück zu stellen und offen für Alternativen zu bleiben. Während meiner Facilitator-Ausbildung in den USA habe ich dafür den Begriff "Krokodil-Reaktion" gelernt. Eine Krokodil-Reaktion spielt auf die Metapher des Reptiliengehirns an, ein evolutionär älterer Teil unseres Gehirns, in dem z.B. die Amygdala sitzt, die aktiviert wird, wenn Angst und negative Emotionen im Spiel sind. In solchen Situationen, z.B. wenn ich auf dem Waldboden eine Schlange sehe, brachte es einen evolutionären Vorteil, schnell und sozusagen automatisch zu handeln. Es ist sozusagen eine Überlebensreaktion. Diese zeigt sich heute noch schön in Diskussionen, wenn Menschen den Status quo in Gefahr sehen und nun alle Mittel darauf verwenden, diesen zu verteidigen.
Die Hirnforschung hat auch gezeigt (siehe das Buch Lernen von Prof. Manfred Spitzer), dass in Situationen, in welchen die Amygdala aktiviert wird, ein enger und routinenhafter Stil des Denkens aktiviert wird und geistige Transferleistungen oder das Entwickeln neuer Lösungen nur sehr eingeschränkt funktionieren.

Gezielt in neuen Bahnen denken
Ein weiterer Faktor, der hinzu kommt und auf den auch Edward de Bono in seinem Buch lateral thinking hingewiesen hat, ist, dass sich im Gehirn angelegte Denkmuster mit der Häufigkeit ihrer Benutzung verstärken. Je öfter man also eine Spur im Schnee austritt, desto tiefer und fester wird diese. In der Psychologie spricht man hier auch von sogenannten "Skripten", die ablaufen, wenn ich in einen bestimmten Kontext gerate.

Aus diesen hirnbiologischen Gründen neigen wir schnell dazu schnell, bestehende Denkmuster abzurufen (das ist effizient) und neue Dinge schnell auch in bereits angelegten Kategorien zu beurteilen. Die brachte in der Evolution durchaus viele Vorteile, besonders wenn sehr schnelle Entscheidungen (Überlebensreaktionen) gefordert waren.
Das Problem heute ist, dass diese Denkeffizienz oft keine Vorteile mit sich bringt, sondern im Gegenteil: Wenn wir immer so denken, wie wir schon immer gedacht haben, werden wir auch genau das wieder erhalten, was wir schon immer gemacht haben.

Vor diesem Hintergrund hat Edward de Bono auch seine Techniken des lateralen Denkens entwickelt (z.B. Erzwungene Verbindung), die den Denker bewusst aus der Denkbahn werfen und ihn sozusagen zwingen, einen neuen Weg zu suchen. De Bono und auch sein ehemaliger Partner Michael Hewitt-Gleeson argumentieren außerdem, dass die westliche kulturelle Software, das konvergierende Denken in besonderem Maße betont und wir hier im Westen von klein auf auf schnelles Urteilen sozialisiert werden.

Zum Glück lässt sich eine Haltung, in der vorschnelles Beurteilen verhindert und divergentes Denken ermöglicht wird, trainieren und durch den Einsatz von Denkwerkzeugen gezielt ermöglichen.

Adventskalender der Denkwerkzeuge 17: Erzwungene Verbindung

Mittwoch, 17. Dezember 2008

Erzwungene Verbindung ist eine Methode des lateralen Denkens. Der Begriff laterales Denken stammt von Edward de Bono und beschreibt den bewussten Spurwechsel im Denken, das Herauswerfen aus bestehenden Denkbahnen, das zu neuen Ideen führt.
Bei dieser Technik wird ein zufälliges Bild, Wort oder Objekt genutzt, um weitere Einfälle im Hinblick auf die Problemstellung zu erhalten.

Diese Technik ist deshalb notwendig und hilfreich, da das menschliche Gehirn immer versucht, Neues in bestehende Muster einzuordnen bzw. in bestehenden Mustern zu denken. Dies ist einerseits sehr sinnvoll, da wir so das Rad nicht immer neu erfinden müssen und wir so unsere Handlungsgeschwindigkeit erhöhen. Wenn es um die Ideenentwicklung geht, also darum, neue Vorgehensweisen in Hinblick auf ein Problem zu generieren, erschwert diese automatische Mustererkennung unseres Gehirns das Finden neuer Ideen.

