Creativity-Factory: Kollektive Ideenmaschine über das Internet?

Sonntag, 4. März 2007

Ich habe eine Idee, die mir schon lange Zeit im Kopf herumschwirrt, in die ich schon etwas Hirnschmalz hineingesteckt habe, die aber noch wesentlich mehr Zeit und Energie benötigt. Ich möchte das trotzdem einmal vorstellen und bin gespannt auf Meinungen:

Ich denke an eine Online-Plattform zur Ideengenerierung und Entwicklung. Ich sehe eine Mischung aus Forum und Social Network, wo Leute/ Firmen/ Organisationen Ideen einstellen und diese von Usern im Netz weiterentwickeln lassen.
Den Mehrwert, den ich dabei sehe, ist, dass man Ideen von einer großen Menge an Leuten weiterspinnen lassen kann und man dadurch viel mehr Möglichkeiten und Umsetzungsmöglichkeiten sowie am Ende auch bessere Qualität erreichen kann.

Das Besondere an dieser Plattform ist der Einsatz von Denkwerkzeug-Wizards, die einem helfen, das Denken bewusst in bestimmte Richtungen zu lenken. Diese Wizards enthalten Denktechniken z.B. 6 hats von Edward DeBono, SWOT-Analyse etc., die den User leiten.
Welcher Wizard zum Einsatz kommt, könnte der User selbst entscheiden, oder der "Einsteller" einer Idee vorschlagen, weil er z.B. das Denken in eine bestimmte Richtung lenken möchte.

Ein typischer Ideen-Prozess könnte folgendermaßen aussehen:

1. Einstellen einer Idee mit der Bitte um Weiterentwicklung.
2. User entwickeln die Idee weiter, mithilfe des Einsatzes von Wizards oder im Freestyle Modus.
3. Die weiterentwickelten Ideen können wiederum aufgegriffen werden.
4. Aus den vielen Ansätzen greift der „Einsteller“ einige raus, die nun in die nächste Stufe gehen -> Release 1
5. Die Release 1 – Idee kann nun wieder mithilfe bestimmter Wizards und Kriterien verfeinert werden.
6. Der Einsteller schließt irgendwann die Idee.
7. Nun geht es in die Bewertungs- und Diskussionsphase
8. ... habe ich mich noch nicht überlegt...

Ziel soll sein, eine Idee soweit zu entwickeln, dass diese in die Umsetzung gehen kann.
Wie hoffentlich deutlich wird, handelt es sich um eine Mischung aus kreativem und strukturiertem Prozess, der die Denkpower vieler Leute nutzen soll.

Viele Fragen habe ich mir dazu schon gestellt, aber nur teilweise beantwortet, z.B.


  • soll es Userprofile geben?
  • soll es Rollen geben? z.B. Ideensponsor und Teilnehmer
  • wie motiviert man User an Ihre Denkpower zur Verfügung zu stellen? z.B. durch raten der Einfälle und damit ein Punktekonto ähnlich wie bei E-Bay.
  • wie könnte ein Preismodell für Firmen aussehen, die die kollektive Intelligenz nutzen wollen?
  • gibt es einen weiteren Extra-Service, z.B für das Strukturieren und Moderieren des Prozesses?
  • Was kostet die Programmierung etc?


Um das gesamte Konzept niederzuschreiben, bräuchte ich noch viel Zeit. Meine Hauptinteresse wäre erst einmal Meinungen zur Akzeptanz und Umsetzbarkeit eines solchen Tools zu erfahren.
Warum gebe ich eine solche Idee preis? Meine Philosophie ist, dass vielen Ideen nichts wert sind, wenn diese nichts umgesetzt werden. Ideen haben ist leicht, aber Umsetzen sehr schwer.

Ein Denkwerkzeug, dass ich für Ihre Gedankenexperimente vorschlage ist das 6-hats-framework von DeBono. Folgende Fragen können helfen:

  • Wie ist Ihr Gefühl, Ihr Eindruck, wenn Sie das hören (ohne logische Begründung!)
  • Welche Fakten haben wir? Welche Fragen müssen noch beantwortet werden?
  • Warum könnte es scheitern? Wo liegen Schwierigkeiten?
  • Warum könnte es klappen? Was ist positiv daran?
  • Welche weiteren (provokanten) Ideen, Hypothesen etc. gibt es noch, die dem Ganzen eine neue Richtung verleihen könnten?


Ich bin gespannt und hoffe auf Beiträge!

