Ist Mind Mapping eine Kreativitätstechnik?

In vielen Publikationen wird Mind Mapping als eine Kreativitätstechnik beschrieben und vorgestellt. Das legt den Schluss nahe, als könne der Einsatz von Mind Mapping Einzelnen und Gruppen gezielt beim Finden neuer Ideen helfen.
Ich selbst bin zertifizierter Mind Mapping Trainer, Menschen die mit mir zu tun haben, wissen, dass ich Mind Mapping für fast alles nutze. Ich glaube allerdings trotz der Vielfältigkeit von Mind Mapping nicht, dass diese als Kreativitätstechnik bezeichnet werden sollte. Trotzdem kann Mind Mapping für kreative Prozesse zum Einsatz kommen.
Um das zu erklären sollte ich erst einmal definieren, was ich unter den jeweiligen Begriffen verstehe.

Mind Mapping – eine Technik zum visualisieren und strukturieren
Auf meiner Website habe ich Mind Mapping nach Tony Buzan folgendermaßen beschrieben: "Durch Mind Mapping können komplexe Informationen auf gehirngerechte Weise visualisiert, strukturiert und organisiert werden. Die Methode hilft Wissenarbeitern schnell und einfach den Überblick zu behalten, Komplexität zu reduzieren und Inhalte optimal zu verarbeiten und auf diese zuzugreifen."
Wer schon mal mit Mind Maps gearbeitet hat, weiß, dass man damit bis auf Abläufe so gut wie alles visualisieren kann, z.B. die Inhalte von Vorträgen, Büchern, Besprechungen und diese Inhalte auch bewusst strukturieren kann und muss.
Mind Mapping gibt somit gewisse Regeln vor, wie Inhalte dargestellt werden. Mind Mapping gibt allerdings keinerlei Denkempfehlungen! D.h. Mind Mapping sagt dem Anwender nicht, in welche Richtung oder nach welchen Aspekte der Nutzer denken kann. D.h. Mind Mapping ist WIE aber nicht WAS.

Kreativitätstechniken als Unterkategorie von Denkwerkzeugen
Dem Nutzer Hinweise zu geben, wie er denken könnte, das ist die Aufgabe von Denkwerkzeugen. Diese werden folgendermaßen definiert: "Eine strukturierte Strategie, die das Denken eines Individuums oder einer Gruppe fokussiert, organisiert und leitet."
Unter dem Begriff Kreativitätstechniken lässt sich grundsätzlich jede Technik verstehen, die im kreativen Prozess zum Einsatz kommen kann. Die meisten Menschen denken dabei wohl eher an eine Technik, die beim Finden neuer Ideen hilft. In der Kreativitätsforschung spricht man hier von ideational thinking tools, also Denkwerkzeuge speziell für die Ideenfindung. Beispiele dafür sind z.B. SCAMPER, Zufallswort und als Rahmen drum herum Brainstorming.
Eine Kreativitätstechnik wie z.B. Zufallswort gibt dem Benutzer eine Verbindung zwischen einem Problem und einem zufällig gewählten Wort vor und weißt ihn an, zu denken, wie diese Verbindung genau aussehen könnte.
Man kann von Mind Mapping erst einmal nicht erwarten, dass man allein durch den Einsatz von Mind Mapping neue Ideen generiert. Trotzdem fördert die Erstellungsweise von Mind Mapping, besonders der Einsatz von Schlüsselwörtern den Fluss von Assoziationen (Bild 1) und damit auch die Wahrscheinlichkeit, Themen von anderen Blickwinkeln zu sehen und damit neue Zusammenhänge zu erschließen. Ein Beispiel gibt es hier.



Nicht für Brainstorming geeignet
Definitiv nicht einsetzen sollte man Mind Mapping für das Brainstorming! Brainstorming wird definiert als "der Versuch einer Gruppe, Lösungen für ein spezifisches Problem zu finden, durch das Anhäufen einer Vielzahl von Ideen." Dieses Anhäufen von Ideen geschieht dabei mit dem Ziel, so viele Ideen wie möglich zu finden, unabhängig von deren Qualität und dieses Vorgehen ist erst einmal unstrukturiert. Es werden einfach sämtliche Ideen unstrukturiert gesammelt. Mind Mapping als eine Technik, die auf Grund ihrer Erstellungsweise immer eine Struktur schafft, wäre hier das falsche Werkzeug, da es eine Struktur herstellt, wo noch keine sein sollte.