So funktioniert es:

  1. Nehmen Sie ein zufälliges Wort, Bild oder Objekt, das mit dem Problem in keinerlei Zusammenhang steht und fragen Sie: "Welche Ideen erhalte ich, dieses Problem zu lösen, wenn ich dieses Wort, Bild oder Objekt sehe?"
  2. Erzwingen Sie eine Verbindung / einen Zusammenhang zwischen dem Bild und dem Problem, um so mehr Ideen zu generieren. Auf diese Weise führt die Technik oft zu neuen oder ungewöhnlichen Optionen.
Beispiele:
Das Problem lautet: "Wie könnte ein ungewöhnliches Weihnachtsgeschenk für meine Mutter aussehen?"

Bild 1: Das Weizenfeld.
Hier denke ich an Natur, an Freiheit an draußen sein.

Ideen, die mir beim Betrachten einfallen:
  • Eine Woche Ferien auf dem Bauernhof.
  • Eine gemeinsame Woche auf dem Jakobsweg.



Bild 2: Die Stühle
Hier denke ich an schönes Ambiente, an ein schönes Haus oder an Handwerkskunst, an zwei Leute, die sich Gegenüber sitzen.

Ideen, die mir beim Betrachten einfallen:
  • Einen Polstermöbelkurs im Haus der Eigenarbeit in München.
  • Ich bezahle einen Einrichtungsberater, der meine Mutter bei der Umgestaltung der Wohnung berät.
  • einen Gutschein für den Astrologen.



Jeder wird andere Assoziationen haben, die obigen Beispiele zeigen, was mir spontan dazu einfällt. Die Beschäftigung mit einem Objekt, das mit dem Problem in keiner Verbindung steht führt meist zu Einfällen, an die man vorher nicht Gedacht hat. Man ist im positiven Sinne gezwungen eine Verbindung zum Problem herzustellen.

Eine Besprechung im Gehen

Sonntag, 16. November 2008

Es ist nichts Neues, auch nichts wahnsinnig Besonderes. Gerade deswegen bin ich immer wieder erstaunt, wie angenehm überrascht Teilnehmer aus meinen Seminaren und Workshops sind, nachdem wir diese Übung gemacht haben: Die Besprechung im Gehen.

Anstatt am Schreibtisch oder im Besprechungsraum zu sitzen, wie wäre es einmal damit, das Thema im Gehen zu besprechen? Die meisten Menschen schmunzeln oder nehmen es am Anfang nicht ernst und sind dann positiv überrascht, wie gut sie sich danach fühlen und wie produktiv die Besprechung war.

Sauerstoff ins Gehirn
Abgesehen davon, dass eine Besprechung im Gehen, ob innerhalb des Bürogebäudes oder außerhalb im Freien, den buchstäblichen Tapetenwechsel mit sich bringt, gibt es eine weitere sehr wichtige positive Wirkung. In der Bewegung kommt eine Menge Sauerstoff ins Gehirn und dieser hilft unserer grauen Masse, besser zu funktionieren. So einfach ist das. Anstatt müde und erschöpft, kommt man erfrischt aus der Besprechung.

Nicht immer möglich, aber öfter als man denkt
Zugegeben, eine Besprechung im Gehen, macht nicht immer Sinn. Diese ist dann möglich,

  • wenn es sich um eine kleine Gruppe handelt, z.B. zwei bis drei Personen.
  • wenn man keine technische Ausstattung benötigt, sondern ein Notizblock und ein paar Stifte ausreichend sind.
Betrachtet man sich die obigen Voraussetzungen, dann ist das öfter möglich als man denkt.

Viel schwieriger als in Deutschland ist das in asiatischen Großstädten. Hier ist es entweder zu heiß oder zu laut oder schlicht und einfach zu voll. Für meine Workshops hier in Hong Kong haben wir uns deshalb einen nahe gelegenen Park ausgesucht.

Und dann ist da noch der Chef
"Wo kämen wir denn da hin, wenn wir jetzt noch während der Arbeitszeit zum Spazierengehen aufbrechen?" Vermutlich kämen wir öfters produktiver ans Ziel! Viele Menschen haben Bedenken, dass das dem Chef nicht gefallen könnte und er diese Art der Besprechung nicht als Arbeit ansehen könnte. Leider ist das so, da vielen Chefs (und natürlich auch anderen Menschen) einfache Zusammenhänge über unser Gehirn nicht bekannt sind. Besonders in Asien wird von Führungskräften das körperlich anwesend sein noch stärker gefordert als in Deutschland. Daher staunten während des Workshops letzte Woche die Abteilungsleiter meines Kunden hier in Hong Kong nicht schlecht als der CEO persönlich die Besprechung im Gehen eingeführt hat (er hatte diese vor einiger Zeit während eines Trainings in Taiwan bei mir gelernt). Das ist natürlich nachhaltiger, als wenn der Trainer aus Deutschland das macht.