Buchbesprechung: The rise of the creative class

Donnerstag, 1. März 2007

Der amerikanische Soziologe Richard Florida hat im letzten Jahr ein viel beachtetes Buch über die kreative Klasse veröffentlicht.
Seine These lautet, dass sich entwickelte Länder heute in der Phase der sogenannten Kreativ-ökonomie befinden oder in diese kommen, in der Kreativität einen wichtigen und immer größer werdenden Anteil der ökonomischen Ressourcen darstellt. Die Leistungsfähigkeit eines Wirtschaftsraumes hängt nach Florida in zunehmendem Maße davon ab, wie es ihm gelingt, kreative Köpfe anzulocken. Dabei spielen nicht Länder eine Rolle sondern eher Regionen oder Städte.
Er zeichnet damit einen Gegenentwurf zu "The world es flat", indem er behauptet, dass besonders heute im Zeitalter des Internets und der örtlichen Unabhängigkeit gerade Orte und bestimmte kreative Zentren eine entscheidende Rolle spielen. Nach Florida ist es nicht egal, wo auf der Welt man sich befindet, die moderne Kommunikation und das scheinbare Kleinerwerden der Welt sind nicht genug. Kreative Köpfe ziehen dort hin, wo sie dass für sie beste Umfeld finden und andere Kreative treffen. Beispiele für solche Zentren sind das Silicon Valley, London, Paris und Tokyo. In der Wirtschaftswoche (Ausgabe 41/2006) erschien der Artikel "Globale Hotspots", in dem diese kreativen Zentren verdeutlicht wurden. Satellitenbilder mit Nachtaufnahmen bestimmter Regionen und die Höhe der Wirtschaftskraft dieser Region wurden grafisch auf Karten abgetragen, um so die kreativen Zentren der Welt sichtbar zu machen.

Die kreative Klasse
Den Begriff der Kreativität fasst Florida dabei ziemlich breit. Für ihn zählen alle Kopfarbeiter zu dieser Klasse, innerhalb derer es noch einmal einen Kern der wirklich kreativen Vordenker und Innovatoren gibt.
Entscheidend für die Anziehungskraft von Orten sind die drei Ts: Technologie, Talent und Toleranz.
Ohne das Vorhandensein von Hochtechnologie ist heute im ökonomischen Sinne nur wenig Wachstum und Entwicklungspotenzial möglich. In empirischen Studien versucht Florida zu verdeutlichen, dass sich alle wirtschaftlich starken Regionen durch eine hohe Konzentration von Hoch-Technologie auszeichnen. Talentierte Menschen und ein tolerantes Umfeld alleine schaffen zwar möglicherweise viel kreatives Potenzial, dass sich allerdings nicht in wirtschaftliche Stärke umsetzen lässt, wie Florida auch am Beispiel Berlin erklärt.
Begabte Menschen – Talent – sind ein weiterer Faktor, der es erst ermöglicht, Technologie auch zu nutzen und weitere Innovationen anzukurbeln. Talentierte Menschen werden sich bewusst einen Ort suchen, an dem sie ihr Potenzial ausleben und entwickeln können.
Am ausführlichsten geht Florida auf die Toleranz ein, die er empirisch mit einem Gay-Index einem Melting-Pot-Index und einem Bohemian-Index nachweist. Diese drei Indices sind ein Anhaltspunkt wie tolerant ein Ort ist. Von diesem toleranten Umfeld wird die kreative Klasse angezogen.
Floridas These lautet, dass Orte wieder mehr den je an Bedeutung gewinnen und sich die kreative Klasse den Ort aussucht, an dem sie leben möchte, der ein stimulierendes Umfeld bietet. Die Menschen reisen also nicht dem Job hinterher, sonder umgekehrt, sie wählen den Ort und suchen sich dann einen Job.
Diese kreativen Zentren, die mit allen drei Ts gesegnet sind entwickeln dann eine Sogwirkung auf andere und locken weitere Kreative an.

Gesellschaft der losen Verbindungen
Das Leben in der kreativen Gesellschaft als eine Gesellschaft der schwachen Verbindungen (weak-ties-theory) bezeichnet werden. D.h. im Gegensatz zur Theorie des Sozialkapitals von Putnam zieht die Gesellschaft ihre kreativen Impulse aus den relativ schwachen und losen Verbindungen zwischen den Menschen. Dadurch sind die Eintrittsbarrieren in Gruppen niedrig und die Zirkulation von Ideen und die Flexibilität entsprechend hoch. Diese "Quasi-Anonymität" sorgt dafür, dass sich verschiedene Ansichten und Einflüsse schnell durchmischen, was viele kreative Impulse freisetzt.

Floridas Buch liefert viele interessante Einsichten und Erklärungsansätze über das entstehen kreativer Zentren, die sich in der Empirie zu bestätigen zeigen. In letzer Zeit ist in den Zeitungen immer mehr über den Einfluss von sogenannten globalen Städten wie New York, Shanghai oder Paris zu lesen, die - sollten die Autoren recht behalten - immer mehr an Bedeutung gewinnen und dafür ganze Staaten in den Hintergrund rücken. Auch in den USA scheinen viele Florida zuzustimmen: Im Moment wird dort heiß diskutiert ob und wie der harte (und intolerante) Kurs der Regierung talentierte Menschen davon abhält, in die USA zu kommen.