Keine Kreativitätstechnik – aber trotzdem sinnvoll im kreativen Prozess
Obwohl Mind Mapping alleine meiner Meinung nach keine Kreativitätstechnik ist, lässt sich diese sinnvoll im kreativen Prozess einsetzen, um z.B. andere Denkwerkzeuge zu visualisieren, die sich z.B. mit der Bewertung von Ideen befassen (z.B. PMI), mit der Diagnose des Problems oder einem kompletten kreativen Problemlöseprozess (wie z.B. mit TOLOPOSOGO), inklusive Brainstorming. Hilfreich ist Mind Mapping auch, wenn es darum geht, in der Bewertung der Ideen diese dann in bestimmte Kategorien einzuteilen und sortieren. Schön gelöst hat dies meiner Meinung nach der Brainstorming-Modus der Software Mindjet Mindmanager, wo erst einmal unstrukturiert alle Ideen gesammelt werden, um diese dann im zweiten Schritt zu strukturieren.

Trackbacks

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  2. Mind Mapping Brainstorming – so funktioniert es

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Kommentare

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  1. Réka schreibt:

    Du hast Recht, dass Mind Mapping kein Denkwerkzeug ist. Was zum Missverständnis führen konnte: Wenn die Gedanken gut organisiert und abgebildet sind, fällt es leichter, den Gedankengang fortzusetzen, weitere Richtungen zu finden. Diese neuen Gedanken sind aber meistens nicht „kreativ“. Der Überblick, die man von der Mind Map bekommt, erleichtert den Fortschritt innerhalb des Gedankengangs, hilft aber nicht dabei, „Nebenstraßen“ zu suchen.

  2. Florian Rustler schreibt:

    "Wenn die Gedanken gut organisiert und abgebildet sind, fällt es leichter, den Gedankengang fortzusetzen, weitere Richtungen zu finden."
    Das hast du sehr schön ausgedrückt! Es kann dann schon passieren, dass man durch die "Sicht" auf das Thema auch zu neuen bis her nicht gedachten Punkten kommt, aber dies passiert dann eher zufällig und nicht bewusst und absichtlich herbeigeführt wie bei Kreativitätstechniken.

  3. Stefan schreibt:

    Hallo Florian!

    Volle Zustimmung! Ich sehe das Mindmapping-Verfahren als eindrucksvolles Hilfsmittel im Rahmen der Analyse.

    Die Generierung von Neuem im Rahmen der Synthese findet im Zusammenspiel der Mind-Map mit dem Betrachter statt, wenn er sich von der vorgegebenen Hierachie lösen kann.

    Dies war ja für mich auch der Aufhänger die Artikelserie zu schreiben (Kap. 01)

    Interessant und diskussionswürdig finde ich jedoch die Nutzung von Symbolen beim Mind-Map-Verfahren als
    Alternative zur Baumdarstellung.

    Also nicht Symbole am Zweig oder Ast, sondern die gesamte Map als Symbol.
    Aber hier bin ich noch am testen.

    Gruß Stefan

  4. Florian Rustler schreibt:

    Hallo Stefan,

    ich bin gespannt, wie deine Experimente verlaufen, Mind Maps in Symbole zu verwandeln. Ich kann es mir noch nicht genau vorstellen, wie es aussehen wird.
    Ich denke, es gibt sicherlich alternative symbolhafte Darstellungen, die dann jedoch kein Mind Map mehr sind.
    Die Illustrationen, die du in Kapitel 4 deines Blogs (http://stefan-scheurer.blogspot.com/2008/08/die-frucht-wchst-am-rande-des-baumes.html) erstellt hast, sind für mich sehr stark mit visuellen Reizen arbeitende Mind Maps.


    Viele Grüße

    Florian


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