Lernspaziergänge
Nicht nur in Gruppen funktioniert das, sondern auch alleine. Wenn ich mich auf Prüfungen vorbereite, nutze ich sogenannte Lernspaziergänge. Meist nehme ich dazu lediglich meine Mind Map Exzerpte und gehe dann einige Stunden spazieren. Während dieses Spaziergangs wiederhole ich dann den Prüfungsstoff. Ich kann nur empfehlen, dies vor der nächsten Prüfung einmal auszuprobieren. Vielleicht hätten Sie nie gedacht, dass Lernen so viel Spaß machen kann.

Rechtshirner, Linkshirner, kreative Chaoten and other bullshit

Donnerstag, 25. September 2008

Wie heißt es doch so schön in Eric Amblers Buch Dirty Story: "Never tell a lie when you can bullshit your way through". Ich will also weder die Zeitschrift junge karriere noch Cordula Nussbaum und ihr Buch der Lüge bezichtigen; ich habe Frau Nussbaums Buch ja noch nicht einmal gelesen. Deshalb möchte ich zum Begriff Bullshit greifen, der kein Schimpfwort ist, sondern Äußerungen beschreibt, die eng mit dem Humbug verwandt sind und sich von der Lüge untescheiden. Was ich heute gelesen habe, war der Artikel in der Oktoberausgabe der junge karriere "Die Zukunft gehört den Chaoten" und hier wird leider wieder mit einigen alten Mythen und schlicht falschen Aussagen über das Gehirn und Kreativität hantiert, die unsere Welt so schön einfach erscheinen lassen.

Nichts gegen Populärwissenschaft, man kann nicht alles im Format von Science oder Nature Artikeln publizieren, aber auch Populärwissenschaft zeichnet sich dadurch aus, dass ihr Futter aus aktueller wissenschaftlicher Forschung stammt und gewissen Gütekriterien entsprechen.
Schon gar nicht mehr aktuell schon inzwischen schon über 10 Jahre alt sind Forschungsergebnisse, die mit dem Mythos von Links und Rechtshirnen aufräumen. Umso trauriger, dass der Artikel nur von diesen Halbwahrheiten strotzt.
Hier ist nun mal das kritische Denken angesagt (im Gegensatz zu anderen Arten des Denkens, die ich auf diesem Blog oft beschreibe), dessen Ziel es ist, ein Theorie durch begründete Argumente zu verifizieren.

Mythos 1: Es gibt Rechts- und Linkshirner
Begonnen hat das Ganze mit der Splitbrainforschung von Prof. Sperry, der unterschiedliche Aktivitäten und eine Arbeitsteilung in den beiden Hirnhälften des Neokortex nachweisen konnte. Bei bestimmten Aufgaben schien mal die eine Hälfte aktiver und mal die andere. Von Sperry und seinem Forscherteam wurden allerdings nie die Behauptungen aufgestellt, dass sich nun alle Menschen in Links- und Rechtshirner aufteilen lassen und dass sich nun über unterschiedliche Merkmale verfügen, wie sie die Welt wahrnehmen (z.B. abtrakt oder konkret) und wie sie Informationen organisieren (z.B. sequentiell oder durcheinander). Hier gibt es übrigens tatsächlich unterschiedliche Stile, die allerdings nichts mit den Hirnhälften zu tun haben. Seit über 10 Jahren ist Grundkonsens der Hirnforschung, dass diese Hypothese der strikten Trennung nicht zu halten ist. Für zwei nichtwissenschaftliche Artikel siehe hier und hier. Ein anderes populärwissenschaftlich geschriebenes Buch vom Neurobiologen John Medina zeigt schön, wie einzigartig jedes Gehirn in Aufbau und Funktionsweise ist und wie haltlos und irreführend diese Einteilung ist.
Mit dieser inzwischen mehrfach widerlegten Behauptung der beiden getrennten Heimsphären arbeiten leider auch noch viele Anbieter von Mind Mapping einer Technik, die die Arbeitsweise (und unterschiedliche Arten Informationen zu organisieren) unseres Gehirns unterstützt, aber nicht weil sie die angeblich dominante linke und die arme unterdrückte rechte Gehirnhälfte zusammenbringt.

Mythos 2: Kreative sind chaotisch und strukturierte Menschen sind eher unkreativ
Jeder Mensch ist kreativ und kann sich kreativ ausdrücken! Eine ausführlicheren Überblick über Definitionen von Kreativität gebe ich im nächsten Post.
Ruth Pink hat es in ihrem Buch bewusst kreativ mal schön ausgedrückt. Kreativität ist "strukturiertes Chaos". Ja, es ist etwas dran, dass das finden neuer Denkmuster und die Neukombination bestehender Elemente oft und meist unlogische Wege nimmt (ein Beispiel siehe hier) und nehmen muss. Das heißt jedoch nicht, dass kreative Leute generell chaotisch sind und strukturierte Leute unkreativ. Im Gegenteil, die Kreativitätsforschung zeigt seit Ende der 50er Jahre, dass es einen strukturierten Ablauf gibt, dem kreatives Denken folgt. Und es gibt unterschiedliche Stile der Kreativität, eine These, die in einer Vielzahl an wissenschaftlichen Studien bestätigt werden konnte.

Mythos 3: Kreativ wird man, wenn man die rechte Hirnhälfte stärkt
Das sind sozusagen zwei falsche Aussagen gepaart (in einem Einfall von Kreativität fällt mir hier der Begriff Bullshit2 ein).
Hierzu hat de Bono in seiner Reihe letters for thinking managers vor über 10 Jahren schon geschrieben: "There is the added danger of fatalistic categorization: 'I am left brain.' 'She is right brain,' et cetera. This gives a totally false impression—for creativity can be learned by anyone."
Kreativität äußert sich in verschiedenen Stilen und ist bei den meisten Menschen auf bestimmte Domänen beschränkt und kann von jedem Menschen gelebt werden.

Time Management for Creative People
Wie gesagt, ich habe das Buch von Frau Nussbaum nicht gelesen, ich habe bisher nur unter dem Artikel aus der jungen karriere gelitten. Den amazon Kommentaren nach zu schließen, sind da sicherlich viele nützliche und auch funktionierende Tipps drin, die sicherlich auch ohne die oben genannten Mythen funktionieren.
Ein Buch das ich gelesen habe, und das ich nur empfehlen kann ist: Time Management for Creative People von Mark McGuinness und das gibt es auch noch kostenlos.

Symposion Lernen lernen: Prof. Bauer – Motivation durch Beziehung

Freitag, 2. Mai 2008

Folgende Artikel zum Symposion sind bereits erschienen:
Teil 1: Prof. Martin Korte - Wie lernt der Mensch?
Teil 2: Interview mit Dr. Andreas Gößling


Das Wichtigste in Kürze:

  • Motivation ist einer der wichtigsten Einflussfaktoren für den Erfolg des Schulsystems
  • Motivation führt zu höherer Leistung und ermöglicht kreatives Denken
  • Beziehungen sind eine notwendige Bedingung für Motivation
  • Der Mensch verfügt über Spiegelneurone, die bei abhängig von den Handlungen anderer aktiviert werden



Das Wissenschaft motivieren kann, zeigte der Vortag von Prof. Joachim Bauer, der nach seinem Vortrag von Wolfgang Endres den Spitznamen Prof. Aufbauer verliehen bekam.
Grundgedanke des Vortrags war, dass die Leistungsbereitschaft und der Lernerfolg eines jeden Menschen neben anderen Faktoren besonders von seiner Motivation abhängt. Ist Motivation vorhanden, kommt es im Gehirn zur Ausschüttung einiger wichtiger Botenstoffe, wie Dopamin und körpereigener Opioide, die für Freude und Wohlbefinden sorgen.
Stimuliert werden kann das Motivationssystem durch Musik, durch Bewegung (wer sich für neurobiologische Hintergründe interessiert, dem empfehle ich Brainule #1 von John Medina) und Beziehungen.

Beziehungen als Ziel jedes Handelns
Positive Beziehungen zu anderen Menschen sind einerseits Grundvoraussetzung für Motivation. Sind diese nicht vorhanden, führt dies zu dauerhaften Stressreaktionen und damit zu Angstzuständen und Aggression.
Gleichzeitig sind Beziehungen immer auch mit Ziel unserer Handlungen. Wir alle benötigen Zuwendung (z.B. durch Gespräche oder auch nur Blickkontakt), Anerkennung und Bestätigung durch andere Menschen.

Spiegelneurone und das Potenzial positiver Ansteckung
Seit einigen Jahren weiß man von so genannten Spiegelneuronen in unserem Gehirn. Diese werden durch Handlungen anderer aktiviert und ermöglichen Empathie (Verständnis für das Innenleben anderer Menschen) sowie Modellernen, indem wir den Handlungen und Bewegungen anderer zusehen, um dann eigene Verhaltensweisen zu formen.
Durch Spiegelneurone kann gut erklärt werden, warum jeder durch sein Verhalten und sein Auftreten andere anstecken kann, im positiven wie im negativen Sinne. Sichtbar wird eine solche Ansteckung z.B. beim Gähnen. Ich musste einmal einen Vortrag aushalten, indem sich der Redner 90 Minuten ununterbrochen geräuspert hat. Man konnte ich richtig sehen, wie sich bei den Zuhörern ein Unwohlsein und Kratzen im Hals entwickelte.

Nicht nur auf den Inhalt kommt es an
Durch diese Ansteckungsmöglichkeit ergeben sich vielfältige Chancen, wie Trainer, Lehrer aber selbstverständlich auch Führungskräfte in Unternehmen Ihre Schüler, Kursteilnehmer oder Mitarbeiter positiv beeinflussen können und somit deren Motivation steigern können. Allein durch entsprechendes positives Auftreten, Beachtung und Aufmerksamkeit für jeden einzelnen ist hier viel möglich. Durch wohl gemeinte (konstruktive) Rückmeldung zur individuellen Leistung erhalten Schüler und Seminarteilnehmer wichtige Hinweise zur Verbesserung. Im Gegenzug sollte es selbstverständlich sein, dass jeder Schüler, jeder Seminarteilnehmer oder Mitarbeiter absoluten Schutz vor Beschämung und Vorführen vor dem Rest der Gruppe hat. Hier reicht eine Beschämung, um einem Menschen für den Rest seines Lebens negativ zu prägen. Mit Grauen, aber gleichzeitig so, als wäre es gestern gewesen, erinnere ich mich an eine Musikstunde in der vierten Klasse, in der ich gezwungen wurde alleine vor der gesamten Klasse zu singen.
Solche grundlegenden Verhaltensweisen von Lehrern, Trainern und Führungskräfte sind genauso wichtig wie interessante und gut strukturierte Inhalte oder Fachkompetenz.

Von kindlichen und erwachsenen Unternehmen

Freitag, 18. April 2008

Das Handelsblatt vom 16.4. berichtet im Artikel "Nimmerland ist zu entspannt..." über das Google Forschungszentrum in Zürich. Nach dem Artikel steckt Google im Moment in der Krise und um dieser zu entrinnen, müsse das Unternehmen "endlich erwachsen werden". Dass es so schlimm nicht sein kann, haben die gestrigen Quartalszahlen gezeigt.
So wie ich den Artikel interpretiere – vielleicht liege ich ja komplett falsch – wird das Kindliche vor allem an Googles Verspieltheit und der für ein ernsthaftes Büro ungewöhnlichen Freiheiten und der ungewöhnlichen Art und Weise, seine Arbeitsstätten auszustatten, festgemacht.
Genannt werden die ominpräsenten Whiteboards in den Büros, damit jede Idee sofort festgehalten und von anderen weiterentwickelt werden kann, Besprechungskabinen, Verbindungsrutschen, ein Ruheraum mit Aquarien usw. Vor der Einrichtung des Büros wurden Mitarbeiter nach Ihren Wünschen und Träumen befragt, um so ein "IT-Nimmerland" zu schaffen.

Nach dieser Beschreibung zu urteilen hat Google aus meiner Sicht sehr viel richtig gemacht, um eine Umgebung zu schaffen, die Kommunikation und Bewegung ermöglicht und vor allem die Kreativität der Mitarbeiter anregt und freisetzt. Die Freiheit auch mal ohne großen Druck an Ideen zu arbeiten, diese auszuprobieren und zu verwerfen erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende etwas innovatives dabei heraus kommt. Die im Artikel beschriebene Büro klingt sehr danach als hätte man sich bemüht, eine gehirngerechte Arbeitsumgebung zu schaffen. Was gehirngerecht bedeuten kann, vermittelt das Buch und die Website Brainrules.

Kreativität alleine ist zwar keine hinreichende Bedingung für unternehmerischen Erfolg, aber in vielen Branchen eine zunehmend notwendige. Die Krux der kreativen Ideen ist, dass man diese im Voraus meist selten planen und sich logisch erschließen kann, sondern dass diese nachdem sie entdeckt wurden erst im Nachhinein als logischer Schritt erscheinen. So muss man einfach ausprobieren und spielen! Daher ist für viele Unternehmen zu hoffen, dass sie wieder etwas kindlicher werden.

Gorillasituationen im Denken

Freitag, 7. März 2008

Im Fokus Nr. 9 vom 25. Februar gab es eine schöne Titelgeschichte zur Illusionsforschung. Anhand optischer Illusionen wurde gezeigt, wie selektiv Wahrnehmung ist und wie einfach wir Dinge anders, verzerrt oder gar nicht wahrnehmen.
Eines der bekanntesten Beispiele in diesem Zusammenhang sind die Gorillaaufnahmen (siehe Bild) von Daniel Simons, die ich auch sehr gerne in meinen Kreativworkshops verwende, um den Wahrnehmungsprozess zu verdeutlichen.




Die Zuschauer werden gebeten, die Ballkontakte der weißen Basketballspieler zu zählen, d.h. ihre Aufmerksamkeit auf diese zu lenken. Während des kurzen Films läuft ein Gorilla durch das Bild. Die meisten der Zuschauer, die wirklich damit beschäftigt sind, die Ballkontakte zu zählen, bemerken den Gorilla nicht und sind beim zweiten Ansehen völlig erstaunt, dass ihnen dieses auffällige Detail entgehen konnte. Gesehen haben sie den Gorilla sicherlich, d.h. er ist in Form optischer Reize zum Sehnerv vorgedrungen. Das Gehirn hat ihn allerdings nicht gesehen, denn im Zuge der Reizfilterung wurde dieses - für die Anzahl der Ballkontakte - unwichtige Detail weggefiltert.

Diese selektive Wahrnehmung läuft jedoch nicht nur bei optischen Eindrücken auf diese Weise ab, sondern auch in unserem Denken! Um einen Aspekt zu bedenken, müssen wir zuerst unsere Aufmerksamkeit auf diese lenken. Ob dies geschieht, hängt wiederum von unserem Interesse, unseren Emotionen und bereits im Gehirn angelegten Denkmustern ab. Diese vorhandenen Denkmuster bezeichnet der im Artikel zitierte Psychologe Kopp-Wichmann als mentale Autopiloten, die sozusagen ohne bewusst zu denken ein Schema abspielen. Diese können dazu führen, dass es auch im Denken häufig zu Gorillasituationen kommt. Wenn wir darauf hingewiesen werden sind wir dann erstaunt, dass uns dieses oder jenes Detail entgangen ist. Es könnte z.B. sein, dass ich mir einen neues Sofa kaufen möchte und das Wohnzimmer genau ausgemessen habe. Bei der Lieferung stelle ich dann entsetzt fest, dass das schöne Teil nicht durch den Flur passt.

Auf Basis des Wissens um Gorillasituationen im Denken haben Menschen wie Edward de Bono und Michael Hewitt-Gleeson kleine Denkhelferlein – Denkwerkzeuge - entwickelt, die einem in bestimmten Situationen helfen können, indem sie die Wahrnehmung bewusst steuern. Je nach Situation (Entscheidungsfindung, Alternativensuche, eine Besprechung) kann der Denker in den Werkzeugkoffer greifen und ein für diese Situation passendes Werkzeug anwenden und so die eine oder andere Gorillasituation vermeiden.

Einige Denkwerkzeuge habe ich auf diesem Blog schon vorgestellt, z.B. TO-LO-PO-SO-GO, Techniken des lateralen Denkens, Sechs Hüte und PMI.

Software-Update für das Gehirn: PMI – jetzt aufspielen :-)

Donnerstag, 7. Februar 2008

Für die neue Ausgabe des DIALOGUS-Magazins habe ich einen Artikel zu PMI beigesteuert. PMI steht für Plus – Minus – Interesting und ist ein simples aber hoch effektives Werkzeug für das Denken. Um die Ergebnisse des Denkens zu visualisieren, habe ich vor einiger Zeit eine MindManager-Vorlage entwickelt, die den Denker unterstützt. Mit dabei bei der Vorlage ist ein Beispielvideo, das die Anwendung von PMI mit MindManager veranschaulicht.

Mind Map-Mitschriften bei Vorträgen und Besprechungen

Sonntag, 18. November 2007

Von ehemaligen Seminarteilnehmern erhalte ich immer wieder die Rückmeldung, dass sie besonders die Möglichkeit schätzen, Mitschriften von Vorträgen und vor allem Besprechungen oder Telefonaten mit Hilfe von Mind Mapping zu erstellen.
Der große Vorteil einer Mind Map-Mitschrift ist, dass ich am Ende eine gut strukturierte Mitschrift eines Themas habe, wohingegen ich mit normalen linearen (d.h. alles wird nach einander untereinander hingeschrieben) Mitschriften oft ein ziemliches Durcheinander habe.

Wie kommt das?
Es hilft, sich zuerst einmal die unterschiedlichen Strukturen von linearen und nicht-linearen Mitschriften (hier am Beispiel eines Mind Maps) deutlich zu machen. Bei linearen Mitschriften schreibe ich die Information meist so wie sie bei mir ankommt nacheinander auf das Blatt, oder tippe Sie in den PC (Bild 1)

Bild1: Eine lineare Mitschrift im Vergleich zu einer nicht-linearen Mitschrift (hier am Beispiel eines Mind Maps)


Das heißt, ich bilde den zeitlichen Verlauf des Vortrags / der Besprechung ab (Bild 2 und 3).


Besonders Gespräche und Besprechungen folgen meist jedoch nicht einer stringenten inhaltlichen Abfolge (wie in Bild 2), sondern springen mehr oder weniger wild von einem Thema zum anderen und dies meist auch wenn Besprechungen inhaltlich vorbereitet werden. Dies liegt wiederum an der natürlichen Funktionsweise unseres Denkens: Dieses ist assoziationsgetrieben, man spricht auch von Punkt-zu-Punkt-Denken. Jemand sagt ein bestimmtes Stichwort und dieses löst eine bestimmte Assoziation aus und darauf hin wird das Gespräch in eine anderen Richtung gelenkt. Unterbinden kann man das durch einen disziplinierten Moderator, was jedoch in den seltensten Fällen passiert. Idealtypisch werden die beiden Mitschriften mit Bild 3 veranschaulicht.

Bild 3: Die Anordnung der linearen Mitschrift folgt dem zeitlichen Ablauf.


Wenn ich nun lineare Mitschriften mache, dann bilde ich diese sprunghafte Denken ab, d.h. in vielen Fällen, sieht die Mitschrift genau so chaotisch aus, wie das Gespräch (Bild 4). Das bedeutet z.B. bei einem Vortrag, dass man der Strukturiertheit oder Unstrukturiertheit des Vortragenden meist völlig ausgeliefert ist. In der Universität kann man das manchmal beobachten. Da werden seitenlange Mitschriften angefertigt, die aufgrund des inhaltlichen Durcheinanders danach wertlos sind.

Bild 4: Der unstrukturierte Verlauf einer Besprechung spiegelt sich meist in der linearen Mitschrift wieder.


Ganz anders hingegen bei einer Mind Map-Mitschrift!
Diese funktioniert nach dem gleichen Prinzip, wie eine Mitschrift aus Büchern. Hier kann ich auf Grund der nicht-linearen Struktur eines Mind Maps das Gesagte immer an den Zweig anhängen, wo es inhaltlich hingehört, egal wann im zeitlichen Verlauf es gesagt wird. D.h., egal wie sprunghaft ein Gespräch / ein Vortrag ist, ich kann das für meine Mitschrift immer wieder einfangen und das Map an der richtigen Stelle erweitern (die Mitschrift sieht dann aus wie in Bild 3)

Mind Mapping zwingt zur Konzentration
Ein weiterer Vorteil einer Mind Map-Mitschrift ist, dass der Mapper sich ganz automatisch konzentrieren muss. Andernfalls wüsste er nicht, wo er welchen Zweig hinschreiben muss. Beim Erstellen eines Mind Maps bin ich mir immer im Klaren darüber, warum ein Zweig dort hinkommt, wo ich ihn hinmache, warum er also inhaltlich dort verortet wird. Ganz anders bei der linearen Mitschrift. Hier kann (ich unterstelle nicht, dass es bei jedem so abläuft) man das Gesagte zum einen Ohr rein, über die Hand aufs Papier leiten und es zum anderen Ohr wieder hinaus schicken, ohne etwas davon geistig wirklich aufgenommen zu haben.

Warum es so schwer ist, neue Ideen und Alternativen zu finden

Sonntag, 11. November 2007

Wahrscheinlich hat es jeder schon einmal erlebt. Man ist auf der Suche nach einer neuen Idee oder einer Alternative zu einem bestehenden Vorgehen, aber irgendwie wollen die Ideen und Alternativen nicht so recht kommen.

Woran liegt das?
In vielen Unternehmen ganz klar am Stress und dem hohen Arbeitspensum. Wer am Ende des Tages froh ist, in seinem großen Aufgabenberg, die wichtigsten Dinge so einigermaßen abgearbeitet zu haben, der hat einfach gar keine Zeit, sich in Ruhe Neues zu überlegen oder auf innovative Gedanken zu kommen. Denn, das wussten schon die Philospohen der Antike: Man braucht Muße! Das ist keine Ausrede der hedonistischen Philosophie, sondern neurowissenschaftliche Tatsache!
Stress führt zu einem erhöhten Anstieg von Adrenalin in unserem Gehirn. In diesem Zustand sind wir in der Lage, effizient routiniert eingeübte Aufgaben zu erledigen. Dies sieht man immer wieder in Krankenhäusern oder auch bei der Feuerwehr. Das ist sehr wichtig, aber die Betonung liegt hier auf routiniert, man könnte auch von eingefahrenen Bahnen sprechen. Neue Lösungen (neue Denkbahnen) und Ideen sind in diesem Moment nicht gefragt und geistig auch nur schwer möglich.
Neue und ungewöhnliche Gedanken kommen den meisten Menschen, wenn im Gehirn die Neurotransmitter Dopamin und Serotonin ausgeschüttet werden, die entstehen meist in einem Zustand von Entspannung und Freude. Auch das kennen viele Leute: Die besten Ideen kommen meistens nicht am Schreibtisch, sondern abends auf dem Sofa, beim Sport oder kurz vor dem Einschlafen.
Ein Ansatzpunkt, um Neues zu entwickeln ist daher ganz einfach Zeit, Entspannung und eine andere Umgebung mit anderen Eindrücken. Hierzu empfehle ich einen Artikel, der kürzlich in der ZEIT erschienen ist.

Zum anderen liegt es an einer weiteren Funktionsweise unseres Gehirns: Es werden vor allem die Neuronen verstärkt, die bereits besonders stark ausgeprägt sind. Prof. Manfred Spitzer benutzte in einem Vortrag einmal das Bild von einem Trampelpfad in einem schneebedeckten Park zwischen der Glühweinbude und der Toilette. Es gibt einen Pfad und alle Leute nutzen diesen, je mehr ihn nutzen, desto fester und größer wird er. Etwas ähnliches findet in unserem Gehirn statt. Das Denken bahnt sich gerne den Weg durch bereits bestehende Pfade.
Edward deBono spricht vom Gehirn als ein sich selbst organisierendes und selbst verstärkendes Mustersystem. Er benutzt das Bild von einer Schüssel gefüllt mit Gelatine. Wenn man in diese Schüssel aus einer gewissen Höhe eine Metallkugel hineinfallen lässt, dann wird diese etwas in die Gelatine einsinken. Wenn ich nun aus der gleichen Position erneut eine Metallkugel fallen lasse, dann wird diese dem vorgegebenen Pfad der ersten Metallkugel folgen und diese noch tiefer in die Gelatine drücken und damit den Pfad vertiefen und verstärken.
Und genau das passiert beim Denken. Unser Denken ist von Wahrnehmung bestimmt und folgt fast ganz automatisch vorgegebenen Mustern und verstärkt diese dadurch. Um nun bewusst, diesen Prozess zu durchbrechen, hat deBono eine Reihe von Denkwerkzeugen entwickelt, mit denen man ganz gezielt durch das Verändern der Wahrnehmung bestehende Bahnen verlässt und somit eher auf neue Ideen oder zu alternativen Ansätze kommt oder auch einfach ein Problem wirklich ganzheitlich betrachtet.
Am Beispiel der Ideenfindung kann das ganz simpel mit Hilfe eines Zufallswortes passieren. Man versucht dabei zwischen dem Zufallswort und dem Thema eine Verbindung herzustellen und so über einen anderen Weg zur Lösung zu kommen.
Oft genial einfach, aber einfach genial!